Drama | Australien 2019 | 114 Minuten

Regie: Grant Sputore

In einem abgeschotteten Hightech-Labor zieht ein Roboter mit humanoider Erscheinung ein Mädchen auf. Als dieses erwachsen wird, misstraut es immer mehr der Behauptung der „Mutter“, dass außerhalb ihres Heims kein Leben möglich sei. So öffnet sie eines Nachts eine Luftschleuse, durch die eine verletzte Frau ins Innere gelangt und weitere Zweifel an den Absichten des Roboters weckt. Mit großer Ernsthaftigkeit und Konsequenz in Szene gesetztes Science-Fiction-Drama, das Fragen nach dem Wesen und den Grenzen von Menschlichkeit formuliert. Souveräne Schauspielerinnen und formale Meisterschaft machen das geringe Budget des bedrückenden Kammerspiels mühelos vergessen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Australien
Produktionsjahr
2019
Regie
Grant Sputore
Buch
Michael Lloyd Green
Kamera
Steve Annis
Musik
Dan Luscombe · Antony Partos
Schnitt
Sean Lahiff
Darsteller
Clara Rugaard (Tochter, jugendlich) · Hilary Swank (Frau) · Tahlia Sturzaker (Tochter, jung)
Länge
114 Minuten
Kinostart
22.08.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Kammerspiel | Science-Fiction
Diskussion

Mit großer Ernsthaftigkeit und Konsequenz in Szene gesetztes Science-Fiction-Drama, das Fragen nach dem Wesen und den Grenzen von Menschlichkeit formuliert.

Wir hatten unsere Chancen, aber wir haben sie nicht genutzt. Das Leben, wie wir es kennen, liegt nicht mehr in unserer Hand. Die Menschheit, die alles falsch gemacht hat, existiert nicht mehr; und dennoch wird gerade ein Mädchen geboren. Wohl behütet in einem Hightech-Labor, gut abgeschottet von der ganzen Unreinheit und der ganzen Unvernunft da draußen. Sie scheint mutterseelenallein und wird dennoch von „Mutter“ umsorgt. „Mutter“ ist ein Roboter und es ist „ihre“ Aufgabe, aus dem Säugling einen wohlerzogenen, intelligenten Menschen zu machen. Ausgestattet ist sie mit zwei Armen und Beinen, nur dass die chromblitzenden Stahlstreben und die elastischen Versorgungsleitungen nicht unter einer fleischfarbenen Silikonhaut versteckt sind. Als Kopf dient die rechteckige Hülle eines Standcomputers, an dessen Kopfseite eine einäugige Linse sowie zwei Leuchtdioden genügen, die sich im Halbkreis bewegen und ein Lächeln suggerieren. Als „menschliche Physiognomie“ muss das ausreichen. Die emotionelle Wärme vermittelt indes die wohlige Frauenstimme, die dem Säugling die Menschensprache beibringt, um sie als „Tochter“ (Clara Rugaard) scheinbar allwissend und lehrend durch ihr junges Leben zu begleiten.

In der Außenwelt jenseits des festungsartigen Stahlbetons gibt es nichts als den Tod, auch das wird der Tochter nachdrücklich eingetrichtert. Als sich doch einmal eine Maus durch Kabelschächte ins Heim verirrt, muss Mutter die gesamte Abteilung dekontaminieren. Es könnten ja Viren mitgekommen sein. Doch der Virus der Erkenntnis, dass da draußen noch etwas anderes ist, ist aus den Gedanken der Tochter fortan nicht mehr zu tilgen. Als eines Nachts Geräusche von der Luftschleuse nach innen dringen, ist sie fest entschlossen, den Willen Mutters zu missachten und hineinzulassen, was immer auch sie erwartet. Es ist eine verletzte Frau (Hilary Swank), die mit unerhörten Eröffnungen aufwartet: Sie sei nicht allein dort draußen, und die Roboter würden ihr nach dem Leben trachten. Ist Mutter also böse und hat das Schicksal der Tochter nach einem perfiden Plan vorherbestimmt?

Konsequent zu Ende geführte Vision

Es ist ein höchst beeindruckender Film, den Grant Sputore als Regieerstling hier vorgelegt hat. Nicht unbedingt aufgrund seines Mutes, einen Film weitestgehend von gerade einmal zwei Darstellerinnen tragen zu lassen. Der Mensch allein mit Maschinen in Zeit und Raum ist immer mal wieder ein beliebter Topos, auch wenn solche Unterfangen meist eher künstlerisch als monetär zu Buche schlagen. Es ist die Konsequenz, mit der hier ein Regisseur seine Vision zu Ende führt; sie begeistert, aber sie bedrückt auch. Der Masterplan, nach dem in „I am Mother“ agiert wird, ist folgerichtig, verlangt aber auch den Mut eines Filmemachers, der noch nicht das große Publikum zufriedenstellen muss.

Der ernsthafte Science-Fiction-Film ist prädestiniert für radikale Gedankenspiele. Ist der Mensch nur eine Art „Zwischenwirt“ der Natur, der diese Erkenntnis jenen überlässt, die er geschaffen hat? Schon Colossusführte 1969 mit einer Übernahme der Weltherrschaft durch einen Supercomputer eindrücklich vor Augen, dass die Logik der Maschine eigentlich die zwingendere ist und die Konsequenz nur die menschliche Auslöschung bedeuten kann. Der Australier Sputore und sein Co-Autor Michael Lloyd Green variieren dieses Gedankenspiel auf kongeniale Weise. Und sowohl die beiden Schauspielerinnen als auch die Set-Designer, die Special-Effects-Crew und die Sounddesigner holen aus dem gegebenen bescheidenen Budget nichts weniger heraus als großes Kino.

So wird der Zuschauer am Ende des Films vielleicht weniger das Gefühl haben, einem durchaus spannenden, kurzweiligen Kammerspiel gefolgt zu sein, als die Gewissheit erfahren, dass ein Film wie „I am Mother“ ihn weiter beschäftigen kann – weit über den Kinoabend hinaus.

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