Peter Lindbergh - Women's Stories

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 108 Minuten

Regie: Jean-Michel Vecchiet

Der 1944 geborene deutsche Fotograf Peter Lindbergh gehört durch seine glamourösen Mode- und Starfotografien, aber auch durch ausgefeilte Schwarz-weiß-Bildserien und Filme, zu den berühmtesten Vertretern seiner Zunft. Das dokumentarische Porträt zeichnet sein Leben nach, wobei neben Lindbergh vor allem seine Familie und Mitarbeiterinnen zu Wort kommen und fast ungebrochen den Mythos eines makellosen Menschen und genialen Künstlers zelebrieren. Dank des Zugangs zum Archiv des Fotografen liefert der Film aber durchaus aufschlussreiche Einblicke, die geschickt mit Collagen aus Textfragmenten, Fotos und Interviews montiert sind. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Jean-Michel Vecchiet
Buch
Jean-Michel Vecchiet
Kamera
Jean-Michel Vecchiet
Musik
Alain Arsac · Anthony Sahyoun
Schnitt
Krystel Abou Karam
Länge
108 Minuten
Kinostart
30.05.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt

Heimkino

Verleih DVD
DCM
DVD kaufen
Diskussion

Dokuporträt des deutschen Starfotografen Peter Lindbergh, das Mythenbildung im großen Ausmaß betreibt, durch Zugang zum Archiv des Fotografen aber auch aufschlussreiche Einblicke bietet.

Wie wird man Starfotograf? Wie verhilft man in den 1990er-Jahren gleich einem halben Dutzend junger Frauen zum frisch erfundenen Status Supermodel, den nach Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington nur noch wenige zu erringen vermochten? Peter Lindbergh mag sich mit solchen vorhersehbaren Fragen nicht lange aufhalten. Offenbar hat er seinen Freund und Regisseur Jean-Michel Vecchiet lieber an die nächste Familie verwiesen.

Die Schwester, Ehefrauen und Mitarbeiterinnen kommen in dem Doku-Porträt reichlich zu Wort. Sie liefern mehr oder weniger interessante Details aus der Familiengeschichte des in den letzten Kriegsjahren im heutigen Polen geborenen Flüchtlingskindes und schnell entsteht der Eindruck, man habe es mit einem makellosen, gutherzigen Menschen zu tun, der nur zufällig zur Modefotografie gekommen sei, stets das Lebensechte, Realistische und Spontane gesucht habe und durch seine enthusiastische Art jeden noch so in sich gekehrten Charakter zu lockern vermag.

Jenseits des Mythos verbergen sich aufschlussreiche Einblicke

So viel zur mythologisierenden Selbstdarstellung. Sieht man von dieser kritiklosen Dauereloge ab und den nicht weiter belegten Mutmaßungen, Lindberghs Werk sei autobiographisch durch die Nachkriegsnot in Deutschland gefärbt, weil er auch schon mal zum Tode verurteilte Mörder in einem US-Gefängnis fotografiert hatte, liefert der Film dank des Zugangs zum Archiv des Fotografen durchaus aufschlussreiche Einblicke.

Außerdem vermag Vecchiet, der immerhin Filme über Andy Warhol, Basquiat, Marc Ribout und die Hoffotografen von Mao vorweisen kann, privat angehauchtes Material zu liefern, das im Verlauf der Jahrzehnte entstanden ist und die kleinen Abweichungen in der Arbeitsweise näher beleuchtet, wenn Lindbergh etwa immer wieder das Studio verlässt und seine Models, Schauspieler oder Musiker mitten im Straßengewirr oder monumentalen Fabrikhallen inszeniert. Die gleichen Wege sind zwar schon unzählige, vom Ansatz her ähnlich verortete Fotografen vor ihm gegangen, von Richard Avedon bis zu David Bailey, aber der feierliche Ton lässt keinen Zweifel daran, dass man es nur bei diesem chronisch lachenden Frauenversteher mit einem innovativen Genie zu tun hat.

Widersprüche zwischen Audio-Spur und Opulenz der Bilder

Mal stößt er Worte der Begeisterung im Sekundentakt aus, mal nimmt er tänzelnd selbst so viel Raum ein, dass die Fotografierten ihre eigene Präsenz vergessen. Man könnte dies für überdrehten Narzissmus halten, im steten Bewusstsein der laufenden Kamera. Vecchiet tut es nicht. Die Serien, die sich mit Milla Jovovich im Zentrum des Themas Hollywood annehmen, wirken mit ihrem narrativen Setdesign-Überbau und unzähligen Statisten zwar eigentlich mehr als künstlich, aber die Widersprüche zwischen den Einordnungen der Audio-Spur und der visuellen Opulenz der Bilder nimmt man irgendwann ohnehin achselzuckend hin, sanft eingelullt von den dazwischen geschickt montierten Collagen aus Textfragmenten, Fotos, Interviews mit Prominenten und einer mitunter schwer erträglichen Siegermusik, die noch einmal einen längst in die Krise geratenen hedonistischen Glamour-Zeitgeist zum Leben erwecken.

Kommentar verfassen

Kommentieren