Episodenfilm | Deutschland 2019 | 92 Minuten

Regie: Katharina Mihm

Wie würden sich Kinder in einer Welt ohne herkömmliche Schule entwickeln, wenn ihr Wissensdurst auf andere, kreativere Weise gestillt würde? Der etwas aus der Zeit gefallene Social-Fiction-Film malt diese Fantasie in fünf Episoden am Beispiel höchst unterschiedlicher Jugendlicher aus. Unspektakulär erzählt der Film von der Suche nach individuellem wie kollektivem Glück, ohne sich auf aktuelle gesellschaftliche Debatten zu beziehen. Die Inszenierung erinnert stellenweise zwar an Brechtsche Lehrstücke, sprüht in ihren Dialogen aber auch vor poetischer Absurdität. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Katharina Mihm
Buch
Andreas Laudert
Kamera
Arsenij Gusev
Musik
Elias Gottstein
Schnitt
Caro Sultan Bauermeister · Sebastian Lempe
Darsteller
Emma Frieda Brüggler (Janne) · Paul Csipai (Max) · Carl Hiller (Lovis) · Lena Stoll (Saskia) · Marc Adams (Hans)
Länge
92 Minuten
Kinostart
09.05.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Episodenfilm
Diskussion

Social-Fiction-Episodenfilm über fünf Jugendlichen, die in einer Welt ohne Schulpflicht aufwachsen und ihren Wissensdurst auf alternative Weise stillen.

Die Schule ist verschwunden. Wo gestern noch ein Gebäude stand, blicken Schüler und Lehrer ratlos und manche auch ein wenig traurig auf eine grüne Wiese. Der Hausmeister kann es nicht glauben, und die Journalisten reden aufgeregt durcheinander. Eine schlafwandlerische Atmosphäre beherrscht die Sequenz, denn alles ist nur ein Traum. „CaRabA – Leben ohne Schule“ erzählt dennoch von einem Leben und vom Lernen ohne Schulpflicht.

Der Spielfilm stellt fünf sehr unterschiedliche Protagonisten vor. Die 24-jährige Saskia lebt in einem ausgebauten Bauwagen und hat ein Schlafmittel aus Heilkräutern entwickelt. Übers Internet ist sie mit einem asiatischen Wissenschaftler bekannt geworden, der sie an eine Hochschule in den USA locken will.

Max ist rund zehn Jahre jünger und liebt die Kunst. Seine Stärke ist die Analyse. Ein Kunsthistoriker hilft ihm, seinen Weg zu finden, auch wenn Max vielleicht weder Maler noch Kunstkritiker, sondern etwas ganz andere wird. Seine Mutter organisiert derweil Kurse für die arbeitslos gewordenen Lehrer: „Aufstehkurse“ und „Rückgratwanderung“ fürs pädagogische Proletariat.

„Ich will etwas tun!“

Lovis ist 14, kann nur schlecht lesen und braucht sehr lange, um sich zu entscheiden. Er freundet sich mit der Eisverkäuferin Soljanka an, die ihm aber auch nicht beibringen kann: „Schreib ABRAKADABRA! CARABA, du hast CaRabA geschrieben!“ „Ich will nicht etwas werden, ich will etwas tun!“, entgegnet Lovis und lernt dann mit Begeisterung, wie man Uhrwerke repariert.

Nuri ist noch klein. Seine Mutter arbeitet bei einem Fernsehsender, sein Vater ist Taxifahrer. Nuri löchert die Fahrgäste und seine älteren Geschwister mit vielen Fragen, weil er die Welt begreifen will. Vielleicht werden Kinder, die ständig fragen, einmal Außenminister, mutmaßt sein Vater.

Janne, das Mädchen mit den grün gefärbten Haaren, erfährt von ihrem Vater, dass ihre wirkliche Mutter alkoholabhängig und psychisch krank gewesen sei.

Was Kinder wollen

Mentoren und andere Erwachsene, die Hilfestellungen geben, ersetzten die klassische Schule. Es gibt auch das nach Wegfall der Schule entstandene Ministerium für freie Bildung, eine Art Anlaufstelle für Projekte und Wissbegierige aller Arten. Saskia fragt nach, wo sie Probanden finden kann und ihr Schlafmittel patentieren lassen kann. Max will kein Norwegisch lernen, sondern Englisch. Janne fragt: „Hallo, ich habe gerade erfahren, dass ich nicht die Tochter meiner Mutter bin. Was für ein Schulfach wäre das?“ „Biologie vielleicht?“ „Das gerade nicht. Ich habe eher an sowas wie Ethik gedacht, ich wurde schließlich belogen.“ Dann aber entdeckt sie ihr Herz für die soziologische Feldforschung.

Mit der Poesie des Absurden erzählt „CaRabA – Leben ohne Schule“ unspektakulär und fast traumwandlerisch die positive Utopie von einer Gesellschaft auf der Suche nach der individuellen wie kollektiven Wissenserweiterung. In dieser Welt, die der Social-Fiction-Film von Katharina Mihm entwirft, ist die Schulpflicht aufgehoben worden, nachdem ein Mädchen vor dem Verfassungsgericht einen Prozess gewonnen hat. Ihr autonomes Ich würde in seiner Würde eingeschränkt, wenn man ihm vorschriebe, wo es sich aufzuhalten habe, heißt es im Urteil.

„Danach war die Schulpflicht Historie“, doziert ein Soziologe. „Es war keine Zauberei. Eher so wie der Ausstieg aus der Atomkraft. Sozusagen eine andere Energiewende: Die Wiedervereinigung unseres Geistes mit der Freiheit.“

Ivan Illich, Arno Stern & Bertrand Stern

„CaRabA – Leben ohne Schule“ ist ein Thesenfilm und baut auf Forderungen des Pädagogen Ivan Illich (1926-2002) nach einer „Entschulung der Gesellschaft“, den reformpädagogischen Ansätzen von Arno Stern und dessen Sohn Bertrand Stern auf. Die distanzierte Inszenierung erinnert stellenweise an Brechtsche Lehrstücke aber auch an das Antitheater der 1960 er-Jahre; die Dialoge des Drehbuchautors Andreas Laudert sprühen mitunter vor poetischer Absurdität.

„CaRabA – Leben ohne Schule“ ist weder missionarisch noch polemisch; der Film wirkt auf eigentümliche Weise aus dem Kontext gefallen. Da er weder in die Debatte um den Sinn der Schulpflicht eingreift noch die Verbindung von Lernen, Leistungsdruck und Arbeitsmarkt thematisiert, bleibt er rätselhaft und wirkt anachronistisch. Die kleine soziale Utopie von der abgeschafften Schulpflicht wird in keiner Weise dem Umstand gerecht, dass das Schulsystem heute viel stärker von den Propagandisten eines neoliberalen Leistungsethos angegriffen wird als von antiautoritären Reformpädagogen. So bleibt am Ende von „CaRabA – Leben ohne Schule“ ein Gefühl von Ratlosigkeit zurück, auch wenn man den sympathischen Protagonisten alle Zeit der Welt wünscht, um ihren Weg zu finden.

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