Drama | Deutschland 2019 | 91 Minuten

Regie: Sophie Kluge

Eine junge Frau Mitte 20 weiß nach dem Abschluss ihres Studiums nicht, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen soll. Während sich ihre Freunde ins neue Biedermeier stürzen, driftet sie als stumme Beobachterin durch eine auf sich selbst bezogene Welt, in der sie mal wie ein farbloses Mauerblümchen, mal wie die einzige Erwachsene wirkt. Das melancholische Generationenporträt setzt auf die subtile Komik absurder Gegenläufigkeiten, die in ihrem rasenden Stillstand wunderbar den Nerv der Zeit treffen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Sophie Kluge
Buch
Sophie Kluge
Kamera
Reinhold Vorschneider
Schnitt
Katja Dringenberg
Darsteller
Henriette Confurius (Ava) · Max Krause (Jonas) · Inga Busch (Mavie) · Ulrike Arnold (Lore) · Blixa Bargeld (Nachbar)
Länge
91 Minuten
Kinostart
29.08.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Eine junge Frau Mitte 20 weiß nach dem Abschluss ihres Studiums nicht, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen soll. Während sich ihre Freunde ins neue Biedermeier stürzen, driftet sie als stumme Beobachterin durch eine auf sich selbst bezogene Welt.

Schwer beladen mit Gepäck stolpert eine junge Frau gegen die widerspenstige Eingangstür eines Berliner Altbaus. Doch anstatt in der Wohnung ihrer Mutter mit offenen Armen begrüßt zu werden, trifft sie niemanden an. Was früher ihr Zimmer war, dient jetzt als Fitnessraum und Abstellkammer; die vertraute Umgebung hat sich in einen fremden Ort verwandelt, an dem überall verstreute Spuren von einem neuen Leben zeugen, bei dem Ava offensichtlich nicht mehr im Zentrum steht.

Eine unbekannte Haushälterin erscheint und zieht sogar in Zweifel, dass Ava zur Familie gehört. Während Stunden und schließlich Tage ohne die Heimkehr der Mutter vergehen, realisiert Ava, dass sie ihren Platz im Leben selbst finden muss. Nur wie schafft man das allein? In dem melancholischen Generationenporträt von Sophie Kluge war diese Szene der Auftakt des Drehbuchs über eine Figur, die zu keinem Zeitpunkt die Hauptrolle in ihrem Leben zu spielen scheint und gerade dadurch einen Nerv der Zeit trifft.

Die beste Zeit

Gustava, die sich bei jeder Gelegenheit gegen die Nennung ihres vollen Namens wehrt, hat ihr Studium erfolgreich absolviert. Der nächste Lebensabschnitt aber scheint sich ihr beruflich wie privat zu verschließen. In der Redaktion eines renommierten Kunstmagazins wird ihre Bewerbung abgelehnt, da es ihr an Berufserfahrung mangele; die lässt sich allerdings nur über unbezahlte Praktika erwerben, für die man immatrikuliert sein muss.

Die Regisseurin spielt immer wieder solche Szenen durch, die in ihrer subtilen Absurdität hochkomisch sind. Mitte zwanzig zu sein, gilt eigentlich als Hochphase des eigenen Lebens, als die beste Zeit, in der noch alle Entfaltungsmöglichkeiten offenstehen. Doch genau diese Vorstellung entlarvt der Film durch den Stillstand, der Ava wie ein Gravitationsfeld umgibt.

Henriette Confurius dabei zuzusehen, wie sie selbst zur stummen Beobachterin ihres eigenen Lebens wird, ist auch schlicht deshalb so großartig, weil es in Film und Literatur ansonsten immer nur Männerfiguren sind, die als „Slacker“ und „Drifter“ zu Antihelden werden und dadurch gesellschaftliche Lebensmodelle in Frage stellen. Weiblichen Charakteren wird selten der Raum zugestanden, sich einfach treiben zu lassen, ohne an Beziehungen oder persönlichen Zielen interessiert zu sein.

Manchmal erinnert Ava an die von Greta Gerwig verkörperte „Frances Ha“, die sich jeder sozialen Festschreibung tänzelnd entzieht, während sie von einer Karriere als Modern Dancer träumt. Nur dass der große Traum davon, einmal etwas Bestimmtes zu werden, für Ava eben nicht existiert, weil sie nicht sicher ist, ob etwas in ihr steckt, das ausgedrückt werden möchte. Vielleicht ist das auch als ein kleiner Akt der Rebellion zu verstehen – gegen den omnipräsenten Zwang, das eigene Leben vor anderen ständig performen zu müssen.

Theater spielen

Während Ava ihr Unbehagen und ihre eigene Unsicherheit auch vor sich selbst nicht versteckt, flüchten sich ihre Freunde in eine neue Biederkeit scheinbar etablierter Lebensentwürfe. Heiratsanträge mit Kniefall, spießige Abendessen und kuratierte Designwohnungen werden auf Instagram dokumentiert und sollen Halt bieten in einer Zeit, die offensichtlich in vielen Bereichen von Instabilität und Zukunftsangst geprägt ist.

Durch Beziehungen gelangt Ava schließlich an eine Hospitanz am Theater, wo sich das eigentliche Drama noch vor den Proben abspielt. Ein egozentrischer Dramaturg (Nicolas Wackerbarth) führt auch hier einen Kulturbetrieb vor, der ebenso neoliberal wie selbstbezogen ist. Als einer der Schauspieler Ava Avancen macht, wird zumindest halbherzig ihr Interesse geweckt; immerhin scheint sich durch ihn ein anderes Lebensgefühl zu eröffnen. Aber am Ende sind es doch immer die anderen, die die große Bühne für sich beanspruchen.

Dass Ava immer wieder in solche Situationen gerät, scheint nicht verwunderlich, wenn man die Dynamik in ihrer Familie betrachtet. Auch hier gelingt es Sophie Kluge auf pointierte Weise, ein Dilemma zu fassen, das wohl viele junge Menschen zwischen zwanzig und dreißig betrifft: Wie geht man mit einer Elterngeneration um, die in ihrem Kampf um politische Emanzipation und Selbstverwirklichung so auf sich selbst fixiert ist, dass sie ihren Kindern genau diese verunmöglicht?

Blick ins Offene

Wenn sich Avas Mutter überhaupt Gedanken um ihre Tochter macht, dann hinsichtlich der Frage, ob sie sich sexuell auch genug auslebt. Gleichermaßen bleibt ihr Vater derart in antiautoritäre Attitüden verstrickt, dass er seiner Tochter nicht wirklich zuhören kann. Neben ihnen wirkt Ava mal wie ein farbloses Mauerblümchen, dann wieder wie die einzige erwachsene Person im Raum.

Im Gegensatz zu ihren Altersgenossen, die hilflos in die kleinbürgerliche Enge steuern, bleibt ihr Blick, trotz aller Unwägbarkeiten, auf das Offene gerichtet.

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