Animation | Deutschland/Österreich 2018 | 89 Minuten

Regie: Mohammad Farokhmanesh

Wie geht es jungen Menschen, die in Familien mit rechtsextremer Haltung aufwachsen? Welchen Indoktrinationen sind sie ausgesetzt? In einer Mischform aus Interviewfilm, Animation und szenisch gestalteten Momenten wird Äußerungen rechtsextremer „Vordenker“ aus Deutschland und Österreich die semifiktive Geschichte eines Mädchens entgegengestellt, das erst nach herben Schicksalsschlägen einen Weg aus der Umklammerung rechter Ideologen findet. Der aufklärerische Impetus wird jedoch durch die sentimentale Story ausgebremst und droht sich ins Gegenteil zu verkehren. Denn im Kontrast zu den selbstbewussten Thesen rechtsextremer Intellektueller wirkt die Erzählung dramaturgisch und ästhetisch fast hilflos. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Österreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Mohammad Farokhmanesh · Frank Geiger
Buch
Frank Geiger · Armin Hofmann · Mohammad Farokhmanesh
Kamera
Marcus Winterbauer
Musik
Siegfried Friedrich
Schnitt
Andrew Bird · Frank Geiger · Habiba Laout
Länge
89 Minuten
Kinostart
09.05.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Animation | Dokumentarfilm
Diskussion

Mischung aus Interviewfilm, Animation und szenisch gestalteten Momenten, in denen Äußerungen rechtsextremer „Vordenker“ mit der semifiktiven Geschichte eines Mädchens kontrastiert werden, das erst nach herben Schicksalsschlägen einen Weg aus der geistigen Umklammerung rechter Ideologien findet.

Ein wichtiger Film zur richtigen Zeit – mit dieser Zeile wird für den Film „Kleine Germanen“ geworben. Es ist ein Film, der ein eher wenig beachtetes Problem unserer Gesellschaft ins Blickfeld nimmt: das Alltagsleben von Familien mit rechtsextremer Gesinnung, insbesondere die Erziehung und ideologische Indoktrination ihrer Kinder.

Weil es unmöglich war, mit der Kamera in diesen Kreisen frei zu recherchieren, entschlossen sich der aus dem Iran stammende Regisseur Mohammad Farokhmanesh und sein deutscher Co-Regisseur Frank Geiger zu einer Mischform aus Interviewfilm, Animation und einigen wenigen szenischen Teilen. Interviewt werden intellektuelle Schlüsselfiguren der „neuen Rechten“ wie der Verleger Götz Kubitschek und dessen Frau Ellen Kositza, die gemeinsam sieben Kinder großziehen, die NPD-Aktivistin und vierfache Mutter Ricarda Riefling sowie Martin Sellner, einer der Anführer der identitären Bewegung Österreichs. Zu Wort kommen außerdem deutsche und österreichische Rechtsextremismus-Forscher, der Leiter einer Hilfsorganisation für rechtsextreme Aussteiger und ein Aussteiger selbst, die ihre Berichte und Analysen aus dem Off vortragen.

Elsa und ihr brauner Großvater

Die Interviews begleitend und konterkarierend, zieht sich die in 3D-Animation realisierte Geschichte eines Mädchens namens Elsa durch den Film. Ihre Story ist frei nach wahren Begebenheiten erfunden. Elsa, Anfang der 1970er-Jahre geboren, hing ihrem Großvater an den Lippen, wenn dieser von seiner „Heldenzeit“ im Zweiten Weltkrieg schwadronierte, vom Kampf gegen die Bolschewiken, vom Hass auf Juden und das verrottete Amerika. Später tritt Elsa einer extremen Partei bei, heiratet einen jungen, vor Gewalt nicht zurückschreckenden Rechtsradikalen und erzählt ihrer Tochter Marrit die Legende von Thor, jenem Gott, der sich opfert, um das Volk der Germanen zu retten. Schließlich bringt Elsa einen geistig behinderten Jungen zur Welt. Ihr cholerischer Mann greift zu rabiaten Erziehungsmethoden, zündet außerdem Asylantenheime an und wird verhaftet. Nach seiner Entlassung gerät Elsas Leben aus den Fugen.

Offensichtlich ist die Animation als emotional wirksames Gegenargument gegen die von Kubitschek & Co. aufgestellten Thesen über Volk, Familie und Vaterland gedacht. Eine menschliche Tragödie, eine Parabel über Verführung und Verzweiflung und den Beginn eines Erkenntnisprozesses. Ein Aufschrei, ein Menetekel, ein Signal. Allerdings fragt man sich, für wen dieser Weckruf gedacht ist? Für junge Rechtsextreme? Das mag sein, doch scheint der Film hier eher ins Leere zu laufen. Denn der aufklärerische Impetus wird von der filmischen Ästhetik massiv ausgebremst. Die animierte Geschichte ist hochgradig sentimental, ertrinkt in aufdringlicher musikalischer Dauerberieselung und greift zudem noch auf Synchronstimmen zurück, die einer drittklassigen US-Familienserie entsprungen sein könnten. Banale Rührseligkeit als Rezept zur Läuterung? Hier passt etwas nicht zusammen.

An wen richtet sich der Film?

Andererseits brauchen Zuschauer, die mit dem rechtsextremen Gedankengut nichts am Hut haben, weder die Elsa-Story noch die Statements der Ultrarechten, um sich selbst in der Balance zu halten. An wen also richtet sich dieser Film?

Weil „Kleine Germanen“ insgesamt den Eindruck eines dramaturgischen und ästhetischen Irrtums erweckt, muss seine Berechtigung für die politische Bildung angezweifelt werden. Die animierten Passagen und die in ihnen enthaltene Gegenklage wirken gegen die Äußerungen der rechtsextremen „Vordenker“ ziemlich hilflos. Kubitschek, Kositza und ihre Gesinnungsgenossen nutzen die Anwesenheit der Kamera mit sichtbarem Selbstvertrauen als Plattform, um sich als nachdenkliche Weltenretter zu präsentieren, als diejenigen, die Tugenden wie Disziplin und Ordnung bekräftigen.

Im Presseheft ist zu lesen, dass der Film den Interviewpartnern aus der rechten Szene vorab zur Kenntnis gegeben worden sei, aber keiner von ihnen darauf reagiert habe. Das verwundert kaum, denn „Kleine Germanen“, so tapfer er seine Position zu behaupten versucht, tut mit seiner melodramatisch zelebrierten Elsa-Story niemandem weh.

Der schleichende Rechtsdrang der Mitte

Im Übrigen liegen die gravierenden Probleme der Gesellschaft ganz woanders: nicht in erster Linie bei den extremen Rändern, sondern direkt in und unter uns, beim gar nicht mehr so schleichenden Rechtsdrang der bürgerlichen Mitte. Und das in vielen Ländern, weltweit.

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