Dokumentarfilm | USA/Großbritannien/Spanien 2019 | 348 (sechs Episoden) Minuten

Regie: Philip Smith

Eine dokumentarische Miniserie rund um Fußball und die internationale Begeisterung für den Sport. In sechs Episoden werden unterschiedliche Facetten des Fußballs und seiner Bedeutung für Menschen beleuchtet, wobei es neben deutscher Fußball-Geschichte (Folge „Chance“) u.a. um die Rolle des Fußballs für Ruanda nach dem Völkermord in den 1990er-Jahren (Folge „Redemption“) oder Islands Fußball-Erfolg (Folge „Hope“) geht. Im Zentrum steht weniger die „Heldenverehrung“ für Stars des Fußballs, sondern der Sport als völkerverbindende Kraft, wobei die Reihe zwar kritische Entwicklungen des Sports wie dessen Durchkommerzialisierung konsequent ausspart, aber doch interessante Einblicke in unterschiedliche regionale Gegebenheiten ermöglicht. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
THIS IS FOOTBALL
Produktionsland
USA/Großbritannien/Spanien
Produktionsjahr
2019
Regie
Philip Smith · David Belton · Jesse Vile
Buch
John Carlin
Kamera
Diego Rodriguez
Musik
Max Aruj · Lorne Balfe
Schnitt
Julian Rodd · Arturo Calvete · Avdhesh Mohla
Länge
348 (sechs Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Dokumentarfilm | Serie | Sportfilm
Diskussion

Eine dokumentarische Miniserie rund um Fußball und die internationale Begeisterung für den Sport. In sechs Episoden werden unterschiedliche Facetten des Fußball und seine Bedeutung für Menschen beleuchtet.

Wie in der Geschichte basieren auch im Fußball die großen Mythen auf großen Niederlagen: Wie konnte Eintracht Frankfurt 1992 die hochverdiente deutsche Meisterschaft bei den schon abgestiegenen Rostockern noch vergeigen? Wie verlor Bayern München im Champions-League-Finale 1999 den Titel noch durch zwei Standardgegentore in der Nachspielzeit?

In sechs Episoden unterschiedlicher Fallhöhe nähert sich die aufwändig produzierte Amazon-Serie „This is Football“ diesem zugänglichen Sport, der weltweit 4 Milliarden Anhänger haben soll. Die Produzenten um Autor John Carlin scheinen den Fußball für das Esperanto der Völkerverständigung zu halten. Und den grünen Rasen zu betrachten, hat selbst bei langatmigen Spielen seinen meditativen Reiz.

Der Fußball ist immer noch weniger berechenbar als andere Sportarten. Doch wenn Fortschritt bedeutet, den Zufall nach und nach aus seinen Reservaten zu vertreiben, hat der Fußball sich ihm längst verschrieben: Bei strittigen Szenen hilft den Schiedsrichtern seit einigen Jahren der Videobeweis, und die gigantischen finanziellen Unterschiede zwischen den Clubs führen zu vorhersehbaren Meisterschaften. Doch noch lässt sich die Kraft des Zufalls im Fußball nicht ganz ausschalten.

Liverpool-Fans in Ruanda, Schulmädchen in Indien

Am stärksten ist die dokumentarische Miniserie „This is Football“, wenn sie jenseits der Völkerklischees die Menschen hinter den Fans porträtiert: In Ruanda ist es Jahrzehnte nach dem Völkermord an den Tutsi 1994 die Begeisterung für den FC Liverpool, die Männer und Frauen aller Volksgruppen in einem Fanclub vereint. Archivbilder zeigen alte Bilder der 1980er-Jahre-Helden Ian Rush und Kenny Dalglish und natürlich die unmögliche Aufholjagd gegen den AC Mailand 2005; Aufnahmen von heute präsentieren fachsimpelnde Ruander vor einer Großleinwand. Scheinbar beiläufig erzählen die Fans, wie Angehörige im Völkermord getötet wurden. Über den Fußball hinaus erwähnt die Folge die historischen Hintergründe, die Aufteilung in Hutu und Tutsi, die von den belgischen Kolonisatoren forciert wurde. Zugleich erscheint es etwas einseitig, dem Präsidenten Paul Kagame kommentarlos die Analyse der dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu überlassen.

Mit großer Sympathie porträtiert die Serie eine verschworene Gruppe indischer Schulmädchen, deren größtes Ziel ein Spiel für ihr Heimatland ist. Auch Protagonisten vernachlässigter Nischen wie dem Blindenfußball – das Publikum muss hier schweigen, damit die Spieler akustisch erfassen können, wo der Ball gerade ist – kommen zu Wort. Aber auch bekannte Fernsehgesichter tauchen auf: Oliver Kahn hat seine üblichen Weisheiten zu psychologischer Kriegsführung auf Lager, weiß aber zur Rolle von Zufall und Glück im Fußball auch Nachdenkenswertes beizutragen. Ein Mathematiker erklärt in einem Bistro, warum im Fußball immer noch so viel Unvorhergesehenes geschieht.

Keine Heldenverehrung, aber auch kein Blick für die Schattenseiten des Sports

In etwas hektischen Schauplatzwechseln erfährt der Zuschauer stets, wo er gerade ist und wie viele Menschen dort leben. Ob die ruandische Steppe oder isländische Geysire: Naturaufnahmen nehmen einen überraschend großen Anteil ein. Durch verschwenderisch eingesetzte pathetische Zeitlupen, Fanfarenklänge und Geigenkleister wirkt die aufwändig produzierte Doku-Reihe allerdings bisweilen wie eine FIFA-Werbebotschaft. Auch wenn die Strahlkraft des englischen Klubfußballs immer wieder durchscheint, lässt die Reihe jedes britische Augenzwinkern vermissen. Doch um Fußballheldenverehrung geht es den Produzenten erkennbar nicht, wenngleich eine Folge die Spielkunst von Lionel Messi zu ergründen versucht.

„This is Football“ betont vielmehr immer wieder die verbindende Kraft dieses Sports, der in Ruanda Volksgruppen versöhnt, indischen Mädchen Selbstwertgefühl vermittelt und einem kleinen Wikingervolk im Nordatlantik weltweite Anerkennung verschafft. Autor Carlin hat dem politischen Potenzial des Sports schon im Rugby-Drama „Invictus“ nachgespürt. Doch durch die penetrante Betonung von Metaphern – „Hart an sich arbeiten“, „niemals aufgeben“, „aus Niederlagen lernen“ – droht der Fußball in der Darstellung zum gesellschaftlichen Zurichtungsinstrument abzustumpfen. Den Zauber des grünen Rasens, wie ihn die Myriaden von Schlachtenbummler empfinden, die ihr Leben in den Dienst an Schalke, dem BVB oder Liverpool stellen, vermag er nicht zu erklären. Die Kommerzialisierung wird kurz erwähnt, scheint für die Regisseure aber nicht der Rede wert zu sein. Alles läuft also prächtig. Dabei droht der Trend, immer wieder neue sinnfreie Wettbewerbe wie die Nations League aus dem Boden zu stampfen und die WM künftig mit 48 Teams zu spielen, dem Fußball als Fanereignis bald seinen Reiz zu nehmen. Noch gibt es sie, die Zufälle im Fußball. Doch sie werden immer seltener.

 

 

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