Satire | USA 2019 | 373 (1. Staffel: acht Folgen)/283 (2.St.: acht Folgen) Minuten

Regie: Ryan Murphy

Ein Schüler aus einer reichen kalifornischen Familie hat sich das hochambitionierte Ziel gesetzt, US-Präsident zu werden. Dazu braucht er einen Studienplatz in Harvard. Die erste Hürde ist jedoch die Wahl zum Schülerpräsidenten seiner High School. Um dies zu erreichen, stürzt er sich in einen Wahlkampf, in dem er vor keinem schmutzigen Trick zurückscheut. Eine überdrehte, durchaus unterhaltsame Satire-Serie auf das Politikgeschäft, die neben den fließenden Grenzen von Sein und Erscheinung von permanenten Machtrochaden lebt. Die aufdringliche moralische Haltung und die zu Witzfiguren tendierenden Nebencharaktere dämpfen das Vergnügen allerdings zusehends. Staffel 2 spielt vier Jahre nach Staffel 1; die Hauptfigur tritt nun als junger Erwachsener bei einer Senatswahl in New York an und will dort die amtierende Mehrheitsführerin ausstechen. Dazu sucht er nach verborgenen Schwachstellen der erfahrenen Politikerin, findet in deren umtriebiger Kampagnen-Managerin aber eine gleichwertige Gegnerin. Noch mehr als die erste Staffel setzt die Fortsetzung auf grelle Effekte und vorgebliche Gesellschaftskritik. Die Satire bleibt jedoch kraftlos und erschöpft sich in Vordergründigkeit und Banalität. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE POLITICIAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Ryan Murphy · Helen Hunt · Janet Mock · Brad Falchuk · Gwyneth Horder-Payton
Buch
Ryan Murphy · Ian Brennan · Brad Falchuk
Kamera
Simon Dennis · Timothy S. Jensen · Nelson Cragg · Tim Norman
Musik
Mac Quayle
Schnitt
Shelly Westerman · Danielle Wang · Peggy Tachdjian · Franzis Muller · Chris A. Peterson
Darsteller
Ben Platt (Payton Hobart) · Bob Balaban (Keaton Hobart) · Gwyneth Paltrow (Georgina Hobart) · Bette Midler (Hadassah Gold) · Jessica Lange (Dusty Jackson)
Länge
373 (1. Staffel: acht Folgen)
283 (2.St.: acht Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Satire | Serie

Eine satirisch überzeichnete Serie über Voraussetzungen und Start einer politischen Karriere anhand der Ambitionen eines ehrgeizigen Schülers aus reicher Familie, der mit der Wahl zum Schülerpräsidenten seiner High School einen ersten Schritt Richtung Harvard und US-Präsidentschaft tun will. In der zweiten Staffel schickt er sich an, Senator des Staates New York zu werden.

Diskussion

Staffel 1

Nachdem High-School-Schwarm River in seinem lichtdurchfluteten kalifornischen Zimmer mit seiner Freundin Astrid geschlafen hat, ruft sie ihm en passant zu, wie toll er wieder gewesen sei. Doch River traut dem Ganzen nicht so recht: Könnte es sein, dass sie ihren Orgasmus nur vorgetäuscht hat? „Klar. Ich möchte schließlich, dass du so selbstbewusst wie möglich wirst.“ Es wäre ihm aber wichtiger, wenn sie authentisch bliebe. „Ich kann gern authentisch erscheinen“, entgegnet Astrid. „Ich möchte nicht, dass du authentisch erscheinst, sondern dass du es bist.“ – „Was ist der Unterschied?“

An der manchmal fluiden Grenze zwischen Sein und Erscheinung spielt die von Ryan Murphy entwickelte Comedy-Serie „The Politician“ ununterbrochen – auch wenn River (anders als Astrid, deren Stern erst noch aufgeht) nur ein nebensächlicher Rivale ist, an dem sich der so opportunistische wie ehrgeizige Payton Hobart abarbeiten kann. Payton ist als Sohn einer steinreichen Familie extrem privilegiert. Auf der anderen Seite haben ihn die auf einem Anwesen in Santa Barbara residierenden Hobarts nur adoptiert, was ihn deren tumbe leibliche Zwillingskinder ständig spüren lassen.

Doch wenigstens seine neurotische Mutter liebt und unterstützt ihn bei seiner früh gefundenen Lebensaufgabe: Payton möchte Präsident der Vereinigten Staaten werden. Eine notwendige Durchgangsstation dorthin ist für ihn der Posten des Schülersprechers der San Sebastian High School. Nach Harvard muss Payton danach auch noch, aber das wird sich schon irgendwie einrichten lassen.

Der inhaltlich mehr als flexible Redner und begabte Sänger (der Schauspieler Ben Platt ist auch aus Broadway-Musicals bekannt) führt einen unerbittlichen Wahlkampf, in dem er nicht davor zurückschreckt, die als krebskrank von allen bemitleidete Mitschülerin Infinity als sein Running Mate zu benutzen.

Ständige Plot-Twists und Machtrochaden

Über acht unterschiedlich lange Episoden entfalten Murphy (der neben Helen Hunt und Janet Mock bei einigen Folgen auch Regie führt) und die Produzenten Brad Falchuk und Ian Brennan eine ebenso überdrehte wie unterhaltsame Coming-of-Age-Politsatire. Wer ständige Plot-Twists und Machtrochaden schätzt und sich von den damit unvermeidlich einhergehenden Shakespeare-Vergleichen als Bildungsstreamer geschmeichelt fühlt, der kann an „The Politician“ seinen Gefallen finden – sofern er die selbst für satirische Maßstäbe extreme Überzeichnung der Figuren und die mit dem Zaunpfahl auf den Zuschauer herabgeprügelte Leere ihres Oberschichtlebens aushält.

Dabei wirken die raffinierten Intrigen und Schmeicheleien, mit denen die Schülersprecher-Kandidaten um die Gunst der meist geistesabwesenden Teenager buhlen, wie aus der Zeit gefallen in einer Welt, in der die mächtigsten Politiker ihre Verachtung für moralisches Handeln vollkommen transparent vor sich herzutragen scheinen.

Andauernd macht sich die Serie auch über politische Korrektheit und die mit ihr verbundenen verbalen Verrenkungen lustig, die aus einst „Behinderten“ nun „anders Begabte“ macht.  Das ist alles nicht übertrieben originell, fügt sich aber gut in die Aneinanderreihung greller Situationen, die man alle schon einmal gesehen zu haben meint. Der zwischen Schlagern von Shirley Bassey und dem deutschen „Yesterday“-Verschnitt „Gestern noch“ routiniert changierende Soundtrack verstärkt diesen Eindruck.

Hollywood-Stars am Rande

Neben den meist jüngeren Darstellern, von denen die aus Bohemian Rhapsody bekannte Lucy Boynton als durchtriebene Astrid den größten Eindruck hinterlässt, sind zwei größere weibliche Nebenrollen an erfahrene Größen des Hollywoodkinos gegangen: Gwyneth Paltrow, die schon in Murphys Teenie-Serie „Glee“ (an die auch gelegentliche Musicaleinlagen erinnern) einige Auftritte hatte, meint als Paytons Adoptivmutter in der Midlife-Crisis die Liebe ihres Lebens zu treffen – Tennisikone Martina Navratilova in einer grauenhaften Rolle als Reitlehrerin.

Aus der von ihm kreierten „American Horror Story“ hat Ryan Murphy Jessica Lange mitgebracht. Sie spielt die Großmutter von Infinity als besitzergreifenden Südstaatendrachen mit Hang zur Vorwärtsverteidigung, übertreibt es dabei aber ausladend. Mit den entweder abgehobenen oder kühl berechnenden Erwachsenen verhält es sich am Ende ähnlich wie mit den Teenies der San Sebastian High School, die alle karrierefixiert oder emotional gestört oder beides zu sein scheinen.

Satire hin oder her: Den Schöpfern von „The Politician“ fehlt am Ende vor allem die Größe, irgendeine ihrer Figuren ernst zu nehmen.

 

Staffel 2

Die zweite Staffel der Serie „The Politician“ bedient so ziemlich jedes Klischee über Politik im Zeitalter der sozialen Medien: Haltungen sind austauschbar. Junge Leute spiegeln sich pausenlos auf Instagram und Twitter. Sie sind Narzissten mit Aufmerksamkeitsdefizit – die andere öffentlich bloßstellen, wenn sie nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Doch es gibt noch ein Relikt aus analogen Zeiten: den Sexskandal. Und den zweifelhaften Glauben daran, dass solche Skandale heutzutage noch Wahlen entscheiden.

Nachdem Payton Hobart (Ben Platt) in der ersten Staffel noch alles daransetzte, Schülersprecher seiner High School zu werden, strebt er nun höheren Zielen entgegen: State Senator in New York. Seine abgebrühte Konkurrentin Dede Standish (Judith Light) liegt in den Umfragen meilenweit vor Payton, den sie bei einer öffentlichen Debatte als unerfahren abkanzelt und nicht ganz ernst zu nehmen scheint. Mit seinem Team, das er aus seinem Schulwahlkampf mit nach New York genommen hat, sucht Payton verzweifelt nach Schwachstellen der Konkurrentin. Er schreckt auch nicht davor zurück, einen Maulwurf in ihr Team zu schleusen. Doch alles, was ihr gefährlich werden kann, ist ihre Ménage-à-trois mit zwei Männern. Als Dedes altgediente Kampagnen-Managerin Hadassah davon erfährt, gerät sie außer sich – und verfällt auf die Idee, dass einer der Männer ab sofort mit ihr ins Bett gehen soll.

Möglichst irre Volten

Ob all das heute noch einen Wahlkampf in New York torpedieren könnte, erscheint zweifelhaft. Aber den Serienschöpfern um Ryan Murphy kommt es vor allem darauf an, die Handlung durch möglichst irre Volten immer weiter voranzutreiben. Paytons Mutter bewirbt sich derweil nach ihrer lukrativen Scheidung um den Gouverneursposten in Kalifornien. Als moderner weiblicher Guru kämpft sie gegen den Klimawandel und geißelt Plastikverpackungen. Ihre Umfragewerte sind gigantisch. Gwyneth Paltrow, deren Ehemann Brad Falchuk „The Politician“ produziert, gibt sie als abgehobene Neureiche, der man es gar nicht übel nimmt, dass sie über den Dingen schwebt. Man fragt sich, ob sich die Figur von der mutmaßlich echten Paltrow unterscheidet, die in „Goop Lab“ (auch auf Netflix) Werbung für ihren Lifestyle-Edeltrash macht.

Die grelle Satire greift natürlich auch aktuelle Themen auf. Gepusht von der umtriebigen Infinity mit zahlreichen Followern, hält Payton zur Verbesserung der Umfragewerte eine flammende Rede über Klimawandel. Die jungen Leute, die ihm zujubeln, scheinen leicht zu begeistern zu sein – „The Politician“ nimmt auch in der zweiten Staffel keine der Figuren wirklich ernst. Das größte Vergnügen an der Serie bereitet Bette Midler als Hadassah, die für Standish im Hintergrund die Strippen zieht. Und dabei immer noch so überdreht wirkt, als käme sie direkt aus einer ihrer Filmkomödien der 1980er-Jahre angerannt.

Alles nur ein großer Zirkus

Das Verführerische an Serien wie „The Politician“ ist die Illusion, dass sie – wenn auch überzeichnend – den Zuschauern etwas über die „Mechanismen der Macht“ erzählen würden. Politik erscheint als Feld, von dem sich anständige Leute besser fernhalten. Dabei ist die Annahme, dass die Welt wirklich so verkommen und durchgedreht sei, wie man sie sich in anderen Serien schon immer vorgestellt hat, banal und vordergründig. Die Form der Satire wird oft mit Gesellschaftskritik verbunden, ohne dies einzulösen. Sie eignet sich perfekt als Durchlauferhitzer – wie in „The Politician“, wo alles nur ein großer Zirkus ist. Das alles erzählt kaum etwas über die Gesellschaft, wenig über Politik oder junge Leute. Es erzählt viel über das hochtourige Aufmerksamkeitsmanagement von Serien, die alle zeitgenössischen Malaisen zu einem Unterhaltungsbrei vermanschen.

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