Maquia - Eine unsterbliche Liebesgeschichte

Abenteuer | Japan 2018 | 114 Minuten

Regie: Mari Okada

Ein Mädchen lebt in einem von Magie erfüllten Reich, bis dieses von der Armee des Nachbarlandes überfallen wird. Auf der Flucht findet es ein verwaistes Kind, mit dem es sich in der Welt der Menschen niederlässt. Als der Junge größer wird, stellt er seine Adoptivmutter mehr und mehr in Frage. Der Fantasy-Animationsfilm über den Konflikt von Tradition und Moderne wird als rührselige Familiengeschichte erzählt. Der Anime bekommt die Geschichte nicht in den Griff und lässt es auch in den Bildern an Fantasie vermissen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SAYONARA NO ASA NI YAKUSOKU NO HANA O KAZARÔ
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2018
Regie
Mari Okada
Buch
Mari Okada
Kamera
Satoshi Namiki
Musik
Kenji Kawai
Schnitt
Ayumu Takahashi
Länge
114 Minuten
Kinostart
16.05.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Abenteuer | Animation | Drama
Diskussion

Anime um ein unsterbliches Wesen, das mit einem Findelkind in der Welt der Menschen flieht, dort aber zunehmend mit Fragen nach der Vergänglichkeit konfrontiert wird.

Der Fluch der Unsterblichkeit: hilflos zusehen zu müssen, wie nach und nach jeder geliebte Mensch altert und stirbt, bis man am Ende ganz allein zurückbleibt. Es ist diese Tragik des ewigen Lebens, die den Kern von „Maquia – Eine unsterbliche Liebesgeschichte“ ausmacht. „Obwohl man dem anderen begegnet, bleibt man einsam“, erklärt eine weise Lehrmeisterin der Hauptfigur. Der Anime von Mari Okada versucht im Rahmen eines Fantasy-Abenteuers zu ergründen, welche Verbindungen zwischen fühlenden Wesen möglich sind und welche auf Dauer Bestand haben.

Das Waisenmädchen Maquia lebt im abgeschiedenen Land Iorph. Dort ist die „Sippe des Abschieds“ heimisch, welche seit langer Zeit an magischen Tüchern arbeitet, in denen Zeit und Schicksal der Menschen eingewoben werden. Eines Tages überfällt die Armee des nahen Königreichs Mesate die Region. Maquia muss fliehen, entdeckt im nahen Wald aber einen Säugling in den Armen seiner toten Mutter. Sie beschließt, das Kind als ihr eigenes aufzuziehen und Erial zu nennen.

Doch das Leben in der Welt der Menschen entpuppt sich als hart und entbehrungsreich. Erial wächst heran, doch Maquia behält immer dasselbe makellose Erscheinungsbild. Während das Königreich einem Krieg entgegensteuert, beginnt der Sohn seine Adoptivmutter in Frage zu stellen.

Familiengeschichte über mehrere Generationen

Die fantastischen Elemente der Handlung dienen vor allem dazu, eine melodramatische Spannung zu erzeugen und zu überhöhen. Über mehrere Generationen hinweg wird eine Familiengeschichte erzählt, neben deren stetig weiterwachsenden Stammbaum der Film die kontinuierlich dahingleitende Lebenslinie von Maquia stellt. Eigentlich existieren die Bewohner von Iorph – androgyne, blonde Elfenwesen – abseits von Geschichte und Tagespolitik. Doch eine neue Ära bricht an, in der alte Barrieren brechen.

Wie so oft in japanischen Animationsfilmen wird ein fiktives Königreich im Übergang vom agrarischen ins industrielle Zeitalter gezeigt. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne beschäftigt das japanische Kino generell. Die riesigen Maschinen und Schornsteine, Steinwüsten und smogverhangene Himmel stehen im starken Kontrast zu den vielen romantischen Naturbildern. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Drachen des Reichs, die durch eine mysteriöse Rotaugenseuche aussterben. Mehrfach wird in kryptischen Gesprächen erwähnt, dass die Magie die Welt verlasse. Implizit entzaubert die Moderne die Welt.

Leider glaubt man das mit jedem Filmbild mehr, denn „Maquia“ fehlt jeglicher Anflug von Verzauberung. Die generischen Fantasy-Schauplätze könnten ebenso gut von Barbie-Prinzessinnen oder den Teletubbies bewohnt werden. Alles erscheint blass und beliebig, geradezu austauschbar. Die Figuren muten wie aus einem Anime-Zufallsgenerator an; die meisten der konturlosen Charaktere lassen sich in ihrer Eigenschaftslosigkeit kaum beschreiben.

Dabei können Animationskünstler jede Figur beliebig weit ihren Vorstellungen anpassen. Jede Charaktereigenschaft kann durch den Köper ausgedrückt werden, seine Formbarkeit geht weit über die der besten Schauspieler hinaus. Hier aber fehlt jede Expressivität. Menschen und Zauberwesen bekommen Ohren, Augen und eine Aufgabe; doch das ist selbst für Archetypen zu unspezifisch.

Blütenblätter schweben zum Himmel

Die Pappfiguren brechen immer wieder unter überlebensgroßen Empfindungen zusammen. Dabei wird nicht einfach auf die Tränendrüse gedrückt; sie wird vielmehr mit einer unermüdlichen Förderpumpe bedient. Das Fantasy-Anime ist eine Schmonzette erster Güte. Die Klavier- und Streichermusik schmachtet wie ein verliebter Teenager, die kitschigen Naturmotive wollen um jeden Preis ein Gefühl auslösen. In violettes Licht gehüllte Blütenblätter levitieren zum Himmel, der Wind lässt Löwenzahnsamen um anrührende Wiedervereinigungen tanzen.

Überdies ist der Film nicht sonderlich hübsch. Die Qualität der Animationen reicht von reizvoll bis unförmig. Konventionelle Bildelemente werden mit fragwürdig gerenderten 3D-Objekten verbunden, die sich nicht so recht in den Film einfügen wollen. Man könnte die Modernisierungskritik des Films problemlos auf seine eigene Technik übertragen, denn mit traditionellen Animationsverfahren hätten diese Elemente deutlich überzeugender gewirkt.

Ohnehin gerät „Maquia“ überaus paradox. Der Film schleicht mit der Geschwindigkeit von Kontinentalverschiebungen voran und wirkt doch gehetzt. Zahlreiche Nebenstränge lassen das Anime wie eine der vielen Serien wirken, welche die Regisseurin bislang als Drehbuchautorin kreiert hat. Immer scheint zu viel und gleichzeitig zu wenig zu geschehen.

Die Zahl der relevanten Figuren ist zwar nicht hoch, aber durch regelmäßige Zeitsprünge werden ihnen immer neue Funktionen zugewiesen. Manchmal wirkt es, als gäbe es in dieser Welt nur 30 Menschen. Der simple Plot wirkt so, als würde ein Schüler über ein Buch referieren, das er nur überflogen hat. Abrupt und übergangslos folgen Szenen aufeinander. Es gibt zwar immer wieder gute Ansätze, doch die gleiten ein ums andere Mal hilflos ins Nichts eines tauben Rührstücks zurück. „Maquia“ ist Fantasy ohne jede Fantasie.

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