Historienfilm | Deutschland/Frankreich/Portugal/Spanien 2019 | 132 Minuten

Regie: Albert Serra

In einem Wäldchen zwischen Potsdam und Berlin versammeln sich 1774 französische Adlige und ihre Bediensteten, die vom Hofe Ludwig XVI. nach Preußen geflohen sind, weil sie hier ihrem von keinerlei Verboten gefesselten Begehren freien Lauf lassen können. In den vulgär-sexuellen Spielen und Fantasien geht es um Vitalität und grenzenlose Erregung, die allerdings wiederholt an der Körperlichkeit oder auch der Monotonie des Perversen scheitert. Die schwelgerische Bewegung durch die Reize und Abgründe der Libertinage setzt auf ein geschicktes Spiel der Doppelungen und nimmt den Zuschauer als Voyeur in den Blick. Der dritte Teil eines aus Installation, Theaterstück und Film bestehenden Gesamtprojekts zielt auf die Dekonstruktion einer eingebildeten Männlichkeit, die sich in lauter Erwartungen erschöpft.

Filmdaten

Originaltitel
LIBERTÉ
Produktionsland
Deutschland/Frankreich/Portugal/Spanien
Produktionsjahr
2019
Regie
Albert Serra
Buch
Albert Serra
Kamera
Artur Tort
Musik
Marc Verdaguer · Ferran Font
Schnitt
Ariadna Ribas · Albert Serra · Artur Tort
Darsteller
Helmut Berger (Duc de Walchen) · Marc Susini (Comte de Tésis) · Iliana Zabeth (Mademoiselle de Jensling) · Laura Poulvet (Mademoiselle de Geldöbel) · Baptiste Pinteaux (Duc de Wand)
Länge
132 Minuten
Kinostart
12.09.2019
Genre
Historienfilm
Diskussion

Dritter Teil eines aus Installation, Theaterstück und Film bestehenden Gesamtprojekts um eine Gruppe französischer Libertins, die sich 1774 in einem Wäldchen bei Berlin ihren sexuellen Lüsten und Begierden überlassen wollen.

Im Kino des katalanischen Filmemachers Albert Serra geht es oft um enttäuschte Erwartungen. Mit der Figur des Don Quixote, einem der großen Enttäuschten der Literaturgeschichte, hat er sich bereits in seinem zweiten Spielfilm „Honor de Cavalleria“ (2006) beschäftigt. Ähnliche Bewegungen hin zu einer Freiheit, die sich letztlich als Illusion entpuppt, gibt es bei seinem Casanova in „Història de la meva mort“, seinem Louis XIV („Der Tod von Ludwig XIV“) und auch bei seinen Heiligen Drei Königen („El cant dels ocells“, 2008), deren Weg zur Geburtsstätte von Jesus einer einzigen Verirrung gleicht.

Nun hat sich Serra mit einer Gruppe von Libertins befasst. Auf diese trifft sein neuer Film „Liberté“ irgendwo in einem künstlichen Wald des Jahres 1774. Es könnte eigentlich überall sein, doch die Protagonisten sollen sich zwischen Potsdam und Berlin aufhalten. Sie sind Geflüchtete vom Hof des Louis XVI. Auf ihre Art aber sprechen sie aus der Gegenwart, und auch sie erzählen von einer Enttäuschung.

Die Suche nach dem nächsten Kick

Denn was diese Menschen in vulgären und sexuellen Spielen auf die Spitze treiben, ist die Suche nach dem nächsten Kick. Es verlangt sie nach einem Begehren, das eine Emotion auf ihre gelangweilten und von Schminke entstellten Gesichter zaubert. In ihrer Suche liegt aber bereits eine enttäuschte Erwartung. Sie sind Sklaven ihrer Körper; ihre Fantasien verenden in dauernder Impotenz. Wie Vampire kurz vor dem Verdursten torkeln sie durch den Wald. Die Künstlichkeit der Umgebung ist ein Tribut an die historischen Libertins, die mit der Natur nur wenig anzufangen wussten. Ihre Körper, die Serra hier und da überzeichnet, werden auf ihre Sexualität reduziert. Sie stehen wie Untote im künstlichen Mondlicht und fassen sich in den Schritt, beriechen sich, zeigen sich ihre Körper.

Diese Reduzierung gilt auch für die Erzählung des Films, der eigentlich nur ein Drittel eines Gesamtprojekts darstellt. Zuvor hatte Serra die Installation „Personalien“ realisiert, die auf fünf Leinwänden verteilt, die gleichen Bilder wie der Film verarbeitet, sowie das von der Kritik zerrissene Theaterstück „Liberté“ an der Berliner Volksbühne inszeniert (Helmut Berger, der eine kleine Rolle im Film hat, war auch im Theaterstück zu sehen).

Reize und Abgründe der Libertinage

Statt eines Plots folgt man einer schwelgerischen Bewegung durch die Reize und Abgründe einer Libertinage. Dass Serra dabei durchaus explizite sexuelle Praktiken zeigt, die man im regulären Kino eher selten zu sehen bekommt, versetzte bei einem öffentlichen Gespräch unlängst B-Movie-Papst John Waters in Verzückung. Ein Akt der Freiheit oder bloße Provokation? Es ist zwar einladend, in diesen Kategorien zu denken, aber recht weit kommt man damit nicht.

Serra betreibt vielmehr ein geschicktes Spiel der Doppelungen. Zum einen bezieht sich das auf ihn selbst, denn seine Bilder hängen zwischen den beschriebenen Reizen und deren Enttäuschung. Die Bildsprache folgt der Logik der Nacht. Die Nähe zwischen Traum und Albtraum, Sehnsucht und Angst, Vulgärem und Erhabenem ist nicht zu durchdringen. In dieser Nacht wird alles intensiver, aber auch obskurer. Man kann sich nicht immer sicher sein, was man sieht. Man ist dem ausgeliefert, was der Filmemacher zeigt und noch mehr dem, was er nicht zeigt.

Der Film lässt sein in ihm angelegtes Begehren letztlich ins Leere laufen. Mehr noch als die anhaltenden oder ausbleibenden Erektionen der Männer erzählt sich das über die voyeuristische Position, die der Zuschauer dabei einnimmt. Nach und nach fragt man sich, warum man überhaupt zusieht und was man dabei wirklich sieht. Man will mehr und weniger sehen. Die Dunkelheit des Gezeigten verstärkt den Eindruck, dass man sich ebenfalls in diesem Wald befindet. Serras Montage lässt die Zeit dabei fast aussetzen; es geht um eine Erschließung des Raums. Es ist ein dauerndes Spiel mit den Erwartungen.

Die Monotonie der Perversion

Verstärkt wird das dadurch, dass Fantasien wiederholt ausformuliert werden. In kleinen Gruppen, die mehr an das Marienbad von Alain Resnais als an die entfesselt-perverse Aristokratie des Marquis de Sade erinnern, erzählen sich die Männer und Frauen von ihren Lüsten und von dem, was sie gerne machen würden. Sie versuchen diese verbalen Ergüsse umzusetzen, scheitern aber wiederholt an ihrer Körperlichkeit oder wenn nicht daran, dann an etwas, dass man als Monotonie der Perversion bezeichnen könnte.

Der Filmkritiker Mark Peranson, der in „El cant dels ocells” die Rolle des Joseph übernommen hatte, beschrieb diese Monotonie als Gefühl einer ewigen Gleichheit. Sie würde aus einem Zwang zur dauernden Aktivität entstehen. Ein Gefühl, dass man auch aus den Sozialen Medien kennt und aus der Bilder- und Informationsflut, der man sich täglich gegenübersieht. Der Reiz des Außergewöhnlichen verliert sich, wenn das Außergewöhnliche zum Gewöhnlichen wird. Das zeigt „Liberté“ nachdrücklich.

Lächerliche Männlichkeit

In dieser Ästhetik unerfüllten Begehrens sind eigentlich nur die wenigen Frauen im Wald wirklich bereit, loszulassen. Die Männer sind in einem an Fassbinder-Filme erinnernden Standbild gefangen. Es ist das Paradox zwischen dem Wahren eines formellen Gesichts und dem animalischen Loslassen. Nicht nur anhand der weiblichen, sich nach und nach aus dem Film schälenden Enttäuschung über die fehlende Potenz der Männer dekonstruiert Serra Männlichkeit. „Sei nicht lächerlicher als ich es bin“, heißt es einmal, und diese Lächerlichkeit schwingt in jeder Sekunde im Halbdunkel mit.

Dem männlichen Geschlechtsorgan wird mit Mitleid und Gleichgültigkeit begegnet, das Balzverhalten wirkt einsam und verzweifelt. Man spürt eine Fragilität und Müdigkeit, die der anvisierten Vitalität und Erregung entgegenwirkt. Kommt es zu sexuellen Handlungen, ist Distanz und Entfremdung mit im Spiel. Wenn es so etwas wie Freude gibt, dann in der Erwartung. Alles andere ist der Versuch, diese nicht zu enttäuschen.

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