Drama | Deutschland 2018 | 90 Minuten

Regie: Carolina Hellsgård

Nach einer Zombie-Apokalypse ist die Menschheit mit Ausnahme der thüringischen Geisteszentren Weimar und Jean ausgerottet. Als zwei junge Frauen in einem Versorgungszug auf dem gefährlichen Weg zwischen den Städten liegen bleiben, müssen sie sich zu Fuß weiter durchschlagen. Dabei stoßen sie in der vermeintlichen Todeszone auf ein überraschendes Anzeichen von Leben. Ungewöhnliche deutsche Variation dystopischer Genrefilme in grandiosen Bildern, das der üblichen Effekthascherei der Zombieangriffe feminine und philosophische Ideen entgegenstellt. Statt sich der endzeitlichen Stimmung zu überantworten, stellt sich der Film auf die Seite aktueller ökologischer Debatten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Carolina Hellsgård
Buch
Olivia Vieweg
Kamera
Leah Striker
Musik
Franziska Henke
Schnitt
Julia Oehring · Ruth Schönegge
Darsteller
Gro Swantje Kohlhof (Vivi) · Maja Lehrer (Eva) · Trine Dyrholm (Gärtnerin) · Barbara Philipp (Heimleiterin) · Axel Werner (alter Mann)
Länge
90 Minuten
Kinostart
22.08.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Horror | Zombiefilm
Diskussion

Ungewöhnliche deutsche Variation dystopischer Genrefilme in grandiosen Bildern, das der üblichen Effekthascherei der Zombieangriffe feminine und philosophische Ideen entgegenstellt.

Können Zombies lesen? Philosophieren gar? Nach einer rasanten Zombie-Apokalypse, die die Menschheit mit Urgewalt ausrottete, blieben nur zwei Städtchen im Thüringischen verschont: Weimar und Jena. Um das Überleben der Menschheit (auch als Idee) zu sichern, müssen sie als Trutzburgen abendländischer Kultur gegen Attacken verteidigt werden. In Weimar, wo das Goethe-Schiller-Denkmal auch des Nachts als Mahnung illuminiert wird, gilt: Gefangene werden nicht gemacht – und Infizierte werden ohne Skrupel ausgelöscht. Nur kein Risiko!

In Jena indes, so heißt es, werde nach einem Medikament gegen das zombifizierende Virus geforscht. Für die durch ihre gefühlte Mitschuld am Tod ihrer jüngeren Schwester traumatisierte Vivi und die toughe, abgeklärte Fighterin Eva wird Jena zum Sehnsuchtsort. Zum Glück pendelt ein führerloser Versorgungszug regelmäßig zwischen den beiden Geistes-Metropolen.

Frauenpower vor und hinter der Kamera

Ein Genrefilm mit allerlei Frauenpower vor und hinter der Kamera, das ist ungewöhnlich und macht neugierig. Schnell jedoch wird klar, dass die Regisseurin Carolina Hellsgård und die Drehbuch- und Comicvorlagenautorin Olivia Vieweg zwar durchaus Spaß an der Inszenierung der blutigen Genre-Klischees haben, jedoch die permanente Bedrohung durch die Untoten lediglich als „basso continuo“ der Handlung anlegen, um sich anderen, für sie ungleich interessanteren Dingen zuzuwenden. Seltsam unproblematisch gelangen die beiden so unterschiedlichen Protagonistinnen in den Versorgungszug, der dann natürlich vorhersehbar auf halber Strecke liegenbleibt, damit das Duo den „Buddy-Komplex“ initiieren kann.

Da die Natur die Zeit seit der Zombie-Apokalypse genutzt hat, um die Spuren der Zivilisation zu überwachsen, hat „Endzeit“ grandiose Bilder zu bieten, wenn etwa am Horizont Giraffen aus dem Erfurter Zoo vorbeiziehen. Aus Thüringen wird Steppe werden. Das Motiv der Metamorphose wird früh im Film thematisiert, wenn Vivi im WC des Transportzuges eine Schmetterlingskolonie entdeckt, und taucht später wieder auf, wenn die beiden Protagonistinnen sich gegen einen Zombie zur Wehr setzen müssen, der schon wieder teilweise zu Flora geworden ist. Inmitten der Todeszone zwischen Weimar und Jena wartet dann eine Überraschung in Gestalt der mysteriösen Gärtnerin, die – halb Mensch, halb Pflanze – sich ein kleines, friedliches Paradies geschaffen hat, was nur gelingen konnte, weil sich die Erde ihrer „ungebetenen Gäste“ entledigt hat.

Die Natur hat sich des Menschen entledigt

Vivi und Eva werden also Zeuginnen einer großen Transformation, in der die Natur sich des „gierigen“ Menschen als Fehler im System entledigt, um neue Formen eines Sozialen experimentell zu erkunden. Es ist Eva, die diesen Prozess vielleicht etwa zu sehr auf den Punkt formuliert, wenn sie die Apokalypse nicht als Ende, sondern als Anfang begreift: „Ich denke, die Erde ist eine kluge, alte Frau. Die Menschen haben zu lange keine Miete gezahlt. Das da draußen ist die Räumungsklage!“

Interessanterweise bezeichnen Vivi und Eva zugleich zwei Extreme des Femininen, die vielleicht etwas zu schematisch angelegt sind und ausgestellt werden: Vivi, traumatisiert, ist einerseits eher passiv, steht andererseits aber allem Kreatürlichen so empathisch gegenüber, dass sie lange Zeit nicht in der Lage ist, überhaupt Widerstand zu leisten und Gewalt auszuüben. Demgegenüber fungiert Eva als „männliches“ Ego-Prinzip, kaum in der Lage, etwas Positives für Andere zu empfinden. Beide Figuren müssen durchaus schmerzhaft lernen, eine mittlere Position zwischen den Extremen zu entwerfen.

Aufbruch ohne Sonnenuntergang

Der Tatsache, dass die Dramaturgie und die Narration von „Endzeit“ gewissermaßen gegen den Filmtitel selbst die philosophische „Transformationsutopie“ teilen und vielmehr mit dem ökologischen Zeitgeist flirten, sollten ausgesprochene Fans des „Walking Dead“-Genres im Kino allerdings mit einer gewissen Großzügigkeit begegnen. Hier bezeichnet das Ende einen Aufbruch, der noch ohne Sonnenuntergang auskommt, aber auch ohne Jena.

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