Carmine Street Guitars

Dokumentarfilm | Kanada 2018 | 80 Minuten

Regie: Ron Mann

Seit den 1970er-Jahren betreibt der Gitarrenbauer Rick Kelly im New Yorker Stadtteil Greenwich Village einen kleinen Laden, der unter Musikern einen legendären Ruf genießt. Der ruhige Dokumentarfilm beobachtet Kelly und seine Assistentin bei der Arbeit und flicht eine Reihe von Gesprächen mit Kunden und Freunden ein, in denen es anekdotenhaft-nostalgisch um Erfahrungen mit identitätsstiftender Musik geht. Der elegische Grundton und der sympathische Flair der Begegnungen vereinen sich zur Hommage auf eine vom Untergang bedrohte (Künstler-)Welt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CARMINE STREET GUITARS
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2018
Regie
Ron Mann
Buch
Len Blum
Kamera
John M. Tran · Becky Parsons
Musik
Dallas Good · Travis Good
Schnitt
Robert Kennedy
Länge
80 Minuten
Kinostart
29.08.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation
Diskussion

Doku über den New Yorker Gitarrenbauer Rick Kelly und seinen legendären Laden im Stadtteil Greenwich Village.

Für die Dokumentation von Ron Mann gilt der Werbeslogan von „Manufactum“, dem Warenhaus für Nachhaltigkeit: „Es gibt sie noch, die guten Dinge!“ Die Betonung liegt dabei auf dem elegischen „noch“, denn selbst im radikal gentrifizierten New Yorker Stadtteil Greenwich Village wird die Luft für alteingesessene Handwerker wie Rick Kelly allmählich dünn, der seit den 1970er-Jahren in einem kleinen Laden in der Carmine Street Gitarren baut.

„Carmine Street Guitars“ hat nur drei Angestellte. Neben dem erklärten Autodidakten Rick Kelly kümmert sich seine Mutter Dorothy um die Bücher und das Telefon, während die Mittzwanzigerin Cindy Hulej nach einem kurzen Kunststudium als Kellys Assistentin und Auszubildende arbeitet.

Ein Wallfahrtsort für Gitarristen

In der Manier eines „Fly On The Wall“-Dokumentaristen hat Mann eine Woche lang den Alltag in „Carmine Street Guitars“ beobachtet. Der Film zeigt Kelly und Hulej meist hoch konzentriert und schweigsam bei ihrer Arbeit in der Werkstatt. Der Umgangston ist freundlich und respektvoll. Wenn man Dorothy im Büro sieht, erklingt aus dem Radio oder dem Internet Big-Band-Jazz aus den 1930er-Jahren.

Weil dieser Alltag für einen Film vielleicht doch etwas zu unspektakulär alltäglich ist, wurden ein paar Kunden und Freunde eingeladen, um mit Kelly und Hulej zu plaudern. Durch diesen Trick wird „Carmine Street Guitars“ zu jenem Wallfahrtsort für Gitarristen, als der er ohnehin gilt.

Gleich zu Beginn tauchen zwei Nerds auf, die den Laden ehrfürchtig betreten, von dem sie schon so viel gehört haben. Es handelt sich um Travis und Dallas Good von der kanadischen Surf-Punk-Band „The Sadies“, die auch für den Soundtrack von „Carmine Street Guitars“ verantwortlich zeichnen. Kelly erzählt ihnen, dass seine Gitarren allesamt aus Hölzern gearbeitet sind, die er sich in den Abrisshäusern der Stadt besorgt hat. Jedes Instrument, das seine Werkstatt verlässt, ist so auch ein Stück New Yorker Stadtgeschichte, denn das meiste Holz, das er verarbeitet, stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und hat aufgrund des Alters ein ganz anderes Resonanzverhalten als gängige Industrieware.

Als Jimi noch nicht „Hendrix“ hieß

Jeder Besucher bringt nicht nur Themen mit, sondern darf auch eines der legendären Instrumente in die Hand nehmen und in aller Ruhe einen Song oder eine Improvisation zelebrieren. So erfährt man etwa, dass Rick Kelly Jimi Hendrix schon live gesehen hat, als der noch gar nicht „Hendrix“ hieß, dass es Anfang der 1960er-Jahre auch in Colorado Surf-Bands gab, oder dass man nach dem Tod von Lou Reed nicht so recht wusste, was mit dessen exquisiter Gitarrensammlung passieren soll.

Aus der Vielzahl der Anekdoten setzt sich eine nostalgische Erzählung über eine Gruppe von Menschen zusammen, die sich über ihre Erfahrungen mit identitätsstiftender Musik austauschen. Dabei geht es nicht so sehr um technische Details der Instrumente, schon eher darum, dass Musik auch das Ergebnis der unsichtbaren Arbeit jener ist, die nicht auf der Bühne performen. Gemeint sind Gitarrenbauer, Konzertveranstalter, Clubbesitzer. Wie Marc Ribot einmal anmerkt, gehe es bei Musik immer auch um ein Gefühl von Gemeinschaft.

Kirk Douglas von der Band „The Roots“ erhält von Kelly eine kleine Werkzeugkunde und erfährt dabei auch ein paar biografische Details, die Kellys Liebe zu Bäumen, zum Holz und zur Musik erklären mögen. Dieses Faible für Bäume wird auch von Jim Jarmusch geteilt, der nicht nur zu den Stammkunden von „Carmine Street Guitars“ zählt, sondern auch als „Instigator“ (Anstifter) des Filmprojekts geführt wird, weil er Kelly und den Filmemacher miteinander bekannt machte.

Der „Jim-Jarmusch-Spirit“

Der „Jarmusch-Spirit“ ist stets mit Händen zu greifen, etwa, wenn die ungarische Sängerin Eszter Bálint aus „Stranger than Paradise“ einen Auftritt hat oder sich ein gerahmtes Foto des an einer Überdosis verstorbenen Gitarristen Robert Quine nicht geradehängen lässt, dessen Leiche einst von Rick Kelly aufgefunden wurde.

Quines Foto fungiert wie der Jazz von Paul Whiteman und Benny Goodman oder all die kursierenden Erinnerungen als „memento mori“ für Zeiten, die vergehen. Denn was ist ein Gespräch über Bäume und resistent gewordene Käfer, die den Bäumen den Garaus machen, schon anderes in Zeiten, in denen täglich mit dem Besuch eines neugierigen Maklers gerechnet werden muss?

In solchen Momenten kann Kellys freundliche Zugewandtheit schnell in unmissverständliche Zurückweisung umschlagen. Kelly, der den Geist eines Zen-Mönchs verströmt, hat selbst auch ein paar Weisheiten in petto, wenn er davon spricht, dass das Instrument selbst zum Instrumentalisten werde; Andrés Segovias „Hauser“-Gitarre klinge nur dann besonders, wenn auf ihr die Stücke gespielt würden, die schon Segovia gespielt habe.

Der Geist des „Village“

So steif und gewollt solche philosophischen Exkurse auch in Szene gesetzt sind, verströmen die Begegnungen in dem kleinen Laden inhaltlich ein ausgesprochen sympathisches Flair. Wer angesichts all der Nostalgie und des elegischen Grundtons dieser „Old School“-Welt partout etwas Positives mitnehmen möchte, sollte auf Cindy Hulej setzen, die alles, was sie weiß und kann, von Rick Kelly gelernt hat und dieses Wissen jetzt weiterträgt.

Wenn sich die verbliebenen Gitarren-Machos daran gewöhnen, demnächst von einer jungen Frau bedient und begleitet zu werden, gibt es durchaus (etwas) Hoffnung, dass der Geist des „Village“ noch ein paar Jahre überlebt.

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