Kidnapping Stella

Krimi | Deutschland 2019 | 89 Minuten

Regie: Thomas Sieben

Die Tochter eines Industriellen wird auf offener Straße von zwei Männern entführt und in eine schallisolierte Wohnung verschleppt. Das akribisch geplante Verbrechen verläuft allerdings nicht rund, weil die junge Frau ungeahnte Schwierigkeiten macht. In der klaustrophobischen Situation entfaltet sich ein spannungsvolles Spiel um Kontrolle, Widerstand und emotionale Bindungen. Der auf dem britischen Thriller "Spurlos - Die Entführung der Alice Creed" beruhende Film erzählt seine Geschichte geradlinig und schnörkellos und entfaltet damit vor allem in der ersten Hälfte effektiv Spannung, auch wenn manches Handlungselement etwas windschief konstruiert wird. Allerdings hat der Thriller zunehmend Probleme, eigene Akzente zu setzen und seiner schlichten Genregeschichte originelle Wendungen abzugewinnen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
KIDNAPPING STELLA
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Thomas Sieben
Buch
Thomas Sieben
Kamera
Sten Mende
Musik
Michael Kamm
Schnitt
Robert Rzesacz
Darsteller
Jella Haase (Stella) · Clemens Schick (Vic) · Max von der Groeben (Tom)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Krimi
Diskussion

Die Tochter eines Industriellen wird auf offener Straße von zwei Männern entführt und in eine schallisolierte Wohnung verschleppt. Das akribisch geplante Verbrechen verläuft allerdings nicht rund, weil die junge Frau ungeahnte Schwierigkeiten macht.

Wären diese Männer Roboter, Maschinen ohne Gefühle und Geschichte, wäre alles gut gegangen. So ist es im Thriller oft: Die Pläne sind eigentlich perfekt, nur die Menschen eben nicht. „Kidnapping Stella“ von Thomas Sieben gefällt sich im ausgestellten Minimalismus. Kaum Schauplätze, eine schäbige leerstehende Wohnung am Rand irgendeiner Stadt. Drei Zimmer, Küche, Bad, Zelle. Drei Figuren. Tom (Max von der Groeben) und Vic (Clemens Schick) entführen Stella (Jella Haase). Das Geld ihres reichen Vaters soll ihnen eine sorglose Zukunft ermöglichen. Beim Überfall tragen sie Masken, die irgendwann fallen müssen. Die Verwandlung von Funktionsträgern zu Figuren führt in die Katastrophe.

Der auf dem britischen Thriller Spurlos – Die Entführung der Alice Creed basierende Krimi bemüht sich, die Kernkompetenzen des Genres zu betonen: Unterhaltung durch den Wechsel von Anspannung und Entspannung, bis zur finalen Auflösung. Ein Genrestück, das nicht aufwändig über seine Grenzen hinausverweist. Außenwelt, Gesellschaft und Politik werden ausgeblendet - soweit das möglich ist, denn alles Verdrängte kehrt irgendwann zurück. Selbst die genretypischen Polizisten, die den Status Quo wiederherstellen könnten, existieren nur als ferne Stimmen. Wie Stella in ihr Zimmer, so sperrt der Regisseur den Zuschauer in die Genre-Mechanik.

Ohne Schnörkel oder Ornamente

Der Film ist als Fließband angelegt, das alle fünf Minuten Spannungsmomente hervorbringt. Ein Objekt darf nicht entdeckt werden, es folgt die verzweifelte Suche nach einem Versteck. Das Opfer kann sich losreißen, ein Handgemenge bricht aus. Menschen jagen einander. Meist geht es um einen Informationsunterschied: Wer weiß was? Was weiß einer, was ein anderer nicht weiß, und wann wird er es erfahren?

Stilistisch ist der Film einfach gehalten. Die Einstellungen sind oft an den Sichtlinien der Figuren orientiert, ohne dass eine einzelne der subjektiven Perspektiven bevorzugt würde. Die Kamera transportiert Informationen, sie zeigt oder verbirgt. Kein Schnörkel oder Ornament verstellt den Blick. Kein einzelnes Bild emanzipiert sich, höchstens die im Wind tanzende Plastiktüte, die die Zufallshörigkeit des Folgenden symbolisch vorwegnimmt.

Nicht jeder Suspense-Moment wirkt überzeugend; manches ist etwas windschief konstruiert. Thriller wie „Kidnapping Stella“ wecken oft die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, die von Großmeistern wie Hitchcock noch im selben Atemzug für irrelevant erklärt wurde. Plausibilität keine nützliche Kategorie im Kino. Wer sie verlangt, wünscht sich das Kino als Welt, die seine eigenen Erwartungen reproduziert. Filme sind keine Fortsetzung des Ichs.

Viele Fehlleistungen

Die vielen etwas konstruiert wirkenden Momente haben hingegen einen anderen Effekt: Sie verändern die Beziehung des Zuschauers zu den Figuren. Gerade durch die hohe Dichte an Fehlleistungen amüsiert der Amateur-Verbrecher Tom eher, als dass er bedrohlich wirkt. Sein jugendliches, unschuldiges Gesicht nährt die Hoffnung auf ein Umdenken, auf einen Pfad abseits von Gewalt und Tod. Vic versucht, in ihm einen Sinn von Kameradschaft zu wecken.

Doch ob es wirklich eine genuine Empfindung zwischen den beiden gibt oder nur Zwang und Notwendigkeit, bleibt in der Schwebe. Auch daraus generiert der Film Spannung: Die Unmöglichkeit, andere Menschen je wirklich zu kennen. Die Unsicherheit des Zwischenmenschlichen. Tom und Stella verbindet eine gemeinsame Vergangenheit. Wiegt sie schwerer als die mögliche Zukunft im Reichtum, das Leben im Sehnsuchtsort Mexiko, von dem Vic träumt?

Der enge Schauplatz verschiebt den Blick auf Details. Der Film spielt mit der Klaustrophobie der Situation. Hier nähert sich die Erzählperspektive Tom an, der immer zurückbleibt, wenn Vic mit der Polizei spricht. Oft scheint es, als wäre er ebenso gefangen wie die Entführte. Max von der Groeben merkt man die Uneigentlichkeit seiner Figur immer an. Tom ist kein Gangster, er posiert nur, er will Härte und Männlichkeit über seine innere Zerrissenheit stülpen. Bei Clemens Schick und Vic ist es anders herum: Vorgeschobene Sanftmütigkeit verbirgt innere wie äußere Gewalt. Noch mehr Masken.

Das Zischen der Luft

Stella muss erstaunlich viel über sich ergehen lassen. Zum einen rein körperlich: Die Schläge und Tritte, die sie treffen, werden mit schmerzlicher Wucht inszeniert. Das passiert bemerkenswert oft. Der Film ist kein großes Körperkino, doch die Gewalt provoziert eine Reaktion, ein Zischen von zwischen den Zähnen durchgezogener Luft.

Stellas Situation ist überdies mit einer unangenehmen Entwürdigung verbunden. Die Entführer lassen sie nicht auf die Toilette gehen; sie muss ihre Notdurft in einen Eimer und ein medizinisches Nachtgeschirr verrichten. Hinter diesen scheinbar „vernünftigen“ Plänen – soweit Verbrechen diese Eigenschaft besitzen – verbirgt sich ein Sadismus der vermeintlichen Rationalität. Er wird manifest, wo extremen Sicherheitsvorkehrungen auf die Reibungshitze emotionaler Momente treffen.

Damit erzählt der Film auch von der Unmöglichkeit, einfach „nur“ einen Genre-Film zu machen. Egal, wie radikal die Beschränkung und Verdichtung sind, kann ein Film durch seine Verortung in der Welt und den Bezug auf physische Realität nie einfach nur Mechanik sein. Kino ist komplex, auch und gerade das scheinbar simple. Vielleicht ist eine mittelmäßige Fernsehproduktion wie „Kidnapping Stella“ dadurch ehrlicher als so manche „gehobene“ Genreübung, die mit ihrem bedeutsamen Subtext hausieren geht.

Menschen sind nicht perfekt

Allerdings hat der Thriller spürbare Probleme, die sich in der zweiten Hälfte offenbaren. Genre ist immer ein Spiel mit Konvention und Variation, doch die Inszenierung besitzt schlicht zu wenig eigene Einfälle, um in Erinnerung zu bleiben. Gerade die Auflösung ist eher müde. Auch die Schauspielleistungen sind wenig mitreißend. Man versteht immer, was die Darsteller mit ihrem Spiel gerade meinen, doch sie wirken dabei oft ein wenig steif und lebensfern. Kein Satz ist so effektvoll, wie er auf dem Papier geklungen haben muss.

So ist es im Thriller nun mal. Die Pläne sind perfekt, nur die Menschen eben nicht.

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