Drama | USA 2019 | Minuten

Regie: Marc Webb

Eine Fantasy-Serie, die motivisch auf den Spuren von "Herr der Fliegen" wandelt: Die Teenager einer wohlhabenden Kleinstadt sind auf sich alleine gestellt, nachdem sämtliche Erwachsene und Kleinkinder auf mysteriöse Weise spurlos verschwunden sind. Es ist nun an den Jugendlichen, abgetrennt vom Rest der Welt, auf sich allein gestellt und ohne vertrauten Komfort wie Internet und Co. das Überleben zu organisieren und Regeln fürs Zusammenleben aufzustellen. Ein fragiler Prozess, der durch einige Unruhestifter immer wieder torpediert wird, auch mit Waffengewalt. Als Mystery-Stoff liefert die Serie passablen, moderat spannenden Genre-Durchschnitt. Ihre Versuchsanordnung dazu, wie Gesellschaft funktioniert, bleibt relativ formelhaft und brav; Flair entfaltet sie vor allem da, wo es um individuelle Befindlichkeiten der Protagonisten geht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE SOCIETY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Marc Webb · Haifaa Al-Mansour · Tara Nicole Weyr · Stacie Passon · Megan Griffiths
Buch
Christopher Keyser · Rachel Sydney Aller · Emily Bensinger · Anna Fishko · Woo Nguyen
Kamera
Attila Szalay
Musik
Daniel Hart
Schnitt
Farrel Levy · Philip Carr Neel
Darsteller
Gideon Adlon (Becca) · Sean Berdy (Campbell) · Natasha Liu Bordizzo (Helena) · Kathryn Newton (Allie) · Jacques Colimon (Will)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Mystery-Film | Serie
Diskussion

Eine Gruppe Jugendlicher muss in der mysteriösen Abwesenheit der Erwachsenen ihr Leben untereinander neu regeln. Was ihnen anfangs wie eine Strafe vorkommt, begreifen sie langsam als Privileg und Chance.

Am Anfang war dieser Geruch. Schuld müssen die Eltern gewesen sein, denn seitdem sie verschwunden sind, ist die Luft wieder schlagartig in Ordnung. Natürlich können wir, die wir vor unseren Endgeräten sitzen, diesen Gestank nicht wahrnehmen, aber erfahrungsbedingt und genreerfahren akzeptieren wir die serielle Prämisse natürlich gern: Parents stink, stimmt halt einfach. In der fiktiven amerikanischen Kleinstadt West Ham, die in ihrer eintönigen Schönheit und zuverlässigen Fotogenität so vertraut wirkt, sind nur Sechzehn- bis Achtzehnjährige übrig geblieben. Von einem Tag auf den anderen sind sie eltern- und kleinkinderfrei geworden. Von ihrer sorglosen Jugend und dem Rest der Welt (gibt es sie überhaupt noch, diese Welt?) durch dichte, kein Ende nehmende Wälder abgetrennt. Die High School, die Kirche, der Supermarkt, die Middle-Class-Häuser sehen zwar genauso aus wie vorher, aber alles wirkt wie ausgewechselt – durch ein „fucking black hole anti-universe“ vielleicht? „The Society“ ist ein weiteres Mystery-Produkt im Netflix-Sortiment, wo auch „Stranger Things“ läuft. Die erste Staffel ist akzeptabler Genre-Durchschnitt, im mittleren Tempo inszeniert, sorgfältig formatiert,  glossy, moderat spannend. Einen Tick zu routiniert.

Gemeinschaft first

In der Welt von „The Society“ wollen wir nicht eines Tages aufwachen. Ohne Internet und Fernsehen, ohne Serien! Was Google war, wird jetzt die Stadtbücherei. Und da sind sie alle: mit einer Ausnahme hellhäutige, mit zwei Ausnahmen heterosexuelle, sich gegenseitig ein bisschen feindlich gesinnte juvenile Provinzler. Jungs mit Hoodies, College-Jacken und einer mehr oder minder latenten Neigung zur Gewalttätigkeit. Mädels mit hübschen Kleidern oder Skinny Jeans, mit Lipgloss und gestylten langen Haaren. Ob den Figuren mit der genannten Ausnahmelage eine Strafe auferlegt oder möglicherweise doch eine einmalige Chance geschenkt worden ist, ist die leitende Frage.

Die jungen Menschen veranstalten analoge Versammlungen, kollektive Mahlzeiten und Sleepovers. Sie versuchen ein gerechtes kommunales Wirtschaften: „Es gibt hier keine Zivilisation. Nicht, bis wir eine gründen.“ Lektion Nummer eins: Gemeinschaft first, denn Ordnung muss zunächst geschaffen, Gesetze ausgedacht und durchgesetzt werden. So ungefähr geht Demokratie, und es macht verdammt viel Arbeit, Dinge auf dem Laufenden zu halten. Lektion Nummer zwei: Den Umstand des allgemeinen Überdrusses nutzen populistisch Veranlagte gern für eigene umstürzlerische Zwecke, wo sie noch lange über keine sinnvolle Zukunftsalternative nachgedacht haben. Aber was sie sehr wohl bereithalten, sind Waffen. Diese Waffen: Sie können einen zum Gott machen, sagt eine der Figuren. Die Pistolen tauchen hier immer unversehens auf: aus der Tasche gezaubert, wie heiße Kartoffeln ungelenk und nervös weitergereicht. Der fragile Frieden in „The Society“ wird also in jeder Folge aufs Neue herausgefordert.

Schöne Lebenslustlosigkeit

Auch als reines Unterhaltungsprodukt ist „The Society“ sehr darum bemüht, die aktuellen Konflikte gründlich abzuarbeiten. Als Parabel auf den politischen Stand der Dinge – was die Serie in ihrer Anlehnung an William Goldings „Herr der Fliegen“ offenbar sein will – wirkt sie in der Akzentsetzung leider etwas unsensibel: insistierend, aber doch sehr brav. Korrekt, aber doch unplausibel. Ein wenig Spaß macht sie deshalb gerade dann, wenn sie von der Gemeinschaft zu den Individuen umschaltet: Wenn sie nicht an der Spannung baut, sondern sich zurücklehnt – auf kleine Eifersüchteleien und Eitelkeiten, auf Selbstzweifel, schlechte Laune und diese schöne Lebenslustlosigkeit, die die guten Coming-of-Age-Filme immer so toll macht.

Das passt auch gut, denn der Showrunner Christopher Keyser kommt genau aus dem Bereich der familienorientierten Soap-Unterhaltung. Im Grunde ist „The Society“ ein Kammerspiel. In gemütlichen, pastellfarben tapezierten Wohn- und Schlafzimmern hocken Jungen und Mädchen auf ihren Betten, werfen einander Schmachtblicke zu und stellen permanent klar, woran sie nun sind. Sie schmoren im Eigensaft, wärmen sich an den großen Tassen, über deren Rand immer Teebeuteletiketten baumeln, und beschweren sich darüber, wie anstrengend und ereignisreich auch dieser Tag schon wieder war. Und manchmal imaginieren sie doch eine mögliche Zukunft – miteinander oder doch mit noch unbekannten „heißen Surferjungs“. Nur bietet die Serie auch in solchen Momenten eine enttäuschend normierte Sinnlichkeit. Zu wenig Zungenküsse, keine Popmusik auf der Tonspur. In einer Welt wie dieser wollen wir eines Tages eigentlich auch nicht unbedingt aufwachen.

 

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