Animation | Frankreich 2018 | 72 Minuten

Regie: Juan Antin

Im 16. Jahrhundert träumt ein kecker Junge aus einem Dorf in den Anden davon, ein Schamane zu werden. Als Inka die goldene Statue des Schutzgottes seines Dorfes beschlagnahmen und verschleppen, zieht der Junge zusammen mit einer Freundin los, um sie wiederzubeschaffen. Dabei stoßen sie neben allerhand Bewährungsproben auch auf die spanischen Konquistadoren, die alle indigenen Kulturen Südamerikas bedrohen. Liebevoller Animationsfilm mit einer abstrahierenden Bilderwelt, der kindgerecht, beschwingt und bewegend eine Abenteuergeschichte vom Erwachsenwerden erzählt. Wie nebenbei greift er dabei indigene Mythen ebenso auf wie den Untergang der Inka-Kultur und spricht sich für ökologisches Bewusstsein, Nachhaltigkeit und Humanität aus. - Sehenswert ab 8.

Filmdaten

Originaltitel
PACHAMAMA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Juan Antin
Buch
Juan Antin · Patricia Valeix · Nathalie Hertzberg · Olivier de Bannes
Musik
Pierre Hamon
Schnitt
Benjamin Massoubre
Länge
72 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 8.
Genre
Animation | Kinderfilm
Diskussion

Liebevoller Animationsfilm mit einer abstrahierenden Bilderwelt, der kindgerecht, beschwingt und bewegend von einem Jungen aus den Anden und seiner Freundin erzählt, die im 16. Jahrhundert eine gestohlene Götterstatue in ihr Dorf zurückbringen wollen.

Die Heldenreise in „Pachamama“ beginnt klassisch mit einem gefloppten rite de passage. In einem Dorf irgendwo in den Anden, kurz vorm großen Umbruch durch die südamerikanische Kolonialisierung, darf der trotzige Junge Tepulpai noch nicht zu den Großen gehören. Für ihn beginnt die Welt, die hier bald Kopf steht, überhaupt erst zu einer Welt zu werden. Beim jährlichen Dankbarkeitsritual für Pachamama, die verehrte Mutter Erde, hat Tepulpai seine Opfergabe verweigert. Das Gesetz der Gabe ist ein nachhaltiger Kreislauf, „alles, was wir Pachamama geben, kommt wieder zurück“, reden alle auf ihn ein. Aber der Junge geht lieber weiter träumen.

Auberginefarbene Berge, pastellleichter Nebel

Er legt sich alleine auf einen pink glühenden Hügel, liegt dort schlaflos, mit offenen Augen, der Nachthimmel ist ein Paisley-Feuerwerk im sanft schmelzenden Blau, hier und da grüne Kleckse der großen Kakteen, Bäume stehen wie Kreise am Stiel, die auberginefarbenen Berge rahmen den Hintergrund. Am nächsten Morgen schiebt sich das bananengelbe Puzzleteil der Sonne ein wenig genierlich aus dem Off. Wolken und Nebel, perfekt zum Sich-Verstecken und Sich-Verirren, schwimmen pastellleicht und esspapierähnlich ins Bild und wieder aus ihm heraus. Hellblaue Formen aus sich schwingenden Linien, Flächen und Konturen, die Flüsse und Bäche darstellen, laden die sonst eher stabilen, flächigen Bilder mit einer scherzhaften Dynamik auf.

Als bald darauf der traditionelle Kreislauf von Pachamama durch Andere brutal gestört wird, muss ausgerechnet der kleine Lausbub alles wieder in Ordnung bringen. Mit dabei auf der wichtigen Mission: die kleine Naira, eine Miss Perfect, viel reifer als Tepulpai, plus zwei sehr unterschiedliche Lieblingstiere. „Pachamama“ ist ein kindgerecht komprimiertes Stück Zeitgeschichte; neben der indigenen, auch heutzutage noch sehr lebendigen Kosmologie erzählt der für den französischen „César“ nominierte Film vom Niedergang der Inka-Zivilisation und der spanischen Eroberung. Sozusagen im Vorbeigehen.

Der aus Argentinien stammende Trickfilmmacher Juan Antin hat eine für sich einnehmende Bilderwelt geschaffen, abstrakt und grafisch, geschwungen-rundlich, mit klaren, wie aus Schablonen geschnittenen Formen, die an farbenprächtige Stoffmuster der Andenregion erinnern. Große Augen, eine Linie beschreibt Augenbrauen und Nase – so sehen die Figuren aus. „Pachamama“ besticht also weniger mit winzigen Details als mit leuchtenden Farbverläufen, bildfüllend in Neonpink und Violett, Fuchsien- und Flamingorot, Rot- und Blaulila, Purpur und knalligem Magenta.

Gelb für das viele Gold

Bilderwelten qua Lebensphilosophien. Klar, dass es hier eine Systematik in Farb- und Formgebung gibt. Die hippieske Harmonie der kleinen Dorfgemeinschaft wird zunächst mit der Inka-Kultur kontrastiert. Die Inka, in „Pachamama“ als Herrscher und Ernteeintreiber unterwegs, sind in ihrer turboaktiven Mobilität und Geschäftigkeit etwas lachhaft gezeichnet. Sie häufen Reichtümer, feiern Eitelkeit und Überfluss, Gelb steht für das viele Gold, Grau für Straßen und Häuser aus Stein. Nichts ist hier weich, alles ist hart, die Köpfe eindeutig quadratisch, weil es den Inka-Menschen ein bisschen an Verständnis und Feingefühl fehlt. „Opfergaben? – Schwachsinn! Eine primitive barbarische Tradition!“ Die spanischen Eroberer (die Kinder lassen sich vom ungewöhnlichen Aussehen nicht beirren und entlarven sie sofort als das, was sie sind: Diebe und Räuber) treten wie Roboter auf, die auf ein einziges Kommando hin programmiert sind: Schätze, El Dorado, alles, was glänzt. Hier wirken die Bilder kaputt und durchlöchert, und in Feuerrot getaucht.

Doch Juan Antin liebt sie alle. Die Figuren in „Pachamama“ sind auf eine oder andere Weise sehr liebevoll gezeichnet. Von der Idee bis zur Fertigstellung hat der Film ganze vierzehn Jahre in Anspruch genommen, die lange Zeit ist lohnenswert. Produziert wurde der Film interessanterweise von Didier Brunner, der unter anderem für die wunderschönen „Kiriku“-Filme von Michel Ocelot mitverantwortlich war. Nur in einer Hinsicht macht sie sich doch negativ bemerkbar: Gereist, gekämpft, gefürchtet und sich getraut wird hier zu zweit, als Schamane darf am Ende aber nur der Junge für die Pachamama tanzen. Das hätte uns vor vierzehn Jahren sicher weniger gestört. Von der Gendernormativität abgesehen aber ist der Film keine rührselige, sondern eine bewegende und beschwingt-energisch erzählte Geschichte. Mit einigen Gags, aber im ernsten Tonfall handelt der Film von ökologischem Bewusstsein, Nachhaltigkeit und Humanität. Oder ganz einfach: Man soll Dinge dahin zurücktun, wo sie hingehören.

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