Photograph - Ein Foto verändert ihr Leben für immer

Drama | Deutschland/Indien/USA 2019 | 110 Minuten

Regie: Ritesh Batra

Ein junger Mann vom Land kommt nach Mumbai, wo er vor dem „Gate of India“-Monument Touristen fotografiert. Dort trifft er auf eine Studentin aus gehobenen Kreisen, deren Lebenslauf längst vorzeichnet ist. Doch auf langen Spaziergängen und in zögerlichen Gesprächen ändert sich beider Zukunft. In ruhigen, zurückhaltenden Bildern fängt der Film den Trubel von Mumbai ein, die gesellschaftlichen Kontraste zwischen den Armen und dem Mittelstand, wobei er mehr auf Details als auf Sensationen achtet. Dabei gelingt dem Film nicht nur ein ebenso sinnliches wie vielseitiges Bild der Stadt und der unterschiedlichen Lebensumstände seiner Bewohner, sondern auch eine sensible, unaufgeregte Geschichte über die Annäherung zweier Menschen aus unterschiedlichen sozialen Welten, deren Begegnung beiden neue Perspektiven eröffnet. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
PHOTOGRAPH
Produktionsland
Deutschland/Indien/USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Ritesh Batra
Buch
Ritesh Batra
Kamera
Ben Kutchins · Tim Gillis
Musik
Peter Raeburn
Schnitt
John F. Lyons
Darsteller
Nawazuddin Siddiqui (Rafi) · Sanya Malhotra (Miloni) · Sachin Khedekar (Kanti Bhai) · Denzil Smith (Hasmukh Bhai) · Brinda Trivedi (Saloni)
Länge
110 Minuten
Kinostart
08.08.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Liebesfilm um einen Straßenfotografen in Mumbai, der mit einer Studentin aus gehobenen Kreisen anbandelt.

Es sind Zutaten, aus denen auch der indische Mainstreamfilm seine Geschichten gewinnt: Mädchen aus gutem Haus trifft armen Mann vom Land. Eine bereits durchgeplante Zukunft im Wohlstand kollidiert mit der Möglichkeit eines ganz anderen, eigentlich unvorstellbaren Lebens. Die vorhersehbaren Probleme, die eine solche Kollision hervorruft, verfliegen in dem Film von Ritesh Batra allerdings wie der Dunst im morgendlichen Mumbai. Was bleibt, ist die zögerliche Entstehung einer Zuneigung.

Rafi, der Mann vom Land, schlägt sich in Mumbai durch, indem er Fotos von den Touristen am „Gateway of India“ macht. Er verkauft Erinnerungen an einen glücklichen Moment im Leben, wie er selbst es nennt. Eines Tages fotografiert er das Mädchen Miloni, das mit ihrer Familie dort unterwegs ist und sich nur kurz aus dem Blickfeld von Mutter und Schwester lösen konnte. Das Foto gefällt Rafi und Miloni gleichermaßen. Doch dann verliert sie ihren Abzug an den Lehrer ihrer Wirtschaftsschule, und Rafi benutzt seinen für einen Betrug: Er schickt die Aufnahme in sein Heimatdorf zu seiner Großmutter Dadi, die ihm keine Ruhe lässt mit der Forderung, er solle endlich heiraten. Rafi erklärt das Mädchen auf dem Bild zu seiner Braut, was allerdings dazu führt, dass Dadi nach Mumbai reist, um nach dem Rechten zu sehen.

Die unterschiedlichen Seiten Indiens

Der bevorstehende Besuch der herrischen Großmutter bringt Rafi in Zugzwang. Er findet Miloni und bittet sie, für einen Nachmittag seine Braut zu spielen. Miloni willigt ein. Schon während sie sich den inquisitorischen Fragen von Dadi stellt, merkt man, wie sie an der Situation Gefallen findet. Miloni trifft sich von da an täglich mit den beiden, manchmal aber auch mit Rafi allein. Diese Exposition ist durchaus eine Herausforderung für die Gutgläubigkeit des Zuschauers; ähnliche Zweifel wird es bis zum Schluss von „Photograph“ immer wieder geben. Doch dem Regisseur geht es überhaupt nicht um die Plausibilität einer Geschichte. Was ihn interessiert, ist Mumbai mit all seinen sozialen und architektonischen Kontrasten; es sind die Lebensumstände der Protagonisten und die Eigenarten ihrer Charaktere. Ritesh Batra macht Kino in reinster Form, wenn man so will.

Das, was man hier zu sehen bekommt, ist ein Blick auf die unterschiedlichen Seiten der Stadt und der indischen Gesellschaft. Armut glänzt in Schönheit, trotzdem lässt sich die Wirklichkeit in diesen Bildern kaum anzweifeln, denn Batra dirigiert den Fokus der Kamera bis in kleinste Details. Man sieht Schuhe und Tücher und Schmuck; das Innere von Bussen und Taxis und Straßenständen. Man hört den Regen und das Knacken der Neonreklamen sowie die verwischte Musik, die aus den Kinos dringt. Man sitzt beim Abendessen der mittelständischen Eltern von Miloni am Tisch und ist bei ihrer Dienstbotin, die auf dem Küchenboden schläft. Und im Wellblechcontainer, den Rafi und seine vier Freunde bewohnen, die sowieso auf dem Boden schlafen. Nachts müssen sie leise übereinander steigen, wenn sie kurz ins Freie wollen, um dort mit dem Geist eines Erhängten ein Beedi zu rauchen.

Nichts bleibt privat

Wenn man also etwas von Indien sehen will, dann hier, in „Photograph“, mit sanften, unaufgeregten Bildern. Auch erschließt sich manche Eigenart des Landes durch die Gespräche der vielen Nebenfiguren. Diese nähern sich häufig der Geschwätzigkeit. Es existiert nichts Privates, das nicht binnen kürzester Zeit zum Klatsch des Viertels avanciert, keine Lebenslage, die nicht ungefragt mit hundert Ratschlägen quittiert wird. Nur zwischen Rafi und Miloni gibt es kein Geplätscher, sondern ein wenig Ernst, ein wenig Poesie, immer gebremst durch ihre wachsende Zuneigung. Denn die ist für beide eher ein Anlass zur Sorge: Sie wissen, dass eine Verbindung jenseits des Klassengefüges nicht umsonst der Stoff von Bollywood-Dramen ist.

Durch viele Nachmittage schlendern Rafi und Miloni gemeinsam. Dabei öffnen sie sich gegenseitig die Augen. Milani wird über Rafi die Armut in ihrer Stadt bewusst. Rafi wiederum hat durch Milani eine Geschäftsidee, mit der er seine eigene Armut möglicherweise hinter sich lassen kann. Aber entscheidend ist für das Paar eine andere Erfahrung. Während ihrer kargen Gespräche beginnen sie, etwas von sich preiszugeben – eine Erinnerung, eine Sehnsucht; manchmal wirkt es, als würden sie das Sprechen erst lernen. In ihrer Zeit miteinander haben sie zum ersten Mal das Gefühl, dass sie tatsächlich gerne mit jemandem reden, ehrlich über sich selbst nachdenken.

Ein offenes Ende

Ritesh Batra schenkt den beiden Protagonisten, ähnlich wie denen in Lunchbox, kein Happy End. Was nicht heißen soll, dass ein Happy End nicht möglich wäre. Er verfolgt lediglich die Geschichte nicht bis zu diesem Punkt, was viele Vorteile hat, denn eine große Langsamkeit ist das Merkmal seiner Inszenierung. Batra erzählt aber genau die richtige Länge. Er verlässt seine Figuren, sobald sie durch den Kontakt untereinander verstanden haben, dass es Auswege aus der Einsamkeit gibt, die sie zu Beginn von „Photograph“ umfing.

Kommentar verfassen

Kommentieren