Dokumentarfilm | Dänemark 2019 | Minuten

Regie: Kaspar Astrup Schröder

Fünf dänische Skaterinnen reisen im Sommer quer durch Jütland. Sie suchen den Kick auf dem Board, feiern wilde Partys, tätowieren sich und testen das Erwachsenwerden. Der Dokumentarfilm überlässt ihnen bisweilen auch die Kamera, was sich in einem wilden Mix aus Zeitraffer, Zeitlupen, Wackelbildern und Blicken für persönliche Details niederschlägt. Der Film erzählt vom Lebensgefühl der jungen Frauen, die sich nicht nach konventionellen Rollenbildern richten, sondern ihren eigen Weg finden wollen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DON'T GIVE A FOX
Produktionsland
Dänemark
Produktionsjahr
2019
Regie
Kaspar Astrup Schröder
Buch
Kaspar Astrup Schröder
Musik
Martin Dirkov
Schnitt
Michael Bauer
Länge
Minuten
Kinostart
04.07.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Doku über fünf junge dänische Skaterinnen, die im Sommer quer durch Jütland reisen und dabei das Erwachsenwerden abseits konventioneller Vorstellungen austesten.

Sofie, etwa Anfang 20, kinderlos, fühlt sich manchmal „voll wie eine Mutter“, obwohl sie das überhaupt nicht will. Doch seitdem sie 2016 in einem Vorort von Kopenhagen die „Girls-Skate-Tage“ initiiert hat, trägt sie die Verantwortung für das Projekt und all die jungen Frauen, die mit ihrem Board in die Halle kommen und hier skaten, grinden, sliden und so lange üben, bis der Ollie oder der Flipkick sitzt. Manchmal schmettert es die Skaterinnen auf der Rampe dermaßen auf den Boden, dass man allein vom Zusehen blaue Flecken bekommt. „High Five für jeden Sturz!“: Diese Regel hat Sofie eingeführt. „Weil man was Neues ausprobiert hat.“

Skaten war und ist, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, immer noch coole Männersache, wie Jonah Hill in seinem autobiografisch gefärbten Regiedebüt „mid90s oder Crystal Moselle in ihrem semi-dokumentarischen Kurzfilm „That One Day“ (2016) gezeigt haben. Frauen und Mädchen haben es schwer, in dieser Szene akzeptiert zu werden. Man kann das erahnen, wenn Sofie und ihre Freundinnen davon erzählen, wie sie lange nur Zaungäste waren, bevor sie sich selbst aufs Brett trauten, und dass sie nie allein in Kopenhagen skaten würden. Vielleicht müssen Männer deshalb in diesem Film entsprechend draußen bleiben.

Regisseur Kaspar Astrup Schröder, selbst ein Skater, begibt sich ganz in die Welt der „Skater-Girls“, die sich als Gruppe „Don’t Give a Fox“ nennen. Manchmal mutet sein gleichnamiger Dokumentarfilm schon fast wie ein Kammerspiel an, so sehr präsentiert er die Freundinnen als eingeschworene Gemeinde. „Ich kann ich selbst sein“, sagt eine von ihnen. „Skaten macht mich mutiger.“ Das Skateboard wird zu einem Instrument der individuellen und auch weiblichen Selbstbehauptung.

Wie ein begeistertes Amateurvideo

Der Film, der die Freundinnen auf ihrer Sommerreise quer durch Jütland begleitet, wirkt wie ein begeistertes Amateurvideo, bei dem alles erlaubt ist: Zeitraffer, Zeitlupen, Wackelbilder und Blicke fürs persönliche Detail, dazu treibende Musik. Eben noch von außen beobachtend, übernehmen im nächsten Moment die Mädchen die Kamera (damit einher geht der Wechsel zum quadratischen Bildformat), filmen mit ihren Handys unentwegt ihre Stunts oder das gemeinsame Abhängen. Damit geht auch jede Distanz verloren.

Der Blick ist allerdings nie voyeuristisch, hat man doch den Eindruck, dass die Protagonistinnen genau wissen, wieviel sie von sich preisgeben wollen. Sofie hockt unter der Bettdecke und heult, weil sie mit einem gebrochenen Fuß ein paar Monate aussetzen muss und nun fürchtet, den Anschluss zu verlieren. Signe erzählt davon, wie sie als Kind gemobbt wurde und ihr Coming-out erlebt hat. Und Line hat in der Jugendpsychiatrie gesessen und in der Musik ihre Sprache gefunden. „Ich bin wie ich bin, und komme jeden Tag besser mit mir klar“, weiß sie nun und ist selbst verwundert, dass ihr In-den-Tag-Hineinleben nun plötzlich ein konkretes Ziel hat: Sie will als Musikerin ihr Geld verdienen.

Dass die Frauen ihre Verletzlichkeit, ihre Ängste und Wunden zeigen, zeugt durchaus von ihrer inneren Stärke. Zugleich spürt man, dass sie noch am Suchen sind, nach ihrem eigenen Ich und einem Platz in einer Gesellschaft, die einen „in eine Schublade voller Erwartungen steckt“.

Viel Faszination für das Unangepasstsein

„Don’t Give a Fox“ erzählt vom Erwachsenwerden, speziell vom dem als Mädchen. „Ich war noch nie brav“, sagt Line, die gerne aneckt. Das Unangepasste und die unbändige Lebenslust der jungen Frauen haben den Regisseur offensichtlich fasziniert, dem beim Filmen etwas mehr Abstand oder die ein oder andere kritische Nachfrage gutgetan hätte. Doch auf der anderen Seite macht es durchaus Spaß, mit diesen „Riot Girls“ unterwegs zu sein. Sie suchen den Adrenalinkick beim Skaten, feiern wilde Partys, tätowieren sich und schießen auf leere Bierdosen. Sie malen aber auch ihren Reisebus rosa an, dekorieren ihn hingebungsvoll mit Glitzersteinen, Wackelkopfpuppen und anderem Nippes, schminken sich morgens im Bus und probieren im Second-Hand-Laden lange Kleider an.

Am Ende ist „Don’t Give a Fox“ eben auch ein Film über eine Handvoll Freundinnen, die sehr verschieden sind, die das Skateboarden zusammengebracht hat und die sie sich gegenseitig starkmachen für das Leben, das sie auf ihre eigene Art und Weise führen wollen.

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