Serie | Deutschland 2019 | 333 (sechs Episoden) Minuten

Regie: Maximilian Erlenwein

Ein kurdischstämmiger Rapper hat sich in Frankfurt ein eigenes Plattenlabel aufgebaut und von den Machenschaften seines kriminellen Bruders emanzipiert, bis dieser mit seinen Drogengeschäften wieder auf der Bildfläche erscheint. Auch ein junger Musikproduzent wird unfreiwillig in die kriminellen Umtriebe hineingezogen. Eine Gut und Böse klar verortende sechsteilige Serie um Hip-Hop und dessen Vorstellungen von Loyalität und Integrität. In den auf treibende Rap-Songs, Glanz und kühle Bildsprache setzenden Folgen sorgen am ehesten die durchsetzungsstarken Frauenfiguren für inhaltliche Tiefe. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SKYLINES
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Maximilian Erlenwein · Soleen Yusef
Buch
Dennis Schanz
Kamera
Stephan Burchardt · Julian Hohndorf
Musik
Benjamin Bazzazian · David Menke · Boris Rogowski
Schnitt
Sven Budelmann · Yvonne Tetzlaff · Robert Kummer
Darsteller
Edin Hasanovic (Jinn) · Sahin Eryilmaz (Semir) · Peri Baumeister (Sara) · Richy Müller (Raimund) · Murathan Muslu (Kalifa)
Länge
333 (sechs Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Serie
Diskussion

Sechsteilige Serie um einen jungen Hip-Hop-Produzenten in Frankfurt am Main, der einen Job bei einem renommierten Musiklabel antritt, was zunächst eine große Chance zu sein scheint. Doch bald wird er in kriminelle Geschäfte verstrickt, als sich der Bruder des Label-Chefs in das Unternehmen einmischt.

Zwei in Ledermontur vermummte Menschen rasen ins nächtliche Lichtermeer von Frankfurt. Von fetten Beats umspült, schwenkt die Kamera über den Main und die ihn säumenden Wolkenkratzer. Das Motorrad hält vor einem Lokal. Wenig später erschüttert eine Explosion die Straße, und „Skylines“ blendet ab in einen Vorspann, der seinem Titel alle Ehre macht: In dieser Stadt kann es scheinbar nur nach oben gehen. Die Kamera gleitet an hell beleuchteten Büros und dämmrigen Tanzflächen vorbei, Ameisen klettern über Geldscheine, Kokainhügel und Mischpult-Regler. „Welcome to 06069. Die Banken kratzen an den Wolken. Wie komm ich an Euros“, tönt es vom Rapper Haftbefehl im Hintergrund.

Inszenatorische Muskelspiele

„Skylines“ gilt als „Netflix“-Antwort auf die deutsche Erfolgsserie „4 Blocks“ (TNT-Serie). Dass sich die pompös auftrumpfende Produktion auf die erste Szene von „4 Blocks“, in der zwei junge Kleindealer auf ihrem klapprigen Moped durchs quirlige Berlin düsen, bezieht, kommt also nicht von ungefähr. Das sind inszenatorische Muskelspiele, mit denen sich „Skylines“ allerdings nicht von der Handkamera-dominierten Unmittelbarkeit von „4 Blocks“ abheben will. Vielmehr wird hier bereits der Oberflächenglanz der Finanz- und Musikbranche vorweggenommen, zwischen denen sich die Geschichte von „Skylines“ in mehrere Handlungsstränge aufspannt.

In den Augen des Mittzwanzigers Jinn, der zusammen mit seinem Freund Momo in kleinen Hip-Hop-Clubs auf den großen Durchbruch hofft, besitzt das Plattenlabel Skyline Records noch immer den Glanz glorreicher Zeiten. Momo steht am Mikro, Jinn an den Reglern, als ein Skyline-Headhunter aufkreuzt und Jinn ins Headquarter beordert; ohne seinen Freund, wohlgemerkt. Jinn, der immer noch bei seiner Schwester Lily wohnt, fasst die Gelegenheit beim Schopf und vergräbt sich bei Skyline im Tonstudio.

Mit den Kopfhörern auf den Ohren und dem sicheren Erfolg vor der Nase bekommt er nur am Rande mit, wie der Neuankömmling Ardan ein paar Kellerräume weiter einen Umschlagplatz für Drogen errichtet. Sehr zum Missfallen von Ardans Bruder, dem Rapper Kalifa, der auf einen Deal mit Skyline hofft und deshalb auf eine weiße Weste setzt; auch sonst ist Kalifa fürs gerne besungene Gangstertum eigentlich viel zu soft. Der kurdischstämmige Musiker konnte dem halbseidenen Milieu in Offenbach entkommen und hat sich in Frankfurt das Skyline -Imperium aufgebaut – allerdings mit Hilfe von Ardans Geld, weshalb er immer noch in dessen Schuld steht.

Die Drama-Serie „Skylines“ bewegt sich damit also mitnichten nach oben, sondern nach unten. Ausgelöst durch Eindringlinge, die die Ordnung stören, während die Frauenfiguren ihr eigenes Konfliktpotenzial in diese testosterongesteuerte Männerwelt tragen.

Frauen sind die komplexeren Charaktere

Auch wenn Kostüm und Make-Up bei den Frauen des „Skyline“-Kosmos, die sich mit Ende 30 wie Anfang 20 kleiden, ziemlich dick aufgetragen haben, sind sie die komplexer angelegten Charaktere, die die Männerfiguren in Schach halten. Etwa die Ermittlerin Sara, die über V-Männer in die Finanz- und Gangsterwelt vordringen will und ihre Arbeit als eine Art Eskapismus vom Stress zu Hause betreibt. Jinns Schwester Lily setzt ihrem Tochterstatus den selbstbestimmten Konsum von Männern und Drogen entgegen. Ardans brutale Mitarbeiterin Zilan hingegen schlägt hart zu, besitzt aber eine weiche Stimme, der Jinn einen berührenden Song entlockt.

Und dann gibt es noch Frankfurt, die unterkühlte Diva der Finanzmetropolen, in der nicht nur die Innenräume kalt und vollverglast sind. Auch die Geschichte der sechsteiligen Mini-Serie ist überaus klar und durchsichtig strukturiert und basiert vornehmlich auf dem Antagonismus von „konform“ und „kriminell“. Wo sich „4 Blocks“ in ein ausdifferenziertes Gangster-Universum stürzt und einen Clan-Chef, der sich nach einem bürgerlichen Leben sehnt, zum Antihelden aufbaut, sind in „Skylines“ auch auf den zweiten Blick Gut und Böse auf allen Ebenen klar verteilt – in der erpressbaren Investmentwelt, dem knallhart strukturierten Mordkommissariat oder dem vom Drogengeschäft infiltrierten Musikbusiness.

Loyalität, Familie, Credibilty

„Skylines“ erzählt – auch mit Hilfe einiger Gastauftritte lokaler Rapper-Größen – die Crux des Hip-Hop-Genres, in der die „Underdogs“ auf der Suche nach einem besseren Leben auf Loyalität und „Credibility“ pochen, von ihrer Herkunft aber immer wieder eingeholt werden. Die Privilegierten hingegen werden von den Untaten ihrer Vergangenheit heimgesucht. Geld stinkt eben doch, auf allen Etagen der gesellschaftlichen Hierarchie. Während „4 Blocks“ den Puls der Berliner Unterwelt prüfte, interessiert sich „Skylines“ für die vom großen Reibach verstopften Adern der Frankfurter Geschäftswelt.

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