Komödie | Deutschland 2019 | 93 Minuten

Regie: Murat Ünal

Ein junger Türke aus Berlin-Kreuzberg möchte Schauspieler werden und in Hollywood reüssieren. Dafür ist er sogar bereit, sich als Italiener auszugeben, verstrickt sich dabei aber in ein Netz aus Lügen und Halbwahrheiten. Die Multikulti-Liebeskomödie um Identität und kreative Selbstfindung schwankt zwischen pointierten Gags und derben Kalauern über interkulturelle Vorurteile, teilt aber nach allen Seiten kräftig aus. Allerdings wirkt die Inszenierung über Strecken unentschlossen und halbbacken, auch weil der trockene Humor nicht so recht zur romantischen Komödie passen will. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Murat Ünal
Buch
Ahmet Iscitürk · Murat Ünal
Kamera
Jean-Pierre Meyer-Gehrke
Schnitt
Murat Ünal · Alexander Wendler · Bernadette Huber · Marco Zanoni
Darsteller
Murat Ünal (Alper) · Jennifer Bischof (Sophie) · Ilkan Aydin (Berkan) · Olivia Marei (Laura) · Baris Simsek (Cem)
Länge
93 Minuten
Kinostart
13.06.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie
Diskussion

Multi-Kulti-Liebeskomödie um einen Türken aus Kreuzberg, der von Hollywood träumt, aber nur kleine Rollen findet, bis eine blonde Kunststudentin einen Italiener sucht.

Der jungen Deutschtürke Alper lebt zusammen im seinem Vater im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Er will Schauspieler werden und in Hollywood als erster türkischer Superheld reüssieren. „Nur Filme machen dich unsterblich“, predigt er seinen Freunden Cem und Berek.

Doch das Glück ist ihm nicht hold. Die kleinen Rollen, für die er sich bewirbt, sind eher bescheiden, außerdem halten ihn die Produzenten und Drehbuchautoren nicht für authentisch genug; sie möchten es gerne „türkischer und aggressiver“. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Alper deshalb vorerst als Kellner in einem italienischen Restaurant.

Sein Vater, ein konservativer Muslim mit weißem Vollbart und weiten Hosen, möchte, dass sein Sohn was Anständiges lernt, beispielsweise Versicherungskaufmann. Von Alpers schauspielerischen Ambitionen hält er nichts: „Als Türke kannst du nur Drogendealer oder Muslimkiller spielen!“ Dann aber tritt die blonde Sophie in Alpers Leben. Sie möchte, ebenfalls gegen den Willen ihres Vaters, Kunst studieren und muss für die Aufnahmeprüfung einen „Immigranten aus der Arbeiterklasse“ filmen; überdies soll es ein Italiener sein.

Wie heißt der italienische Präsident?

Alper wittert seine Chance und verwandelt sich in Alberto; er hängt sich ein goldenes Kettchen mit Kreuz um dem Hals, drückt die Brust heraus und bewegt die Hüften im Rhythmus italienischer Schnulzen. Mit seinen Freunden übt er Landeskunde: „Wie heißt der Präsident von Italien?“ – „Berlu... nein Bertolucci, nein, nein, es war etwas mit M...“ – „ Mussolini!“ – „Ja, Mussolini.“

Sophie glaubt ihm den Italiener. Gleich beim ersten Dreh am Treptower Ehrenmal taucht ihr Vater auf, ein knallharter Immobilienmanager aus München. Der vermeintliche Italiener muss mit zum Mittagessen, das Sophies Mutter derweil in deren schicker Stadtwohnung in Berlin-Mitte zubereitet hat.

Doch statt Kalb hat sie Schwein verarbeitet! Alper stürzt ins Bad und ruft verzweifelt seine Freunde an, hört aber nur wenig Aufmunterndes: „Ist es ein Halal-Schwein?“ – „Was?“ – „Ein Schwein, das noch vor dem Schlachten zum Islam übergetreten ist!“ Zurück am Tisch schlingt Alper das Stück Fleisch mit einem Bissen hinunter und gewinnt so das Herz von Sophies Mutter. Die vermittelt ihn auch an einen befreundeten Regisseur, in dessen Film „Berlin – das Coming out des Terrors“ er einen schwulen islamistischen Terroristen mimen soll.

Mit Vollbart und Kampfanzug

Eigentlich läuft damit ja alles gut für Alper, doch ihm wird bewusst, dass er nicht mehr länger mit der Lüge leben kann, und auch Sophie muss einige ihrer vermeintlichen Wahrheiten überdenken. Während der Dreharbeiten bekennt Alper mit Vollbart und IS-Kampfanzug: „Ich bin Türke, und das ist auch gut so!“ Doch damit werden seine Probleme nur noch schlimmer: „Die Frau liebt den Helden, nicht sein wahres Ich.“

„Hollywood Türke“ ist ein Film über Identität, Assimilierung, kreative Selbstverwirklichung und viele ethnische Vorurteile. Es geht um kulturelle Überheblichkeiten und Minderwertigkeitsgefühle. Die Inszenierung schwankt zwischen pointierten Gags und derben Kalauern. Es gibt Anspielungen auf den islamistischen Terrorismus, wenn der gutmütige Vater von der Motorsäge Usama 9-11 schwärmt, weil die „jeden Baum zum Einsturz“ bringt. Wenn Alper als Superheld „Os-man“ seine Freunde aus den Händen des bösen „Uncle Scam“ befreit und ihn mit Knoblauchspray besiegt, werden auch islamistische Verschwörungstheorien persifliert.

Freche Pointen, trockener Humor

Sein Pendant findet der finstere Fundamentalismus im deutschen Filmprojekt, das dem Zuschauer „die Augen über den Islam öffnen“ will oder in gängigen Vorurteilen, dass Türken betrügen, die islamische Ehe Zwangsheirat, Gefangenschaft und Ehrenmord sei. Regisseur Murat Ünal spielt mit den deutsch-türkischen und anderen interkulturellen Klischees, doch der Film wirkt über weite Strecken unentschlossen hölzern und hausbacken. Das fängt mit den Schauspielern an, unter denen Murat Ünal in der Titelrolle durchaus hervorsticht und den Charme eines Adriano Celentano entwickelt. Doch schon die weibliche Hauptfigur wirkt in ihrer gebremsten Rebellion gegen das reiche Elternhaus wenig glaubwürdig; hier fehlt der Humor, der sonst recht großzügig über den Film verteilt ist.

Ünals Stärke liebt in der frechen Pointe, im Lachen über gegenseitige Vorurteile und im trockenen Humor. Das hat er schon als Produzent mit seiner Low-Budget-Kurzfilmreihe „Tiger, die Kralle von Kreuzberg“ bewiesen. „Hollywood Türke“ scheitert allerdings an dem Versuch, diesen Humor aus der türkischen Diaspora in das Korsett einer romantischen Komödie zu stopfen.

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