Thinking like a Mountain

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 91 Minuten

Regie: Alexander Hick

Ein ambitionierter Dokumentarfilm über das indigene Volk der Arhuaco, das sich im bergigen Nordosten von Kolumbien zwischen Tradition und Moderne eingerichtet hat. Der Film zeigt atemberaubende Landschaftsbilder, zielt jedoch nicht auf exotistische Schauwerte ab, sondern konfrontiert die Zuschauer auch mit Facetten, die so gar nicht zur westlichen Vorstellung vom abgeschiedenen, der Zivilisation abgewandten Leben eines indigenen Volkes passen. Dabei gelingt ein hochdifferenziertes Bild einer Gemeinschaft, die sich äußeren Einflüssen wie dem Klimawandel stellen muss und trotz und auch wegen ihrer Erfahrungen mit der westlichen Zivilisation ihren eigenen Weg eines respektvollen Gleichgewichts zwischen Landschaft, Natur und Menschen sucht. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THINKING LIKE A MOUNTAIN
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Alexander Hick
Buch
Alexander Hick
Kamera
Immanuel Hick
Musik
Christian Castagno
Schnitt
Julian Sarmiento
Länge
91 Minuten
Kinostart
12.09.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Ambitionierter Dokumentarfilm über das indigene Volk der Arhuaco, das sich im bergigen Nordosten von Kolumbien zwischen Tradition und Moderne eingerichtet hat.

Bilder vom schneebedeckten Hochgebirge. Menschenleer und erhaben wie in den Gemälden von Caspar David Friedrich. Filmmusik mit Flöte und Perkussion, eher neutönend denn folkloristisch. Dazu eine gute Portion Pathos aus dem Off: „Wenn diese Felsen sprechen könnten, würden sie die Geschichte des Widerstands erzählen. Widerstand seit 500 Jahren, seit dem Gemetzel gegen die Tairona an der Küste.“ Von Werner Herzog lernen, heißt siegen lernen. Gerade auch auf dem Feld des Essayistisch-Dokumentarischen.

Regisseur Alexander Hick und sein Bruder Immanuel Hick (Kamera) haben viel Zeit in der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien zugebracht, dem höchsten Küstengebirge der Welt, um das Leben und das Selbstverständnis des indigenen Volkes der Arhuaco zu dokumentieren. Es brauchte Geduld und viele Monate, um das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. „Meine Ausgangsfrage war, wie eine Gemeinschaft, die in relativer Isolation zur westlichen Welt lebt, den Klimawandel, den die Menschen dort deutlich spüren und beobachten, interpretiert“, so der Regisseur. „Um eine Antwort zu finden, hat es ein weiteres Jahr gedauert. Zum einen, weil die Arhuaco sehr misstrauisch sind gegenüber der westlichen Welt, zum anderen, weil ich das gesamte Gebirge zu Fuß bereisen musste. Mein Bruder und ich sind in den Monaten der Vorbereitung und des Drehs mehrere hundert Kilometer gelaufen und haben viele tausend Höhenmeter überwunden. Wir wurden auf 5000 Metern eingeschneit und im Regenwald von Zecken übersät. Wir sind bewaffneten Gruppen begegnet und haben in Guerilla-Camps übernachtet. Die Dreharbeiten waren ein Abenteuer, weil der Ausgang so ungewiss war. Es hätte zu jedem Zeitpunkt zu Ende sein können.“

Begegnungen mit der Moderne

Begleitet von einem Dolmetscher, durchmessen die beiden Brüder eine Landschaft, die von der Atlantikküste über Dschungel und Steppe bis ins Hochgebirge führt, und sammeln Begegnungen mit den hier lebenden Menschen, die sich seit Jahrhunderten immer weiter ins Gebirge zurückziehen. Im Archiv hat Hick zudem einen ethnografischen Film von 1920 entdeckt, der zu zeigen scheint, dass sich die Lebenswelt und die traditionelle Tracht seither kaum verändert haben.

Doch bis dahin hat „Thinking like a Mountain“ längt mit Bildern überrascht, die so gar nicht zu der Vorstellung vom abgeschiedenen, der Zivilisation abgewandten Leben eines indigenen Volkes passen wollen. Riesige, von bewaffneten Sicherheitsleuten bewachte Abraumhalden künden vom Tagebau. Eisenbahnen dienen dem Transport. Später sieht man Mitglieder der Arhuaco, wie sie für Touristen und deren Smartphones traditionelle Tänze und Riten darbieten. Oder sie stehen in ihrer unverwechselbaren Tracht in den Badeorten und Tourismus-Hot-Spots an der Atlantikküste herum.

Es verwundert deshalb nicht, dass der Dolmetscher die Filmemacher grinsend fragt, ob er sich vor und für die Kamera in eine bestimmte Pose werfen soll. Nein, so die Antwort, er könne tun, was er wolle. Dennoch ist damit das hermeneutische Problem der Ethnologie im Kontakt mit einer fremden Kultur punktgenau bezeichnet: die „Fly on the wall“, eine unsichtbare, gleichsam nicht wahrnehmbare und in das Geschehen nicht eingreifende Kamera, ist nicht zu haben.

Nehmen und Geben

Hick macht das Beste aus dieser Einsicht, wenn er von der Rückkehr eines ehemaligen FARC-Guerillos in sein Heimatdorf auch aus dem Off erzählt und sie nicht nur zeigt. Auch andere Interviews und Gespräche sind alles andere als naiv, zeugen aber trotzdem von der Naturnähe der Arhuaco, deren Handeln das Gleichgewicht der Natur mitbedenkt und einen respektvollen Dialog mit der Landschaft sucht. Einmal wird erklärt, dass für die Arhuaco das Territorium ein Körper sei. Das bedeutet einerseits, dass man das, was man entnimmt, an anderer Stelle auch wieder zurückgeben müsse. Aber auch für die zahllosen Verletzungen und Verschmutzungen, die der Sierra Nevada de Santa Marta zugefügt werden, passt die Vorstellung vom Körper, wenn etwa von politischen Morden an Arhuaco-Führern oder den Massengräbern die Rede ist, die vom Krieg zwischen den FARC-Rebellen und der Armee blieben sind.

Erinnert man sich dann an die Rede vom Widerstand zu Beginn des Films, dann wird deutlich, dass diese indigene Gemeinschaft schon viele Erfahrungen darin hat, auf Veränderungen in der Landschaft mit Veränderungen in der Gemeinschaft zu reagieren. Mehr noch: die Menschen sind in der Lage, das durchaus eloquent auch zu reflektieren.

Für einen Hochschul-Abschlussfilm ist dieses hochdifferenzierte und ästhetisch vermittelte Ergebnis ziemlich erstaunlich, weil das Gefühl des Verlustes und der Trauer leichter zu haben gewesen wäre. So aber zeichnet „Thinking like a Mountain“ die Zukunft der Arhuaco zwar als schwierig, aber durchaus als denkbar.

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