Psychothriller | USA 2017 | 78 Minuten

Regie: Nicolas Pesce

Ein gelangweilter Ehemann fühlt sich von einer inneren Stimme verleitet, minutiös einen Mord an einem Callgirl zu planen und durchzuführen. Doch der akribische, aber alles andere als souveräne Möchtegern-Täter gerät dabei an eine Frau, die sich mit ihren eigenen inneren Dämonen arrangiert und einen Hang zur Selbstverstümmelung auslebt. Das bizarre Psychodrama spielt mit den Versatzstücken des transgressiven Kinos und zielt auf ein unangenehmes, skurril-amüsantes Tête-à-Tête menschlicher Abgründe.

Filmdaten

Originaltitel
PIERCING
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Nicolas Pesce
Buch
Nicolas Pesce
Kamera
Zack Galler
Schnitt
Sofía Subercaseaux
Darsteller
Christopher Abbott (Reed) · Mia Wasikowska (Jackie) · Laia Costa (Mona)
Länge
78 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 18
Genre
Psychothriller

Heimkino

Verleih DVD
Busch Media
Verleih Blu-ray
Busch Media
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Diskussion

Ein gelangweilter Ehemann möchte ein Callgirl ermorden, gerät dabei aber an eine Prostituierte mit Hang zur Selbstverstümmelung. Ein bizarres Spiel mit Versatzstücken des transgressiven Kinos nach einem Roman von Ryū Murakami.

Es wird langsam Zeit, einen Menschen zu töten. Am besten eine Frau. Reed (Christopher Abbott) sieht das ganz pragmatisch; besser gesagt, die Stimme in seinem Kopf, auf deren kurze, prägnante Ratschläge er hört. Der Familienvater ist keineswegs ein besonders gewalttätiger Mann, auch wenn er seiner Frau und dem Säugling wenig Empathie entgegenbringt.

Eine Prostituierte soll es sein! Die könnte er in die Anonymität eines Zimmers dieser Großhotels bestellen, betäuben, fesseln, töten und zerstückeln. Reed liebt diese Gedankenspiele. Sie erregen ihn. Doch deren Umsetzung verlangt penibelste Vorbereitung. Immerhin wäre es in dieser Art „sein erstes Mal“. In seiner Jugend war da zwar auch mal was, doch das ist eine andere Geschichte.

Eigentlich hatte Callgirl Jackie (Mia Wasikowska) für den Abend andere Pläne. Doch in ihrem Job muss man flexibel sein. Als sie es sich in Reeds komfortablem Zimmer bequem zu machen versucht, überträgt sich die diffus angespannte Stimmung auf ihren ohnehin selten ausgeglichenen Gemütszustand. Ob sie ein Problem damit hätte, sich fesseln zu lassen? Natürlich nicht, immerhin ist sie ein Profi.

Ein Mordplan, der eine ungeahnte Wendung nimmt

Doch als Reed über Jackies langen Aufenthalt im Badezimmer ungeduldig wird und auf den Ablauf seines „Spiels“ pocht, ahnt seine Stimme im Kopf, dass diese Nacht ein anderes Ende nehmen wird. Prompt ist eine Zwischenstation im Krankenhaus nötig, um Jackies Verletzungen am Bein verarzten zu lassen, die sich die junge Frau smit einer Schere zugefügt hat. Auf eigenartige Weise ist sich Reed nicht ganz sicher, ob ihm der neue „Ablaufplan“ nicht doch besser gefällt. Auch Jackie findet langsam Gefallen daran, im Mittelpunkt eines möglichen Mordes zu stehen; sie weiß nur noch nicht so recht, ob als Opfer oder Täter.

Landläufig könne man ein Werk wie „Piercing“ als Fetisch-Film bezeichnen. Ähnlich wie etwa David Cronenbergs Psychodrama „Crash“, in der es um die sexuelle Erregung geht, die die Protagonisten beim (Selbst-)Verstümmeln durch Autounfälle erfahren. Der japanische Schriftsteller Ryū Murakami, der mit seinen Stoffen schon in „Tokio Dekadenz“ und „Audition“ sexuelle wie obsessiv-destruktive Abgründe auslotete, sucht mit seinem 1994 erschienenen Roman „Piercing“ die Verbindung beider Sujets. Ein pathologischer (Möchtegern-)Mörder trifft auf eine Borderline-Persönlichkeit; eigentlich ein perfekter Stoff fürs Kino der Transgression.

Lakonisches Tête-à-Tête menschlicher Abgründe

Doch Regisseur Nicolas Pesce, der Murakamis Stoff für den Film adaptierte, entwirft kein grausam-bitteres Kino der Grenzüberschreitung, sondern ein lakonisches Tête-à-Tête menschlicher Abgründe. Er will keine Auseinandersetzung, keine Abrechnung, keine Heilung, er will ein Treffen auf Augenhöhe, ohne finale Option auf Katharsis.

Was passiert, wenn ein Mann, der morden will, auf eine Frau trifft, die an Schmerzen Gefallen findet? Daraus resultiert hier kein Kampf der Geschlechter, sondern ein bizarres, mitunter absurdes, ja amüsantes Spiel mit Überlegenheit und Unterlegenheit; mit „Sich-Hingeben“ und „Nehmenwollen“.

„Piercing“ testet behutsam die Grenzen aus. Der Film ist unangenehm, aber nie ekelhaft oder übertrieben grausam. Der 29-jährige US-amerikanische Regisseur, mit „The Eyes of My Mother“ (2016) ein schwarz-weißes Kammerspiel der Monstrositäten präsentierte, gibt sich auch bei Murakamis Stoff stilsicher und eher verkopft denn explizit.

Christopher Abbott und Mia Wasikowska sind großartige Darsteller. Doch während Wasikowska schon in zahlreichen Blockbustern und Arthouse-Filmen ihr Faible für gebrochene Charaktere auslebte, steht der 33-jährig Abbott noch vor seinem Durchbruch. Seine Fertigkeit, das Empfindsame wie Obsessiv-Willensstarke dieses sanften Psychopathen in all seiner Fragilität und Ambivalenz glaubhaft zu machen, hebt diesen abseitigen Film hervor. Bemerkenswert ist auch das Timing, das Pesce im Drehbuch skizziert und in der Inszenierung präzise umsetzt. „Piercing“ endet ganz trocken, mit einer brillanten Pointe und überlässt den Rest dem Kopfkino des Betrachters.

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