See You Yesterday

Coming-of-Age-Film | USA 2019 | 86 Minuten

Regie: Stefon Bristol

Ein hochbegabtes afroamerikanisches Mädchen aus New York tüftelt mit seinem besten Freund kurz vor dem High-School-Abschluss erfolgreich an der Entwicklung einer Zeitreise-Apparatur, um ein Uni-Stipendium zu erlangen. Allerdings werden die Sprünge in die Vergangenheit und die damit möglichen „Korrekturen“ existenziell, als der ältere Bruder des Mädchens von der Polizei erschossen wird. Das Zeitreise-Sujet fungiert vornehmlich als Vehikel für die Probleme rassistisch angewandter Polizeigewalt im Großstadtleben der Black Community. Etwas uneben im narrativen Tonfall und der Dialogregie, ist das Langfilmdebüt eher aufs jüngere Publikum zugeschnitten. Überzeugen kann aber der engagierte Versuch, Probleme der Jetztzeit im authentischen Setting und mit trefflicher Besetzung in Science-Fiction-Unterhaltung zu überführen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SEE YOU YESTERDAY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Stefon Bristol
Buch
Fredrica Bailey · Stefon Bristol
Kamera
Felipe Vara de Rey
Musik
Michael Abels Abels
Schnitt
Jennifer Lee
Darsteller
Eden Duncan-Smith (Claudette 'CJ' Walker) · Dante Crichlow (Sebastian J. Thomas) · Astro (Calvin Walker) · Marsha Stephanie Blake (Phaedra Walker) · Myra Lucretia Taylor (Gloria Thomas)
Länge
86 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama | Science-Fiction
Diskussion

Eine Mischung aus Science-Fiction-Film und Teenager-Drama, die das Motiv der Zeitreise mit dem Thema des latenten Rassismus und der Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den USA verqickt.

„Auf Zeitreisen gehen... Grundgütiger!“, schnaubt Claudettes Lehrer, als seine begabteste Schülerin kurz vor der Sommerpause um Protonen-Energie und Zeugnisnoten zu feilschen beginnt. Die 17-jährige Claudette, kurz CJ, und ihr bester Freund Sebastian wollen es aus Brooklyn mit einem Stipendium an eine der renommierten Technik-Unis schaffen. Wofür sie ihre beste Erfindung allerdings noch zum Laufen, oder besser „zum Springen“ bringen müssen – und zwar in die Vergangenheit. Während andere Jugendliche in Hinterhof-Garagen Rockbands gründen, tüfteln die jungen New Yorker hier an Hologrammen und Rucksack-Apparaturen aus Plastikröhrchen und Platinen. CJ, eher hitzig veranlagt, liest Hawking. Sebastian, ruhigen Gemütes, verschlingt die Superhelden-Graphic-Novel „Black“. Ein unschlagbares Team, das sich tatsächlich erfolgreich für 10 Minuten in den Vortag katapultiert. „Just for fun“.

Doch mit dem Spaß ist es ganz plötzlich zu Ende. CJ und Sebastian sind Afroamerikaner; sie leben in einer „Hood“, in der Gang-Kriminalität und Waffen viel zu präsent sind, und in einem Land, das immer noch von rassistischen Ressentiments geprägt ist. So kommt es, dass CJs Bruder von einer Polizeistreife für einen Ladendieb gehalten und erschossen wird. In der Folge geht es CJ beim Zeitreisen nicht mehr um den wissenschaftlichen Durchbruch. Gegen Sebastians Bedenken versuchen die Freunde, das tragische Unglück rückgängig zu machen. Und treten dabei nur eine Kaskade weiterer desaströser Effekte los.

Ein Black-Cinema-Zugriff aufs Zeitreise-Thema

Nicht umsonst wird CJs über die „größte ethische Grundsatzfrage der Moderne“ ausholender Lehrer von Michael J. Fox in einem seiner seltenen Gastauftritte verkörpert. Die „Zurück in die Zukunft“-Trilogie machte Fox vor seiner Parkinson-Erkrankung zum wohl berühmtesten Zeitreisenden der Filmgeschichte. „Vorwärts in die Vergangenheit“ ließe sich dementsprechend der Titel von „See You Yesterday“ interpretieren, der sich aber nur vordergründig und technologisch eklektisch dem Science-Fiction-Thema Zeitreise widmet. Eigentlich geht es in dem von Spike Lee produzierten Netflix-Film, wie im vor drei Jahren von Lee selbst inszenierten Amazon-Film „Chi-Raq“, nämlich um tödliche Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und ein Großstadtleben, das vor allem in der „Black Community“ zu oft und zu früh ein gewaltsames Ende findet. Spike Lee hat für die Finanzierung des Langfilmdebüts von Stefon Bristol den Streaming-Dienst gewechselt, nicht aber das Thema – wobei beide Filme vom trefflichen Spiel der jungen Darsteller und der Atmosphäre ihrer Spielorte leben – damals Chicago, nun New York.

Hier gewinnt die Inszenierung des ebenfalls in Brooklyn geborenen Bristol an Authentizität. Die Zeitreiseszenen operieren dagegen auf niedrigem, aber charmant antiquiertem Trickfilmniveau. Eher unambitioniert wirken dabei auch die wenig prägnanten Dialoge, die man sich lieber im Original anschauen sollte, und die repetitive, emotional etwas oberflächlich operierende Struktur aus Zeitreisen-Fehlschlägen, Trauer und Apparatur-Reparatur, bis das nächste Mal das Raum-Zeit-Kontinuum durchstoßen wird. CJs durchgetaktete Reisepläne müssten für den Zuschauer nachvollziehbarer sein, um auch in ihrem Scheitern Spannung zu erzeugen. Zumal viele Wendungen wohl nur ein jüngeres Publikum überraschen dürften – zu oft hat das Genre schon erzählt, wie sich durch die Doppelung des Selbst und den berühmt-berüchtigten „Schmetterlingseffekt“ die Zukunft auf drastische Weise zu ändern vermag.

So liegt der Verdienst von „See You Yesterday“ denn auch weniger in seiner etwas unausgegorenen Erzählhaltung, als vielmehr im engagierten Unterfangen, die Probleme des „Heute“ mit all seinen rassistischen Ungerechtigkeiten in das Feld der Teenie-Science-Fiction-Unterhaltung zu katapultieren – und dabei (neben der durchdachten Kameraarbeit) eigene kleine Akzente zu setzen: Eine platonische Freundschaft darf platonisch bleiben. Das Leben eines Bruders lässt sich nicht gegen das eines besten Freundes aufwiegen. Und ein Funken Hoffnung glimmt in einem Finale auf, das sich der üblichen Happy-End-Narration entwindet: C.J. rennt! Höchste Zeit, dass die realen Probleme, von denen „See You Yesterday“ erzählt, endlich angegangen werden.

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