Comicverfilmung | USA 2019 | Minuten

Regie: Daniel Attias

Eine Anti-Superheldenserie beruhend auf den gleichnamigen Comics von Garth Ennis und Darick Robertson: In einer Welt, in der Superhelden wie Stars gefeiert werden, aber auch dazu tendieren, ihre Macht und ihren Celebrity-Status zu missbrauchen, schließt sich ein junger Mann einer Gruppe an, die gegen selbstherrliche Superhelden vorgeht. Dabei bekommt es das "The Boys" genannte Team mit "The Seven", den prominentesten Superhelden, zu tun, sowie mit dem Konzern, zu dem die Helden gehören. Die Serie variiert den "vigilante myth" des Genres sozusagen mit umgedrehten Vorzeichen und nutzt das Motiv der Superhelden, um von einer Gesellschaft zu erzählen, in der sich Superhelden als "Markenprodukte" eines Konzerns einspannen lassen, um demokratische Strukturen auszuhöhlen. Obwohl die "Boys" selbst dabei etwas holzschnitthaft bleiben und nur langsam an Profil gewinnen, unterhält die Serie bestens durch die spannende Zeichnung des "Corporate Evil". - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
THE BOYS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Daniel Attias · Jennifer Phang · Stefan Schwartz · Philip Sgriccia · Frederick E.O. Toye
Buch
Evan Goldberg · Eric Kripke · Garth Ennis · Seth Rogen
Kamera
Evans Brown · Jeremy Benning · Jeff Cutter · Dylan MacLeod
Musik
Christopher Lennertz
Schnitt
Nona Khodai · David Kaldor · Cedric Nairn-Smith · David Trachtenberg
Darsteller
Jack Quaid ('Wee' Hughie Campbell) · Karl Urban (Billy Butcher) · Elisabeth Shue (Madelyn Stillwell) · Antony Starr (The Homelander) · Erin Moriarty (Annie January / Starlight)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 18.
Genre
Comicverfilmung | Serie
Diskussion

Eine Anti-Superheldenserie nach gleichnamigen Comics von Garth Ennis und Darick Robertson um eine Truppe von Außenseitern, die gegen korrupte Superhelden mobil machen.

Der Tod von Robin ist ein „Kollateralschaden“, für den weder sich weder die Behörden noch der Superheld A-Train (Jessie Usher) oder der Konzern, der hinter ihm steht, verantwortlich zu fühlen scheinen: Man tut öffentlich Bedauern kund, bietet dem Freund der Toten unter der Hand eine kleine Summe Geld an, damit er die Sache auf sich beruhen lässt und den Mund hält – und ansonsten passiert rein gar nichts. Doch für Hughie Campbell (Jack Quaid) ist das nicht gut genug. Er und Robin waren gerade gemeinsam auf der Straße unterwegs und sprachen übers Zusammenziehen, als er auf einmal nur noch die abgetrennten Hände seiner Liebsten in seinen hielt; der Rest der jungen Frau endete nach der Kollision mit dem superschnellen A-Train als Wolke aus Blut, Knochen und Gewebe. Seitdem schwelt in Hughie die Wut, obwohl der junge Mann, der als Verkäufer in einem Elektroladen jobbt, eigentlich ein friedlicher Zeitgenosse ist – die Arroganz und die schiere Menschenverachtung, mit denen über Robins Tod hinweggegangen wird, will er nicht hinnehmen.

Bodenständige Arbeitertypen gegen egomanisch-eitle Superhelden

Während Superhelden-Stoffe wie das „Marvel Cinematic Universe“ weiter florieren, florieren in seinem Windschatten auch schon eine ganze Weile die Anti-Superheldenstoffe, die die Männer und Frauen in Capes und Masken satirisch oder ernst vom Podest holen, auf das die Popkultur sie gestellt hat. Wobei dieses „Vom Podest holen“ im Fall von „The Boys“ freilich keine wirkliche Genre-Revision ist, sondern nur eine Umetikettierung: Der Stoff, der frei auf den gleichnamigen Comics von Garth Ennis und Darick Robertson beruht, variiert einmal mehr den guten, alten Mythos vom „vigilante hero“, der innerhalb eines korrumpierten Gemeinwesens das Recht in die eigenen Hände nimmt – nur dass die tapferen Rächer hier eben nicht Batman und Co. sind, sondern ganz normale Arbeiter-Typen.

Ein Ventil für sein Rachebedürfnis findet Hughie, als er von einem Mann namens Billy Butcher (Karl Urban) angesprochen wird und sich erst widerwillig, bald aber immer radikaler auf die Zusammenarbeit mit ihm einlässt. Billy scharrt eine Gruppe um sich, die sich sogenannte „supers“ vornimmt, die meinen, sie könnten nonchalant die Rechte ihrer normalmenschlichen Zeitgenossen mit Füßen treten. Zunächst behauptet er, „The Boys“ seien eine FBI-Einheit, bald stellt sich aber heraus, dass die Gruppe in einer Schattenzone jenseits des Gesetzes agiert.

Keine Chance für Idealistinnen

Während Hughie sich mit Billy zusammenrauft und einen ersten Job für ihn erledigt, dessen Folgen ihn ganz zum Mitglied der „Boys“ machen werden, findet die junge Annie January aka Starlight (Erin Moriarty) Aufnahme ins prominenteste und mächtigste Superhelden-Team, „The Seven“, zu denen auch A-Train gehört. Annie ist alles, von dem Hughie und Billy meinen, es wäre bei den „supers“ nur lügnerische Fassade: Sie ist eine Idealistin, der es bei ihren Einsätzen als Starlight tatsächlich genuin ums Wohl ihrer Mitmenschen geht, nicht um den eigenen Status. Allerdings steht sie damit tatsächlich ziemlich alleine da. Ihre neue Position unter den „Seven“, die sie zunächst für die Erfüllung all ihrer Träume hielt, erweist sich als eine Art von moralischem Kampf, bei dem ihr ihre Superkräfte wenig helfen.

Denn die Helden um den Anführer Homelander (Antony Starr) – eine Art verkommener Zerrspiegel von Captain America – sind ein korrupter Haufen, der von Konkurrenz, gegenseitigem Druck und Ausbeutung zersetzt ist, was Annie hautnah merkt, als ihr ihr neuer Kollege The Deep noch vor der offiziellen Aufnahme in „The Seven“ sexuelle Gefälligkeiten abpresst. Und Vought Industries, der Konzern, der die Superhelden unter Vertrag hat, sich um ihre „Vermarktung“ und ihre Images kümmert und ihre Einsätze koordiniert (für die Kommunen dicke Summen löhnen müssen), geht es keineswegs ums Weltverbessern als vielmehr um die eigene Rendite und die eigene Macht.

Ein eindrucksvolles „Corporate Evil“

Neben Evan Goldberg und Seth Rogen (die als Produzenten auch schon die Superhelden-Satire „Future Man“ betreut haben) zeichnet als Showrunner Eric Kripke („Supernatural“) für „The Boys“ verantwortlich und beweist einmal mehr ein gutes Händchen dafür, ein an sich simples Grundkonzept zum tragfähigen Serienuniversum auszubauen. Das liegt weniger an den „Boys“ selbst, die als „hart aber herzlicher“ Haufen von Haudegen etwas eindimensional bleiben und nur langsam an Profil gewinnen, und es liegt auch nicht an der teilweise ziemlich ruppig-blutigen Action, die mit dem inszenatorischen Biss von Vorbildern wie „Deadpool“ doch nicht ganz mithalten kann. Interessant an der Serie ist vor allem die genüssliche Zeichnung des „Corporate Evil“ rund um Vought Industries, dessen mächtige Vizepräsidentin (Elisabeth Shue) und die „Seven“, hinter deren hochglanzpolierten Images die Serie immer mehr innere Konflikte und menschliche Abgründe freilegt – eine Art „House of Cards“ im Fantasy-Gewand, das von gar nicht so fantastischen Zuständen erzählt: Da geht es um die Macht der (sozialen) Medien und wie sie manipulativ genutzt werden kann, um den politischen Einfluss von Konzernen, um die Celebrity-Kultur und die damit einhergehende Kultur der Selbstoptimierung und -vermarktung und immer wieder auch um die „Gender Politics“, wobei das #MeToo-Thema des sexuellen Missbrauchs hier mal nicht nur als Problem einiger fieser Männer gezeichnet wird, sondern als systemisches Übel einer Gesellschaft, in der theoretisch alle gleich sein mögen, real aber knallharte soziale Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen bleiben.

 

 

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