Biopic | Großbritannien 2019 | 97 Minuten

Regie: Toby Haynes

Im Rahmen des Referendums für oder gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU 2015/2016 geht Dominic Cummings, der Kopf der „Vote Leave“-Kampagne, daran, Wähler für den „Brexit“ zu gewinnen. Dabei setzt der Stratege auch auf die Dienste einer Datenanalyse-Firma, um potenzielle Wähler auszumachen und via Social Media zu beeinflussen. Der Film beleuchtet die Durchführung der Kampagne jenseits von Frontmännern wie Boris Johnson und entfaltet sich zwischen Satire und Drama als Polit-Theater mit hohem Tempo. Die Fokussierung auf die von Benedict Cumberbatch eindrucksvoll verkörperte Hauptfigur sorgt allerdings dafür, dass der Film als Analyse der Brexit-Hintergründe nur bedingt aussagekräftig ist, und unterhält vor allem als Psychogramm eines neuen Typus von Machtmenschen, der darangeht, den politischen Diskurs mit digitalen Mitteln zu verändern. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BREXIT: THE UNCIVIL WAR
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Toby Haynes
Buch
James Graham
Kamera
Danny Cohen
Musik
Daniel Pemberton
Schnitt
Matthew Cannings
Darsteller
Benedict Cumberbatch (Dominic Cummings) · John Heffernan (Matthew Elliott) · Rory Kinnear (Craig Oliver) · Simon Paisley Day (Douglas Carswell) · Lee Boardman (Arron Banks)
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Satire

Heimkino

Verleih DVD
Polyband
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Diskussion

Zwischen Drama und Satire changierendes Polit-Theater um Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch), den Kopf der „Vote Leave“-Kampagne im Zug des Brexit-Referendums.

Es ist wie bei der Erdölförderung: Da sind irgendwo diese verborgenen Einschlüsse von Energie, die sich über einen langen Zeitraum gebildet haben und auf Befreiung warten – man muss nur herausfinden, wo sie sind, und dann anfangen zu bohren. Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch), der Kopf der „Vote Leave“-Kampagne, vergleicht seine Arbeit in einer Szene mit dem Job seines Vaters, der als Projektmanager auf einen Ölbohrinsel arbeitete. Die Ressourcen, die Dominic anzapfen möchte, sind der aufgestaute Groll seiner Landsleute gegen die sozialen und politischen Verhältnisse in Großbritannien, sind die Ängste, die mit der Globalisierung einhergehen, sind die Frustrationen derer, die sich als zu kurz gekommen empfinden. Bald wird Dominic herausfinden, wo er ansetzen muss, nach einem Treffen mit einem alten Bekannten, der für die Datenanalyse-Firma AggregateIQ arbeitet: Deren Algorithmen sollen der „Vote Leave“-Kampagne eine Schicht von Wählern erschließen, die die Kampagnenmanager der Gegenseite nicht einmal mehr auf dem Schirm hatten: Leute, die seit Ewigkeiten nicht mehr gewählt haben und jedes Vertrauen in die Politik verloren haben.

Der von James Graham geschriebene und von Toby Haynes inszenierte Fernsehfilm über die Kampagnen am Vorabend des Brexit-Referendums am 23.6.2016 beginnt mit einer kleinen Montage von Archivmaterial, die Großbritanniens Verhältnis zu Europa vom Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 2015 skizziert. Während die reale Brexit-Politsatire noch in vollem Gange ist (der Film hatte seine britische Erstausstrahlung am 9.1.2019), versucht „Brexit – The Uncivil War“ die Frage zu beantworten, die sich nach dem Referendum wahrscheinlich viele Europäer gestellt haben: Was hat die Briten bloß geritten, als über 17 Millionen der Wähler, 51,9 Prozent, gegen den Verbleib in der EU stimmten? Die Antwort, die der Film nahelegt, ist: Dominic Cummings! Womit auch schon das Problem von Grahams und Haynes’ Herangehensweise umrissen ist: Sie fokussieren ein bisschen zu stark auf den 1971 geborenen Polit-Berater und Kampagnenmanager, und obwohl es durchaus erhellend ist, mit ihm eine Figur in den Fokus zu nehmen, die weitgehend im Schatten von politischen Frontmännern wie Boris Johnson, Nigel Farage und Michael Gove agierte, drängt sich doch der Eindruck auf, dass das Rampenlicht, das „Brexit“ auf sie richtet, doch nicht ganz verdient ist.

Benedict Cumberbatch absorbiert die Aufmerksamkeit

Das Drehbuch und der einmal mehr famose, die Aufmerksamkeit geradezu absorbierende Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch bauen Cummings zum faszinierenden, komplexen Mastermind auf, in dem Cumberbatchs Rollengeschichte als „functioning sociopath“ Sherlock, Richard III. (The Hollow Crown) und Alan Turing (The Imitation Game) nachklingt, während um ihn herum sämtliche andere Akteure der „Vote Leave“-Kampagne mehr oder minder als Witzfiguren, Trottel und Handlanger dastehen. Was dramaturgisch gut aufgeht – man kann sich dem Charisma, das Cumberbatch unter anderem in seinen diversen Monolog-Szenen entfaltet, kaum entziehen –, als Hintergrundanalyse des Brexit-Votums aber wohl etwas kurz greift.

Der Film verfolgt das Geschehen ab dem Spätjahr 2015, als Cummings von Polit-Stratege und Lobbyist Matthew Elliott und dem Abgeordneten der Unabhängigkeitspartei (UKIP) Douglas Carswell an Bord geholt wird, um eine „Vote Leave“-Kampagne aufzubauen – nicht zuletzt, um den Hardlinern um Arron Banks und Nigel Farage und ihrer „Leave EU“-Kampagne nicht das Feld zu überlassen. Cummings nimmt den Posten an und zeigt sich als ebenso widerborstige wie brillante und skrupellose Wahl für den Posten: widerborstig wegen seiner unverhohlenen Ressentiments gegen die politische Kaste im Allgemeinen, was die „Vote Leave“-unterstützenden Politiker mit einschließt und zu diversen inneren Konflikten führt; brillant und skrupellos wegen seiner Entschlossenheit, gängige Wahlkampfmethoden hintanzustellen und sich stattdessen ganz auf die Methoden von AggregateIQ und die Einflussnahme via Social Media zu verlassen – ohne Scheu vor gezielten Falschmeldungen. Die Gegenseite, im Film vor allem repräsentiert durch Rory Kinnear als Regierungssprecher, findet sich bald in der Situation wieder, nur mehr auf die Meinungs-Brände reagieren zu müssen, die Cummings mit seiner Kampagne legt, anstatt selbst Themen zu setzen.

Zwischen Satire und Drama changierendes Polit-Theater

Grahams Drehbuch und Haynes’ dichte Inszenierung machen daraus zwischen Satire und Drama changierendes Polit-Theater mit hohem Tempo. Wobei es nicht nur darum geht, Cummings Methoden aufzuzeigen, sondern zumindest auch aufscheint, warum diese auf so fruchtbaren Boden fielen – durch einige Szenen, die sich mit den von Cummings anvisierten Wählern befassen. Da diese ziemlich knapp bleiben und der Film ansonsten ganz ums Faszinosum seiner schillernden Hauptfigur kreist, vermitteln diese jedoch wenig jenseits der ziemlich allgemeinen Erkenntnis, dass sich eine wachsende Zahl von Bürgern vom Staat abgehängt fühlt.

Spannend ist „Brexit“ somit vor allem als Psychogramm einer neuen Sorte von Machtmensch, die, wie Cummings es im Film an einer Stelle formuliert, nicht mehr an die Politik glaubt („Der politische Diskurs ist schwachsinnig geworden, dank der Schwachköpfe, die ihn führen“), und darangeht, mit digitalen Mitteln „die Matrix der Politik“ selbst zu verändern. Ein Experiment mit noch offenem Ausgang. Der reale Cummings sorgte übrigens Ende März 2019 für Schlagzeilen, weil er sich einer Anhörung durch ein vom Parlament eingesetztes Komitee, das Falschmeldungen im Zug des Brexit-Referendums untersuchen soll, verweigerte. In seinem Blog reagierte Cummings am 27.3.2019 darauf seinerseits mit Anschuldigungen gegen die Parlamentarier, viel Häme gegen die derzeitigen Parlaments-Rangeleien um den Austritt aus der EU und einem Aufruf an die „Vote Leave“-Befürworter, sich digital neu zu organisieren: „Start rebuilding our network now. The crucial data to collect: name, email, postcode, mobile (full address if possible). If we need to set up a new entity - a campaign, a party - you will be able to plug this straight into new data infrastructure and we will try to grow super-fast. And it looks like we will need to…“.

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