Politthriller | USA 2013-2019 | Minuten

Regie:

Eine zwischen Politthriller und Drama changierende Netflix-Serie um einen ebenso cleveren und taktisch geschickten wie skrupellosen US-Abgeordneten, der gemeinsam mit seiner machthungrigen Ehefrau systematisch seine politische Karriere vorantreibt und dabei vor Intrigen, Korruption und sogar Mord nicht zurückschreckt, um es ins höchste Amt des Staates zu schaffen. Ein süffisant-vernichtender Blick auf die politische Elite, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Michael Dobbs. Wegen Vorwürfen sexueller Belästigung wurde Hauptdarsteller Kevin Spacey nach Staffel 5 aus der Serie entfernt; für die finale Staffel 6 rückte Robin Wright, die die Ehefrau von Spaceys Figur verkörpert, in den Mittelpunkt des Geschehens. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HOUSE OF CARDS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2013-2019
Buch
Beau Willimon
Musik
Jeff Beal
Darsteller
Robin Wright (Claire Underwood) · Kevin Spacey (Francis Underwood) · Michael Kelly (Doug Stamper) · Corey Stoll (Peter Russo) · Michael Gill (Garrett Walker)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Politthriller | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Sony
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Diskussion

Der König ist tot – lang lebe die Königin! Die US-Serie von Showrunner Beau Willimon um den intrigenreichen Aufstieg eines Politiker-Paares ins Weiße Haus fokussiert nach dem Ausscheiden ihres Hauptdarstellers Kevin Spacey in ihrer finalen sechsten Staffel auf die von Robin Wright gespielte neue US-Präsidentin. Doch kann sie das dramaturgische Kartenhaus alleine tragen?

Totgesagte leben länger, heißt es, und vom Leben auf der Leinwand Verbannte führen ein Schattendasein als Aufmerksamkeits-Vampir – und suchen die heim, die vergessen machen wollen. Klischees der Filmgeschichte, doch mittlerweile leider auch in Anwendung zu bringen bei einer einst so innovativen und komplexen Serie wie „House of Cards“. Diese erlebte ihr Finale im November 2018 in den USA mit einer auf acht Folgen verkürzten sechsten Staffel und war via Sky zeitgleich auch in Deutschland zu sehen; seit 2.5. wird sie auch bei Netflix angeboten.

„House of Cards“, das Projekt von Showrunner Beau Willimon und – ursprünglich – David Fincher, ist eine teilweise ätzende US-amerikanische Politik- und Gesellschaftssatire, hauptsächlich angesiedelt unter dem Personal des Weißen Hauses und mit Fans in höchsten Kreisen (Expräsident Obama bekennt sich dazu), die es darauf anlegt, die Zuschauer zweifeln zu lassen, wo die Satire endet und wo die beklagenswerte Realität beginnt. Die Serie schildert im Kern den blutbefleckten Aufstieg des narzisstisch gekränkten Kongressabgeordneten Francis „Frank“ Underwood (Kevin Spacey) und seiner kühl-berechnenden Gattin Claire (Robin Wright) ins höchste Amt des Staates; auch ihrer beider Vereinsamung im Angesicht der unbeschränkten Macht, denn viele Freunde und Weggefährten fallen ihrer macchiavellistischen Politik zum Opfer.

„House of Cards“  bezieht formale und inhaltliche Anregungen von der britischen Serie gleichen Namens aus den 1990er-Jahren sowie von thematisch verwandten Projekten wie „The West Wing“ (1999-2006) oder „Borgen“ (2010-2013). Im Grunde handelt es sich bei „House of Cards“ um ein modernes Königsdrama in der Nachfolge von Shakespeares „Macbeth“ und „Richard III.“, angereichert um Momente spätbürgerlicher Endzeittragödien, etwa Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ oder Buñuels „Würgeengel“, selbst an „Der Untergang“ lässt die letzte Staffel denken.

Spiegel und Kommentar zur US-amerikanischen Politik

Neuartig waren unter anderem die anspruchsvollen Drehbücher, die den Zuschauer ernst nahmen und einen komplexen politischen Sachverhalt teils über eine ganze Staffel hinweg verfolgten, sowie die direkt in die Kamera gesprochenen, entlarvenden Selbstaussagen Frank Underwoods, die die vierte Wand des Dramas bewusst und mit Nachdruck durchstießen. Über weite Strecken schien es, als wolle die Serie die alte römische Staatslehre „Summum officium, minima licentia“ (Das höchste Amt gewährt die geringste Freizügigkeit) mit Fleiß ad absurdum führen; die Darsteller agierten mitunter wie die sprichwörtlichen Kinder im Süßigkeitenladen oder Jungs beim Wettpinkeln. Womit wir wieder bei der aktuellen Misere des US-amerikanischen Politik- und Gesellschaftsdiskurses angelangt sind, deren Spiegelbild und Kommentar insbesondere die letzten Staffeln sind.

Die Post-Spacey-Ära

Staffel 6 (die in Deutschland ab 2.11.2018 auf Sky lief und ab 2.5.2019 auch bei Netflix zu sehen ist) stellt nun den Versuch dar, ohne Kevin Spacey auszukommen –  motiviert durch frühere Plot-Entwicklungen, besonders aber aufgrund der Querelen um Spacey im Zuge von Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung. Claire allein gegen den Rest der Welt: Viele Alliierte kann sie nicht mehr um sich scharen, und diese verfolgen, wie die übergescheite Politikberaterin Jane Davis (Patricia Clarkson), sichtlich eine eigene Agenda. In Doug Stamper (verlässlich, präzise: Michael Kelly), ehedem mit allen Wassern gewaschener Chief of Staff in der Administration ihres Mannes und diesem auch über dessen Tod hinaus in wahrer Nibelungentreue ergeben, erwächst Claire ein durch Insider-Wissen mächtiger und verzweifelt entschlossener Widersacher, der sich zum Ziel gesetzt hat, Claires Rolle bei Francis’ Ende aufzuklären und ihr unseliges Regime zu stürzen. In seiner manischen Getriebenheit und tragischen Verstrickung in die offiziellen und privaten Affären der beiden Underwoods ist Stamper der wohl vielschichtigste und interessanteste Charakter der Serie. Er führt unmittelbar vor Augen, welcher Preis persönlich zu zahlen ist für die allzu große Nähe zum Epizentrum der Macht. Dass er nicht nur zum ideellen, sondern zum tatsächlichen Universalerben von Frank ausersehen ist, bestimmt sein Handeln zusätzlich. 

Die sechste Staffel präsentiert im Wesentlichen altgewohntes Personal und das rechte Maß an verwickelten Intrigen und jähen Wendepunkten im Handlungsverlauf; weiterhin fungieren die Medien als einzig halbwegs glaubwürdiger Oppositionspol gegen die Machenschaften des Weißen Hauses; der hartnäckige Chefredakteur des fiktiven „Washington Herald“ Tom Hammerschmidt (Boris McGiver) ist drauf und dran, Franks alte Schuld am Tod der Investigativjournalistin Zoe Barnes schlüssig zu beweisen, und arbeitet mittlerweile mit Stamper zusammen. Neu im Ring sind die Shepherds, eine überdurchschnittlich dyfunktionale Milliardärsfamilie, die über eine reichlich dubiose Stiftung versuchen, auf die politischen Leitlinien in höchst undemokratischem Sinne Einfluss zu nehmen. Annette Shepherd (Diane Lane) ist zudem eine College-„Freundin“ von Claire, was ihrer Motivation einen diabolischen Drive ins Persönliche verleiht. Ihr Entwurf einer großangelegten Public Private Partnership repräsentiert im Kosmos der Serie den immensen Einfluss der amerikanischen Megakonzerne auf die (Welt-)Politik.

Eine Nonne im Kloster der Macht

Dieser Front muss Präsidentin Claire Underwood, ehedem die Lady Macbeth des Weißen Hauses, nun allein gegenübertreten; sie wirkt dabei mehr und mehr wie eine Nonne im Kloster der Macht, auch ihren Bettgefährten Tom Yates (Paul Sparks) hatte sie ja zum Ende von Staffel 5 nach dem Prinzip „power or love“ bequemerweise entsorgt ... Die Leerstelle, die der Abgang von Frank Underwood/Kevin Spacey hinterlassen hat, ist überall zu spüren, paradoxerweise am stärksten, wenn die Macher sich bemühen, Claires unbeschränkte Autarkie herauszustellen (ohne sie statt seiner wäre es übrigens nicht viel anders ...). Stellenweise nehmen Szenen das Gepräge eines veritablen Nachrufs an, Franks/Spaceys Stimme wird hier wie dort vermisst.

Überhaupt ist der Kill-off der finalen Staffel erheblich; manches Mal muss man sich mächtig konzentrieren, die Lebenden von den Toten zu scheiden. Gelingt Claire in ihrer veränderten Rolle nun eine Neuinterpretation des Systems Underwood beziehungsweise die ultimative Emanzipation vom Schatten ihres Mannes („erase him“)? Wenn man ehrlich ist: beides nicht so recht. Sie wirkt trotz aller Toughness über weite Strecken müde im Karussell der Intrigen, der Spaß an den ganzen Machenschaften, den Frank (un-)selig weiland versprühte, will sich nicht einstellen. Ihre Mittel-zum-Zweck-Rhetorik ist forciert, das Ende gemahnt beinahe an die letzten Tage im Führerbunker, entsprechende Sicherheitshysterie mit eingeschlossen. Immerhin lernt man in regelmäßig eingeschnittenen Rückblenden die junge Claire und ihre Vorstellung von absoluter (persönlicher) Unabhängigkeit besser kennen und verstehen.

Eher unverständlich und etwas ärgerlich erscheint hingegen der Entschluss der Showrunner, sie quasi fünf vor zwölf noch zur in der Wolle gefärbten Feministin und Frauenrechtlerin zu erklären: In einer auch innerhalb der Logik der politischen Serienhandlung schwer nachvollziehbaren Volte beruft sie ein neues, rein weibliches Kabinett, welches sie mit „We as women ...“ begrüßt. Hier wird ein legitimes gesellschaftliches Anliegen (gleichberechtigte politische Teilhabe) durch satirische Überzeichnung der Lächerlichkeit preisgegeben. Ebenso Stoff für kontroverse genderpolitische Diskussionen dürfte die äußerst unvermittelt behauptete Schwangerschaft Claires (noch durch Frank, sagt sie) abgeben, die von ihr nahezu ausschließlich im Machtkampf mit Stamper und den Shepherds instrumentalisiert wird – befremdlich, ihr aber wohl zuzutrauen.

Ein Trumpf zu viel

Die lange vorhersehbare finale Auseinandersetzung im Oval Office zwischen Claire Hale (sie hat bezeichnenderweise wieder ihren Mädchennamen angenommen) und Doug Stamper, der ihr im Gestus des Tyrannenmörders typisch amerikanischer Prägung gegenübertritt, führt zu einem wenig befriedigenden, antiklimatischen Ende, das entscheidende Fragen innerhalb des Handlungsbogens (bewusst?) offenlässt. Das ist bedauerlich, führt jedoch vor Augen, dass die Serie ihren Titel zu Recht trägt: Wie bei einem Kartenhaus erfordert der Beginn Geduld und umsichtige Planung, die höheren Stockwerke (die folgenden Staffeln) machen staunen ob der virtuosen Geschicklichkeit und lassen von Wolkenkratzern träumen, und der krönende Abschluss (über-)steigert die Spannung und fordert stets einen Trumpf zu viel heraus – bis das ganze bunte Gebilde jäh in sich zusammenstürzt. Ein leider zwiespältiges Ende der insgesamt sehenswerten, ja fesselnden Serie, die ihre stärksten Momente allerdings in früheren Staffeln hatte, als Frank und Claire noch gemeinsam an ihrem ruchlosen Aufstieg arbeiteten. „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod“, weiß ein Sprichwort. Es muss nicht notwendigerweise der Tod sein, doch der Abstieg, die Dekadenz… So auch im Falle der finalen Folgen von „House of Cards“. „The show jumped the shark“, hieß es einmal in anderem Zusammenhang – die Serie hat’s einfach übertrieben …

„House of Cards“ ist auch als DVD/BD verfügbar (Anbieter: Sony). Seit 22.5. liegt die Serie sowohl in einzelnen Staffel-Boxen als auch als Komplettbox vor.

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