Meine geniale Freundin

Literaturverfilmung | Italien 2018 | Minuten

Regie: Saverio Costanzo

Eine Serienverfilmung des gleichnamigen ersten Bandes von Elena Ferrantes immens erfolgreicher Neapel-Saga um eine komplexe Frauenfreundschaft: Zwei Mädchen wachsen im Italien der 1950er-Jahre in einem Arbeiterviertel von Neapel in einfachen Verhältnissen auf; trotz unterschiedlicher Temperamente werden sie dicke Freundinnen und teilen die Ambition, durch Bildung ihr Milieu hinter sich zu lassen; dabei gilt es jedoch massive familiäre und soziale Widerstände zu überwinden. Die Adaption verdichtet den Roman geschickt auf acht Episoden und schafft es, sowohl der Struktur als auch den zentralen Themen des Buchs Rechnung zu tragen. Das pralle Lokalkolorit der Bücher spiegelt sich zwar nur teilweise in der visuellen Umsetzung, dafür fesselt die Serie jedoch durch das einfühlsame Porträt der sich entwickelnden Freundschaft, wozu auch die herausragenden (Laien-)Hauptdarstellerinnen beitragen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
L' AMICA GENIALE
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2018
Regie
Saverio Costanzo
Buch
Saverio Costanzo · Laura Paolucci · Francesco Piccolo
Kamera
Fabio Cianchetti
Musik
Max Richter
Schnitt
Francesca Calvelli
Darsteller
Elisa del Genio (Elena Greco als Kind) · Margherita Mazzucco (Elena Greco als Teenager) · Elisabetta De Palo (Elena Greco als Erwachsene) · Ludovica Nasti (Lila Cerullo als Kind) · Gaia Girace (Lila Cerullo als Teenager)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Literaturverfilmung | Serie
Diskussion

Als Buch ist Elena Ferrantes Tetralogie um eine komplexe Frauenfreundschaft, die im Neapel der 1950er Jahre beginnt, ein Bestseller. Die Serienadaption von Saverio Costanzo schafft es in der ersten Staffel passabel, den Zauber dieser lebensprallen Saga einzufangen – nicht zuletzt dank hervorragender Hauptdarstellerinnen.

„Meine geniale Freundin“ – so nennt Lila ihre beste Freundin seit Kindheitstagen, Elena, einmal ganz direkt: Und zwar während der intimen Vorbereitungen zu ihrer eigenen Hochzeit, einem Schlüsselmoment. Während sich Lila in diesem Moment mit der Ehe endgültig von der Welt der Bildung und Emanzipation zu verabschieden scheint, soll Elena an ihrer Statt immer weiterlernen, die Beste von allen sein, sich mithilfe ihres Geistes aus der Düsternis des ärmlichen Stadtviertels befreien.

Doch natürlich zielt die Zuschreibung in beide Richtungen, die „geniale Freundin“, das ist mindestens genauso sehr Lila selbst: Denn der Bestseller ist aus der Ich-Perspektive der älteren Elena geschrieben, die in der Rahmenhandlung des vierbändigen Werks als gealterte Autorin der Geschichte über ihre Freundschaft mit der ebenso klugen wie aufmüpfigen Lila besagten Titel gibt. Dass sich die tatsächliche Autorin (oder der tatsächliche Autor) des Welterfolgs wiederum hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, fügt dem flirrenden Spiel der Identitäten eine weitere Facette hinzu.

Der Moment vor der Hochzeit ist ziemlich werkgetreu nun auch in der Verfilmung des Romans zu sehen: Die italienische Rundfunkanstalt RAI hat sich zusammen mit dem US-amerikanischen Kabelsender HBO und dem Video-on-demand-Anbieter TIMvision mit enormem Aufwand an die Adaption der von Millionen Lesern weltweit verschlungenen Saga gewagt. Nach der Ausstrahlung in den USA und Italien Ende 2018 ist die 8-teilige Serie, die auf dem ersten Band der Tetralogie beruht, in ihrer deutschsprachigen Version (beziehungsweise im Original mit deutschen Untertiteln) nun seit Anfang Mai bei MagentaTV zu sehen. Der Dreh der zweiten Staffel wiederum hat in diesem Frühjahr begonnen. Der neapolitanische, für die Story gerade im Wechselspiel mit den hochitalienischen Passagen eigentlich so wichtige Dialekt ist in der deutschen Synchronfassung zwar naturgemäß getilgt. Nichtsdestotrotz überzeugt die Übersetzung, auch weil man glücklicherweise darauf verzichtete, den süditalienischen Zungenschlag durch einen deutschsprachigen Dialekt zu ersetzen.

Ein Sittengemälde Italiens ab den 1950er Jahren

Ein Wagnis ist dieses Projekt nicht nur aufgrund der zahlreichen leicht zu enttäuschenden Fans, sondern auch angesichts der personellen, ausstattungstechnischen und finanziellen Herausforderungen, die der globale Bestseller mit sich bringt: Immerhin entwirft dieser anhand der jahrzehntelangen Freundschaft und Konkurrenzsituation zwischen Elena und Lila ein enorm figurenreiches Porträt Neapels wie auch ein Sittengemälde Italiens, von den 1950er Jahren bis ins 21. Jahrtausend hinein. Was nun die erste Staffel betrifft, lässt sich konstatieren: Das Risiko hat sich durchaus gelohnt. Auch wenn für den begeisterten Leser bzw. die begeisterte Leserin eine Verfilmung selten an ihre literarische Vorlage heranreicht und dies auch im Fall der „Genialen Freundin“ so ist (schon alleine wegen der aus Zeitgründen notwendigen Kürzungen): Die Interpretation durch den Regisseur Saverio Costanzo, die sich auf ein von ihm selbst, Francesco Piccolo und Laura Paolucci zusammen mit Elena Ferrante verfasstes Drehbuch stützt, überzeugt zu sehr großen Teilen.

Ein intimer Blick auf die Lebenswelt der Erzähler-Figur

Die Serie bleibt nah am Roman, übernimmt teils komplette Dialoge, streicht klug und mit Bedacht. Kürzungen gibt es vor allem in den ausführlichen Passagen, die im Buch Elenas Gefühlswelt und ihre Reflektionen auf das Geschehen umschreiben. Außerdem an den Stellen, die Lilas innere Düsterkeit und ihre immer wieder kehrende Angst vor der eigenen „Auflösung“ beschreiben. Und das Metathema des Erzählprozesses selbst ist hier nicht so prominent vertreten wie im Buch. Trotzdem kommt jeder der genannten Bereiche auch in der Verfilmung zu seinem Recht.

Auch die grundsätzliche Struktur, in der Elena als Autorin und Urheberin des Erzählten fungiert, bleibt in der TV-Serie bestehen: Elenas prägnante Erzählstimme übernimmt im Original Alba Rohrwacher, im Deutschen Monica Bielenstein. Diese Stimme, die man während des Lesens der Bücher unablässig im Kopf hat, lässt sich zwar nicht im selben Maße, aber doch erstaunlich gut aufs Filmische übertragen. Weshalb man die Story beim Gucken fast genauso stark durch Elenas Augen und Gedanken wahrnimmt wie beim Lesen, das Ganze ähnlich „intim“ daherkommt.

Willkommen in Rione

Überhaupt ist der Zuschauer nah dran an Elenas und Lilas Aufwachsen im „Rione“, einem trostlosen, ärmlichen, von Gewalt und mafiösen Strukturen geprägten Stadtteil in den Außenbezirken Neapels. Saverio Costanzo gelingt es gut, die damit verbundenen Themen – Armut, Chancenlosigkeit, die eigene Korrumpierbarkeit, der Stellenwert von gerade weiblicher Bildung und last, but not least die Bedeutung von Freundschaft – sowie das weitverzweigte Figurengeflecht der Elena Ferrante einzuführen, ohne den Zuschauer zu sehr zu überfordern. Die Musik von Max Richter wiederum modelliert und betont die Stimmungen der Protagonistinnen, ohne sich zu sehr aufzudrängen. Und die detaillierte, liebevolle Innenausstattung der düsteren Wohnungen und Werkstätten sowie von Schule und Bibliothek tut ihr Übriges, um das Neapel der 1950er und 60er Jahre wiederaufstehen zu lassen.

Was die Außensets betrifft, ist der Eindruck zwiespältiger: Etwas leblos und kulissenhaft erscheinen die großen Mietskasernen rund um den traurigen „Park“, der das Zentrum des Rione bildet; ebenso wie der am Computer entstandene Hintergrund, durch den ständig ein Zug rattert (der natürlich niemals anhält). Dieses gewissermaßen leicht „gedimmte“ Umgebungs-Kolorit sorgt einerseits dafür, dass man sich ganz auf die Story konzentriert, was kein Nachteil ist. Doch was zunächst wie ein bewusstes Stilprinzip wirkt, wird konterkariert, wenn spätere Szenen in der Innenstadt Neapels und auf der Insel Ischia spielen: Diese lebensprallen, an Originalschauplätzen gedrehten Sequenzen stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu den in Caserta bei Neapel entstandenen Kulissen des Rione.

Herausragend: Die beiden Hauptdarstellerinnen

Das größte Pfund der Verfilmung aber sind ohnehin ihre durchwegs fantastisch gewählten Schauspieler – der Besetzungsprozess dauerte fast ein Jahr, in dem über 5000 Menschen gecastet wurden. Gerade die beiden Darstellerinnen von Elena und Lila sind eine Wucht: Elisa Del Genio und Ludovica Nasti spielen die beiden so natürlich, wahrhaftig und ohne einen falschen Ton, dass man kaum glauben mag, dass dies die erste Schauspielarbeit der Mädchen war. Auch für die nicht minder herausragenden Darstellerinnen Margherita Mazzucco und Gaia Gerace, die Elena und Lila als junge Frauen verkörpern, war es die erste Dreherfahrung – Elena Ferrante wünschte sich explizit Laiendarsteller für die jungen Figuren. Wunderbar überzeugend sind beide. Vor allem aber ist es Gaia Gerace als Lila, die mit der Gratwanderung beeindruckt, die schwierige Figur der eigensinnigen, rätselhaften, von allen begehrten Lila stimmig darzustellen: Womit sich gewissermaßen das ewige Trauma der fleißigen und braven Elena, dass ihre Freundin stets die Faszinierendere von ihnen ist, ein wenig auch auf der Ebene des Schauspiels wiederholt. Was ja auch wieder passt.

Ein insgesamt also ziemlich gelungenes Unterfangen: Der Transfer der „genialen Freundinnen“ vom Kopfkino ins bewegte Fernsehbild.

"Meine geniale Freundin" - Staffel 1 läuft seit 2.5. bei MagentaTV. Am 1.8.2019 erscheint die Serie außerdem auf DVD/BD (Anbieter: Studiocanal)

Kommentar verfassen

Kommentieren