Komödie | Frankreich/Belgien 2019 | 85 Minuten

Regie: Lisa Azuelos

Als ihre jüngste Tochter kurz vor dem Baccalauréat steht und schon einen Studienplatz in Kanada in Aussicht hat, geht auch für eine Mutter aus Paris ein Lebensabschnitt zu Ende. Die letzten Wochen, die beide gemeinsam unter einem Dach verbringen, werden zu einem langen Abschied, den der Film in nostalgischen Momenten der familiären Vergangenheit spiegelt. Jede Einstellung der Komödie verschreibt sich bedingungslos dem Prinzip der Mutterliebe, die jede dramatische Zuspitzung zurechtstutzt, aber auch das Alltägliche in ungeahnter Schönheit aufblühen lässt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MON BEBE | MON BÉBÉ
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Lisa Azuelos
Buch
Lisa Azuelos
Kamera
Antoine Sanier
Musik
Yael Naim
Schnitt
Baptiste Druot
Darsteller
Sandrine Kiberlain (Héloïse) · Thaïs Alessandrin (Jade) · Victor Belmondo (Théo) · Kyan Khojandi (Paul) · Mickaël Lumière (Louis)
Länge
85 Minuten
Kinostart
18.07.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie
Diskussion

Eine Tochter wird flügge, und die alleinerziehende Mutter muss sich auf das Ende eines Lebensabschnitts einstellen. Beschwingt-poetischer Film übers Loslassen.

Für einen Moment wirkt es, als hätten Mutter und Tochter die Rollen getauscht: Héloise (Sandrine Kiberlain) jammert ihrem geklauten Smartphone hinterher, während Jade (Thaïs Alessandrin) sie zu beruhigen versucht. Es ist ein scheinbar banaler Verlust, doch die kleinen Videoschnipsel, die Héloise in den letzten Wochen gesammelt hat, sind Erinnerungen, an die sie sich klammert, bevor auch die jüngste Tochter auszieht. Jade steht kurz vor dem Baccalauréat. Besteht sie den Abschluss, wartet ein Studienplatz in Kanada.

Auf Héloise wartet damit ein Abschied, der zugleich das Ende eines Lebensabschnitts bedeutet. Während die Tochter ihr neues Leben in Kanada fest in den Blick nimmt, verzweifelt die Mutter über dem Verlust ihrer unzähligen Videos, die ein handfester Rückblick auf eine Lebensrealität waren, die unaufhaltsam zu Ende geht.

Vor und nach der Trennung

„Ausgeflogen“ ist wie ein langer Abschied strukturiert, der sich nur deshalb verzögert, weil er konsequent an glückseligen Augenblicken im Leben der Familie festhält. Regisseurin Lisa Azuelos blickt weit über die Erinnerungen zurück, welche die Mutter mit ihrer Handykamera eingefangen hat. Rückblenden zeigen den Alltag der Familie sowohl vor als auch nach der Trennung der Eltern. Besonders die Zeit, die Héloise mit ihren drei kleinen Kindern teilte, wird in der nostalgischen Vergangenheit immer wieder gespiegelt.

Dabei geht es weniger um das, was mit den Jahren verschwindet, sondern um das, was bleibt: Der Ex-Mann ist immer noch ein Arschloch, die Kinder sind Héloises Lebensmittelpunkt. Azuelos stellt das nicht als eine Erkenntnis aus, die stets aufs Neue gewonnen werden muss, sondern macht die Mutterliebe zum unverrückbaren Grundprinzip des Films. Jeder Konflikt prallt an ihr ab, jede Streitigkeit wird neben ihr nichtig und jeder gemeinsame Moment von ihr aufgewertet.

So ist eine Szene, in der die Mutter ihre Tochter vor der Schulleiterin für das Schummeln bei einer Klassenarbeit zurechtweist, trotz der Schreierei bereits mit der ersten Silbe als gut eingespielte Charade zu erkennen. Die Direktorin schaut schockiert, während sich der Zuschauer gemeinsam mit der Tochter in Sicherheit wiegen kann. Das mütterliche Sicherheitsnetz stutzt dramaturgische Zuspitzungen rigoros zurecht, lässt darunter aber das Prosaische oft in ungeahnter Schönheit aufblühen.

Jede Zeile wird mitgesungen

Etwa bei Héloises Geburtstag, wo eine ausführliche Sequenz damit beginnt, dass sich ihre Freundinnen einen Song beim DJ wünschen. Zunächst ist der von der Idee, sein „House-Set“ unterbrechen zu müssen, nicht angetan, lässt sich dann aber doch darauf ein. Mit dem ersten Ton des Wunschlieds, einem schmalzigen Popsong, bricht die Begeisterung der Freundinnen als kollektive Euphorie hervor. Diese Szene endet allerdings nicht nach wenigen Sekunden, sondern überlässt dem Frauenquartett mehrere Minuten lang die Tanzfläche. Jede einzelne Zeile wird laut mitgesungen, bis die Kinder ihrer Mutter eine Geburtstagstorte auf die Tanzfläche bringen.

Während sich Familie und Freunde in den Armen liegen, zieht sich die Kamera langsam zurück und überlässt den Moment ganz den Figuren. Eine Geste, mit der die Regisseurin das Grundprinzip festigt, dem sie sukzessiv alles unterordnet. Doch – und das ist die Sollbruchstelle dieses Erzählens – so geborgen sich die Kinder auch fühlen, ist die Fürsorge für die Mutter ein so komplexes wie fragiles Gebilde: Dutzende von Krisen fängt es spielerisch ab, über dem simplen Verlust eines Smartphones wird es aber in seinen Grundfesten erschüttert.

Unter den Straßen von Paris

Der technische Fortschritt ist die wohl die einzige Barriere, die es in der ansonsten geradezu utopisch anmutenden Familienkommunikation gibt. Der Großvater fühlt sich vom verkürzenden „Internet-Jugendsprech“ halbwegs überfordert, während die Kinder ihre Mutter mit einer Ortungs-App auf dem Handy kontrollieren. Das sentimentale Fundament des Films vermögen allerdings auch diese technischen Störstellen nicht zu durchbrechen. Denn bevor die Krise sich ihren Weg bahnt, hat die Inszenierung bereits alle Gegenkräfte mobilisiert.

Die ohne Zustimmung installierte Ortungsfunktion wird kurzerhand vom Sohn genutzt, um den Smartphone-Dieb ausfindig zu machen. Gemeinsam verfolgen Kinder und Mutter im Auto, mit dem Fahrrad und auf dem Motorrad den Täter, nur um festzustellen, dass der Aufenthaltsort nicht auf, sondern unter den Pariser Straßen liegt: Der Dieb hat die Metro genommen. Als die Kinder erneut losrennen wollen, hat Héloise den Verlust bereits überwunden: Sie hat ihre Kinder bei sich – auch ohne technische Hilfe.

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