Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Serie | USA 2018 | 448 (10 Folgen) Minuten

Regie: Jean-Jacques Annaud

Auf dem Grundstück eines prominenten Literaturprofessors werden die Gebeine einer 15-Jährigen gefunden, die vor rund dreißig Jahren ermordet wurde. Im Zuge der Ermittlungen richtet sich der Verdacht schnell gegen den Hausherrn, der eine Affäre mit der Minderjährigen gehabt haben soll. Doch ein ehemaliger Student des Professors glaubt an dessen Unschuld und stellt seinerseits Nachforschungen an. Eine Serienadaption des gleichnamigen Kriminalromans, die auf zwei Zeitebenen vexierbildartig die Hintergründe der Tat aufdeckt und sich dabei vom Thriller zum „Lolita“-und Familiendrama entwickelt. Die konventionelle Inszenierung und eine Spannungsdramaturgie, die durch die behäbige Erzählweise und die Fülle der Motivstränge etwas ausgebremst wird, sorgen dafür, dass die Adaption weniger dicht ausfällt als die Vorlage. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE TRUTH ABOUT THE HARRY QUEBERT AFFAIR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Jean-Jacques Annaud
Buch
Michael Horowitz · Lynnie Greene · Richard Levine
Kamera
Jean-Marie Dreujou
Musik
Simon Franglen
Schnitt
Reynald Bertrand · Annie Ilkow
Darsteller
Patrick Dempsey (Harry Quebert) · Ben Schnetzer (Marcus Goldman) · Damon Wayans jr. (Perry Gahalowood) · Kristine Froseth (Nola Kellergan) · Kurt Fuller (Gareth Pratt)
Länge
448 (10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Serie | Thriller
Diskussion

Der Tod, der Sex, der Schriftsteller und das Mädchen: Jean-Jacques Annaud hat für sein Seriendebüt Joël Dickers Bestseller „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ als zehnteilige Thrillerserie adaptiert.

„Unter der Erde“ heißt nicht nur die erste Episode von Jean-Jacques Annauds Serien-Adaption des Bestsellers von Joël Dicker („Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“), sondern im Grunde wäre das auch der passendere Serientitel gewesen. Denn „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ klingt im ersten Moment nicht nur hölzern, sondern sieht phasenweise auch genauso bieder inszeniert aus, obwohl mit Jean-Jacques Annaud („Der Name der Rose“/„Der Liebhaber“) ein literaturaffiner Handwerker als Ideengeber und Regisseur dieses durchaus ambitionierte Serienprojekt verantwortet, das nun auf der RTL-Streaming-Plattform TV Now zu sehen ist.

Unter der Erde und gleich neben der imposanten Villa des ehemaligen Bestsellerautors und heutigen Universitätsprofessors Harry Quebert (Patrick Dempsey) wurde ein totes Mädchen gefunden: besser gesagt einzelne Teile ihres verbliebenen Skeletts. Denn der offensichtliche Mord liegt über drei Jahrzehnte zurück. Prompt richtet sich der Anfangsverdacht auf den prominenten Hausherren: zum einen weil sonst niemand in unmittelbarer Nähe wohnt, und zum anderen da im Laufe der zügigen Ermittlungen immer mehr Details über das innige Verhältnis Queberts zur damals erst fünfzehnjährigen Nola Kellergan (Kristine Froseth) ans Licht der sensationslüsternen Medien treten.

Ein ehemaliger Student tritt an, um seinen Professor zu entlasten

Allein einer seiner ehemaligen Studenten – Marcus Goldman (Ben Schnetzer), der selbst einen ersten literarischen Coup vorgelegt hat und mittlerweile ein schickes Loft in Manhattan bewohnt – glaubt an die Unschuld Harry Queberts, weshalb er zeitweise selbst in dessen Villa einzieht, dort herumstöbert und sich regelmäßig mit dem Verhafteten im Gefängnis trifft. Gemeinsam mit dem publicitygierigen Anwalt Benjamin Roth (Wayne Knight) sowie dem Polizei-Sergeant Perry Gahalowood (Damon Wayans Jr.)  fahndet er auf eigene Hand nach dem Mörder und dessen Motiven.

Mitte der 1970er-Jahre war Goldmans Mentor Harry Quebert mit seinem Romandebüt „Der Ursprung des Bösen“ quasi über Nacht bekannt geworden, doch seither hatte er trotz vieler Verlagsangebote keine literarische Zeile mehr veröffentlicht, was den New Yorker Nachwuchsschriftsteller nicht minder interessiert, weil er sich selbst gerade in einer akuten Schreibblockade befindet und ein Nachfolgeroman weiter auf sich warten lässt. Als stiller Genussmensch, umgeben von Büchern und schönen Dingen, lebte Harry Quebert seit seinem literarischen Durchbruch – und bis zu seiner plötzlichen Verhaftung – in der Provinzstadt Sommerdale im US-Bundesstaat Maine: in einer standesgemäßen Bilderbuchvilla, abgeschieden – und direkt am Strand. (Geld-)Schein und (literarisches) Sein lagen in der abgeschlossenen Welt Harry Queberts lange Zeit nahe beieinander.

Vom Thriller zum „Lolita“- und Familiendrama

Die Serie verwandelt sich episodenweise von einem Thriller in ein „Lolita“- und Familiendrama sowie in eine partielle Persiflage auf den amerikanischen Buchmarkt. Der galante Frauenversteher, den „Grey’s Anatomy“-Star Patrick Dempsey zwar solide, aber für den eigentlichen Serienfortgang wenig prägnant verkörpert, ist nicht nur ein talentierter Schreiber; als frühzeitiger Marketing-King, der mit den Gesetzen des Literaturmarktes wie der geforderten Genie-Inszenierung in diesem Milieu bestens vertraut ist, gefällt er sich über dreißig Jahre später in erster Linie in der Rolle des Literaturvermittlers und Professors, der von seinen Studenten gemocht wird.

Kein Wunder, dass ihm böse Zungen aus dem Kleinstadtkosmos von Sommerdale schon in seiner Zeit als literarisches Junggenie ein Faible für Kindfrauen nachsagten. Er und die bildhübsche Nola: Zwischen diesen beiden muss doch im Sommer 1975 etwas gelaufen sein, unken viele. Mit ihrer grazilen Art, ihrem Kussmund und ihren sanften Wangen war die Pastorentochter nicht nur jedem Bewohner von Sommerdale durch ihre Arbeit als Servicekraft im ortsansässigen „American Diner“ bekannt. Für manche von ihnen wie den Chauffeur eines reichen Bürgers oder einige Ortspolizisten war sie, wie sich zur Mitte der zehn Episoden Annauds zeigt, nicht nur ein imaginäres Lust-und-Wunsch-Objekt. Abseits der Hauptstraßen, in Gärten, Wiesen, Hinterhäusern und Waldstücken, rumort es schließlich nicht erst seit David Lynchs „Twin Peaks“ in der amerikanischen Serienwelt oft genug...

Allerdings fällt „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ wegen des auffällig zurückhaltenden Regiestil Annauds und wegen des durchwegs passablen, wenngleich nicht überragenden Schauspielensembles um Patrick Dempsey in der Summe gänzlich anders aus als der mysteriös aufgeladene, mit Thriller- und Schockelementen durchsetzte „Twin Peaks“-Kleinstadtkosmos. Jean-Jacques Annaud hantiert zwar, wie Joël Dicker in seiner Romanvorlage, mit mehreren Zeitebenen (1975 und 2008), viel Personal und Handlungssträngen, jedoch im Unterschied zur Originalvorlage (französischer Titel: „La Vérité sur l’affaire Harry Quebert“) im Tempo deutlich gemäßigter und ästhetisch konventioneller – explizite Darstellungen von Sex und Gewalt werden auffällig gemieden oder nur aus halbnaher Distanz und im Dunkeln gezeigt.

So stellt sich bereits in den ersten drei Episoden rasch das Gefühl ein, dass der Seriendebütant Annaud zwar angesichts des fintenreichen Drehbuchs durchaus Lust daran hatte, erst einmal noch mehr Verwirrung in jenes anfangs klassische „Whodunit“-Szenario zu bringen. Doch spätestens ab der achten Episode, wenn mehrheitlich bereits große Handlungsfäden wieder zusammengesponnen werden, stellt sich ernsthaft die Frage, ob eine serielle Verdichtung auf lediglich sechs bis acht Folgen in toto nicht besser, weil stringenter und spannungsreicher, gewesen wären.

Zudem muss sich Annauds postmodern konnotiertes, aber visuell brav in Szene gesetztes Vexierspiel den Vorwurf gefallen lassen, dass diese Verfilmung prinzipiell zu oft die Genres wechselt und dass beim Verquicken der unterschiedlichen Handlungsstränge um die zentrale Mordgeschichte, den zynischen Literaturbetrieb, pikante Familiengeheimnisse und religiöse Brandstifter mitunter die Spannungsdramaturgie auf der Strecke bleibt. Am Ende ist „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ weniger ein lustvolles Dechiffrier-Spiel für Freunde der Literatur von Umberto Eco, Patrick Süskind oder Italo Calvino, sondern lediglich eine gedämpfte „Amour fou“-Variante mit gedrosselter Geschwindigkeit und wenig nackter Haut, die dramaturgisch nicht mit thematisch ähnlichen Serien wie „Broadchurch“ mithalten kann.

 

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