Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen

Drama | Großbritannien 2018 | 108 Minuten

Regie: Annabel Jankel

In einem schottischen Städtchen verlieben sich Anfang der 1950er-Jahre eine Fabrikarbeiterin und eine Ärztin ineinander, was erst für Klatsch und dann für Anfeindungen sorgt. Die retrospektiv aus der Sicht des erwachsenen Sohnes der Arbeiterin erzählte Romanverfilmung inszeniert die Vergangenheit mit schmeichelnder Melancholie, die auch gewalttätige Übergriffe gegen die Frauen relativiert. Das Plädoyer gegen Intoleranz kann sich allerdings nicht so recht entscheiden, ob es die Geschichte des Liebespaares oder die des Jungen erzählen will. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TELL IT TO THE BEES
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Annabel Jankel
Buch
Henrietta Ashworth · Jessica Ashworth
Kamera
Bartosz Nalazek
Musik
Claire M Singer
Schnitt
Jon Harris · Maya Maffioli
Darsteller
Anna Paquin (Dr. Jean Markham) · Holliday Grainger (Lydia Weekes) · Emun Elliott (Robert Weekes) · Gregor Selkirk (Charlie Weekes) · Euan Mason (John)
Länge
108 Minuten
Kinostart
05.09.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm | Literaturverfilmung
Diskussion

In den 1950er-Jahren verlieben sich in einem schottischen Örtchen zwei Frauen, was erst für Klatsch und dann zu heftigen Anfeindungen führt.

Viel mehr als die Rollen von Tochter, Ehefrau und Mutter sind für Frauen Anfang der 1950er-Jahre in einem kleinen schottischen Ort nicht drin. Hier leben die Menschen dicht beieinander. Jeder Fehltritt wird registriert und meist auch missbilligt. Eine Frau wie Lydia Weekes (Holliday Grainger) fällt da zwangsläufig auf. Sie ist jung, schön und steht, nachdem sie ihr vom Krieg traumatisierter Mann Robert verlassen hat, mit ihrem zehnjährigen Sohn Charlie allein da. Für jeden Penny muss Lydia in der Textilfabrik hart schuften, und dennoch reicht es kaum für die Miete.

So wie Lydia passt auch Jean Markham (Anna Paquin), fein gekleidet und ein wenig zugeknöpft, nicht in das konventionelle Frauenbild. Nach Jahren ist sie zurückgekehrt, um die Arztpraxis ihres verstorbenen Vaters weiterzuführen. Eine alleinstehende, gebildete Frau in einem Beruf, den bislang ein Mann ausgeübt hat – das sorgt für Vorbehalte, umso mehr als Jean ein Geheimnis hat, das zu groß für diese kleine Stadt ist.

Die Geschichte einer verbotenen Liebe

Die beiden Frauen sind Außenseiterinnen, die sich kennenlernen, Halt geben und schließlich ineinander verlieben. Eines Tages steht das Wort „Dyke“ an Jeans Hauswand, und Robert will Lydia den Sohn wegnehmen.

Die Geschichte dieser „verbotenen“ Liebe wird aus dem Off von Charlie erzählt, der als Erwachsener auf eine Zeit zurückblickt, die ihn offenbar geprägt hat. Er ist es auch, über den die beiden Frauen zusammenfinden. Denn eines Tages steht Charlie, ein sensibles Kind, das in der Schule gemobbt wird, mit Blessuren in Jeans Praxis. Die Ärztin und Hobby-Imkerin weiht den Jungen in die Kunst der Bienenpflege ein und stattet ihn mit Buch und Stift aus, damit er seine Naturbeobachtungen festhalten kann.

Aber Charlie schaut eben nicht nur dem Treiben im Bienenstock zu, sondern auch dem Leben der Erwachsenen, die – anders als die Bienen – nicht immer in Frieden miteinander leben. „Verrate den Bienen deine Geheimnisse, dann fliegen sie nicht weg“, sagt Jean einmal, als sie ihm die Honigwaben zeigt. Als er aber begreift, dass seine Mutter und Jean nicht nur Freundinnen, sondern ein Liebespaar sind, befolgt er ihren Rat nicht.

Trügerisches Glück der Rückbesinnung

Der Blick zurück in die gute alte Zeit, die so kurz nach dem Krieg gar nicht so gut war, hat aus heutiger Sicht etwas Beruhigendes. Zum Glück ist das alles vorbei! Heute geht es uns, vor allen den Frauen, doch so viel besser. Oder etwa nicht? Diese Selbstvergewisserung haftet historischen Filmen häufig an, und sie tut es auch bei dem von Annabel Jankel inszenierten Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Fiona Shaw basiert.

Die Vergangenheit inszeniert „Der Honiggarten“ durchweg in schmeichelnden Bildern. Das Auge kann sich an der Ausstattung laben, an den schick gebundenen Kopftüchern der Arbeiterinnen, dem wolkenverhangenen Licht über den Steinhäusern, an der schottischen Landschaft und immer wieder auch an symbolträchtigen Aufnahmen von Bienen. Von vornherein ist klar, wem die Sympathien entgegenzubringen sind. In ihrer Anmut und mit all ihrer Wärme wirken Lydia und Jean wie helle Lichter inmitten der kargen Industriestadt. Lydias Schwägerin Pam ist dagegen eine harte, spitz wirkende Frau, Robert ein gefühlskalter Klotz, der sich nur laut oder mit Gewalt durchsetzen kann.

Allein Annie, Charlies Kusine und Lydias beste Freundin, ist jung, unverbraucht und voller Liebe für einen Mann, dessen Hautfarbe ihrer Mutter Pam viel zu dunkel ist (was die dritte Außenseiterin der Stadt etwas zu gewollt ins Spiel bringt an und an Tony Richardsons „Bitterer Honig“ denken lässt).

Fluchtpunkt Virtualität

Und die beiden Frauen? Obwohl man mitunter ein begehrliches Beben zwischen Holliday Grainger und Anna Paquin wahrzunehmen glaubt, wird man auf Distanz gehalten, weil alles durch Charlies beobachtende Sicht gefiltert ist – und das Drehbuch sich nicht entscheiden kann, wessen Geschichte es erzählen will: die des Liebespaares oder die des Jungen.

Tief in Melancholie getaucht, wird alles Harte weich, und selbst die gewalttätigen Übergriffe gegenüber Frauen, die deutlich machen, dass andere über ihre Körper bestimmen, verkommen zur Nebensache. Wenn dann gegen Ende ein Bienenschwarm zum Retter in höchster Not wird, betritt „Der Honiggarten“ schließlich die Welt der Magie. Am Ende verortet der Film die Liebe der Frauen im virtuellen Raum, wo sie alles – wie romantisch –überdauern kann.

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