Drama | Frankreich 2017 | 110 Minuten

Regie: Bertrand Mandico

Fünf verwöhnte reiche Sprösslinge werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach einer Untat von einem mysteriösen Kapitän auf eine seltsame tropische Insel transportiert. Dort erwarten die Delinquenten eine sexualisierte Natur mit bizarrer Vegetation und der zur Frau gewordene Herr der Insel, der die feminine Verwandlung der Jungen vorweggenommen hat. Eine mit großem Einfallsreichtum und Bildgewalt inszenierte erotische Phantasie, die Elemente der Avantgardefilme von Maya Deren und Kenneth Anger mit klassischem Erzählkino zu einem queeren und surrealen Abenteuer mischt. Dabei belässt es der Film letztlich aber doch bei etablierten Geschlechterzuschreibungen, wodurch er den Flirt mit Trans- und Inter-Zwischenstufen eher konterkariert.

Filmdaten

Originaltitel
LES GARÇONS SAUVAGES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Bertrand Mandico
Buch
Bertrand Mandico
Kamera
Pascale Granel
Musik
Pierre Desprats
Schnitt
Laure Saint-Marc
Darsteller
Pauline Lorillard (Romuald) · Vimala Pons (Jean-Louis) · Diane Rouxel (Hubert) · Anaël Snoek (Tanguy) · Mathilde Warnier (Sloane)
Länge
110 Minuten
Kinostart
23.05.2019
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Fantasy | Thriller

Heimkino

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Diskussion

Fünf verwöhnte reiche Übeltäter werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine bizarre Insel transportiert und machen dort die Verwandlung in Frauen durch. Eine bildgewaltige erotische Phantasie mit Anleihen bei Maya Deren, Kenneth Anger und „Herr der Fliegen“.

Gender Trouble auf Pleasure Island. Nachdem eine Gruppe von verwöhnten reichen Sprösslingen bei Proben zu einem Shakespeare-Stück ihre Lehrerin vergewaltigt hat, werden sie von ihren Eltern einem mysteriösen Kapitän (Sam Louwyck) zu einer Umerziehungs- und Besserungsreise anvertraut. Der Kapitän hat zu Protokoll gegeben, dass seine ganz besondere Form der Umerziehung bisher noch jedes Mal erfolgreich gewesen sei. Aber zunächst, zu Beginn der Reise, scheint er auf reine Gewalt zu setzen. Sein Schiff ist mit einer Apparatur versehen, die es erlaubt, jeden Jungen in die Gefahr zu versetzen, zu jedem Moment stranguliert zu werden.

Trotz seiner Härte geht von dem Kapitän eine seltsame Faszination aus, was vielleicht auch daran liegt, dass es an Bord für die kultivierten Missetäter nach der Entsorgung der mitgeführten Bücher nur noch eine Lektüre-Möglichkeit gibt: die seines tätowierten Penis. Nach der abenteuerlichen Überfahrt erweist sich ein höchst seltsames Eiland als eigentliches Ziel der Reise. Hier gibt es ein tropisches Schlaraffenland zu entdecken, wo Früchte wachsen, die haarigen Vulven ähneln, Pflanzen als Masturbationsapparate taugen und leckerer Nektar aus penisartigen Ästen spritzt. An einer Stelle heißt es: auf der Insel bewegt sich die Gruppe wie Zwerge auf dem Körper eines gigantischen lebendigen Mädchens. Hier hat Dr. Séverin(e) (Elina Löwensohn) das Sagen, die/der um das Geheimnis des Eilands nicht nur weiß, sondern deren/dessen Körper dieses Geheimnis sogar dokumentiert.

Bildgewaltige Phantasie führt zum queeren, surrealen Abenteuer

Die mysteriöse Insel, gedreht wurde auf La Réunion, transformiert toxische Männlichkeit ins friedlich Feminine. Mit „The Wild Boys“ ist dem Franzosen Bertrand Mandico eine bildgewaltige erotische Phantasie gelungen, die Elemente des klassischen Avantgardefilms einer Maya Deren oder eines Kenneth Anger mit klassischem Erzählkino im Stile von Manuel oder Herr der Fliegen zu einem auf allen visuellen wie narrativen Ebenen queeren und surrealen Abenteuer mischt. Lustvoll lässt Mandico seinen Phantasien freien Lauf, beschwört in mal schwarz-weißen, mal farbigen Bildern eine durch und durch sexualisierte Natur, in der alles Feuchte klebrig ist und nach Austern riecht und schmeckt, bis man glaubt, Guy Maddin habe sich nach monatelangem Studium von Marc-Almond-Alben an einem Remake von Fassbinders Querelle versucht.

Und weil die jungen Vergewaltiger durchweg mit Schauspielerinnen besetzt wurden, kann der Film deren Wandlung sogar zeigen, lässt Brüste wachsen und Penisse abfallen. Durch seinen/ihren dauerhaften Aufenthalt auf der Insel wurde aus Dr. Séverin Dr. Séverin(e), der/die diese Veränderung aber gerne leugnet. Der Kapitän, ab und zu geschäftlich auf der Insel, hat nicht nur einen tätowierten Penis, sondern auch eine weibliche Brust, die er aber nicht so gerne zeigt. Doch trotz aller Trans- und Inter-Zwischenstufen, die dem Film inhärent sind, belässt es der Film letztlich dann doch bei der binären Entweder-Oder-Formel beim Gender Trouble. So queer „The Wild Boys“ sich auch geriert, wenn Frauen Männer spielen, die sich homosexuellen Phantasien hingeben und/oder sich in Frauen verwandeln oder auch schon verwandelt haben, so fällt doch auf und leider etwas störend ins Gewicht, dass Mandico sich bei der Besetzung der Rollen auf Cisgender-Darsteller*innen verlassen hat.

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