Action | Deutschland/Österreich 2019 | 92 Minuten

Regie: Patrick Vollrath

Kurz nach dem Start eines Fluges von Berlin nach Paris versuchen drei islamistische Attentäter, das Flugzeug zu entführen. Nach einem Kampf muss der Copilot die Führung übernehmen, der sich mit dem schwerverletzte Kapitän und einem bewusstlosen Entführer im abgeschlossenen Cockpit befindet, und mit den beiden anderen verhandeln, die drohen, Passagiere zu töten. Klaustrophobischer, formal interessanter Thriller, der bis auf Anfang und Ende das ganze Geschehen vom Cockpit aus erzählt. Die Idee vermag den Film allerdings nicht über Spielfilmlänge zu tragen, sodass dessen Längen und Konstruiertheit bald offensichtlich werden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
7500
Produktionsland
Deutschland/Österreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Patrick Vollrath
Buch
Patrick Vollrath · Senad Halilbasic
Kamera
Sebastian Thaler
Schnitt
Hansjörg Weissbrich
Darsteller
Joseph Gordon-Levitt (Tobias Ellis) · Omid Memar (Vedat) · Aylin Tezel (Gökçe) · Carlo Kitzlinger (Michael Lutzmann) · Murathan Muslu (Kinan)
Länge
92 Minuten
Kinostart
26.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Action | Thriller
Diskussion

Klaustrophobischer, formal interessanter deutsch-österreichischer Thriller, in dem ein Copilot vom abgeriegelten Cockpit aus eine Flugzeugentführung durch islamistische Attentäter zu verhindern versucht. Eine reizvolle Idee, die aber nicht über Spielfilmlänge trägt und mit logischen Fehlern und Vereinfachungen zu kämpfen hat.

Es beginnt mit Aufnahmen verschiedener Überwachungskameras auf dem Flughafen von Berlin. Man beobachtet zunächst die Sicherheitschecks bei der Passagierkontrolle. Der Blick lenkt einen früh auf einen jungen Mann, mit deutlich „orientalischem“ Aussehen. Die Überwachungsbilder „verfolgen“ ihn, zeigen ihn beim Einkauf von Flaschen im Duty-Free-Shop und führen ihn mit zwei anderen jungen Männern zusammen. Offensichtlich treffen sich die drei auf der Flughafentoilette, offensichtlich ist die Tüte mit den Flaschen danach nicht mehr dabei. Was mit ihr geschehen ist, erfährt man sehr bald. Aber man ahnt schon hier, dass etwas Schlimmes bevorsteht.

Kurz darauf wechselt die Perspektive. Jetzt ist die Kamera dort, wo sie den Rest der 92 Filmminuten bleiben wird: Im Cockpit einer mit Passagieren vollbesetzten Linienmaschine auf dem Flug von Berlin nach Paris. Zunächst dominiert Routine: Die beiden Piloten gehen Checklisten und Wettervorhersagen durch, man wartet auf einige noch fehlende Passagiere. Während dieser Einsteigeprozeduren, die konsequent vom Cockpit aus gefilmt sind, lernt man mit den Piloten auch zwei Stewardessen kennen, versteht, dass die eine, Gökçe (Aylin Tezel), mit dem amerikanischen Co-Piloten Tobias (Joseph Gordon-Levitt) liiert ist.

Es folgen der Start und die üblichen Durchsagen. Kurz darauf aber ändert sich alles: Drei Entführer, die jungen Männer des Beginns, versuchen, in die Kabine einzudringen, ihre Waffen sind provisorische Messer, die sie aus dem Glas der zerschlagenen Duty-Free-Flaschen gebastelt haben. Es kommt zu einem Kampf, während dem eine Stewardess getötet wird. Aber die Sicherheitstür ist wieder verschlossen. Im Cockpit drin sind nun Copilot Tobias, der schwerverletzte Kapitän und einer der Entführer, der betäubt am Boden liegt und von Tobias zur Sicherheit gefesselt wird. Draußen vor der Tür sind die zwei anderen Entführer und die in Panik versetzten Fluggäste.

Katz-und-Maus-Spiel in verschiedenen Stadien

Der nun auf diese dramatische Exposition folgende Mittelteil ist das Herzstück von Patrick Vollraths Langfilm-Debüt „7500“. Sein klaustrophobischer Thriller entfaltet sein Katz-und-Maus-Spiel in verschiedenen Stadien: Tobias beruhigt die Passagiere („Wir haben Kontrolle über das Flugzeug!“) –, er versorgt den Kollegen, dessen Zustand zunehmend schlimmer wird; er kommuniziert mit der Flugkontrolle am Boden: „7500“ ist der internationale Funkcode für „Bewaffnete Flugzeugentführung“. Danach muss Tobias entscheiden, was er tut. Über einen Schwarzweiß-Monitor kann er sehen, was im Vorraum vor sich geht.

Die Bodenkontrolle schlägt die schnellste Landemöglichkeit in Hannover vor, die Entführer, deren Ziele zunächst vollkommen unklar sind, wollen jedoch keine Landung, sondern verlangen Zugang zum Cockpit. Als dies verweigert wird, drohen sie einen Passagier zu töten, und als Tobias weiterhin – gemäß den internationalen Vorschriften – die Tür zum Cockpit nicht öffnet, setzen sie ihre Drohung tatsächlich in die Tat um.

Im Folgenden lebt der Film von der reinen Thriller-Spannung, der Angstlust des Sich-in-die-Situation-hineinversetzens, und den vor allem moralischen Entscheidungsdilemmata, denen Tobias ausgesetzt ist. Zu ihnen gehören die Schuldgefühle wegen des toten Passagiers ebenso wie die Angst um die eigene Lebensgefährtin, die sich ja auch im hinteren Flugzeugteil befindet.

Kaum Handlungsalternativen

Zugleich wirkt hier auch manches wie künstlich aufgebauscht. Denn im Prinzip ist es von Anfang an klar, dass Tobias kaum Handlungsalternativen hat. Er muss das Flugzeug, koste es, was es wolle, so schnell wie möglich auf die Erde bringen. Er darf die Tür nicht öffnen, und es war richtig, den einen Passagier „zu opfern“, um nicht das Leben aller Passagiere unmittelbar aufs Spiel zu setzen.

Die Spannung hält sich auch deswegen in gewissen Grenzen, weil man voraussetzt, dass ein Mainstream-Film nicht zeigen könne, dass ein Flugzeug komplett abstürzt. Der Film kann und wird auch nicht zeigen, dass ein Flugzeug in eine Stadt hineinfliegt, was sich als Ziel der Entführer entpuppt. Schließlich scheint es auch klar, dass Co-Pilot Tobias nicht sterben wird, jedenfalls nicht vor der Landung.

Darum könnte gerade das, was im ersten Moment wie eine konsequente Zuspitzung des Drehbuchs wirkt, die Ermordung des ersten Passagiers, eine erzählerische Schwäche sein, weil sie die Entführer unzweideutig als „zu allem bereite“ Mörder entlarvt und die Möglichkeit verstellt, dass man „mit ihnen reden könne“.

Stattdessen ist es eine so konstruierte wie absehbare Dramatisierung der weiteren Handlung, dass der gefesselte Entführer im Cockpit irgendwann wieder aufwacht und versucht, sein sinisteres Vorhaben doch noch in die Tat umzusetzen. Ebenso konstruiert ist die Anwesenheit von Tobias Lebensgefährtin, denn erst durch sie und die Gefahr, die ihr droht, entsteht ein ethisches Dilemma: Soll er sie retten, auf die Gefahr hin, das Leben vieler zu opfern?

Vieles ist vorhersehbar

Vieles in „7500“ ist vorhersehbar. Und als die Geschichte dann doch eine Wendung enthält, mit der man nicht unbedingt rechnen konnte, ist die dahinterstehende Logik eine zynische: Es geht nämlich darum, etwas Unmögliches zu zeigen, um dem Zuschauer vorzuführen, dass in diesem Film alles möglich ist. Doch der paradoxe Effekt dieses Moments ist, dass hier die wahren Motive der Filmemacher – das sehr konstruierte Brechen der Konstruktion – zu offenkundig sind und die Konstruiertheit damit umso deutlicher entlarvt wird.

Verweise auf die Psychologie der Figuren erscheinen behauptet: Versucht man sich tatsächlich in die Situation des auf sich gestellten Copiloten hineinzuversetzen, tauchen eher zusätzliche offene Fragen auf, wie etwa die, ob ein Pilot nicht auf die Sauerstoffversorgung an Bord Einfluss nehmen kann, warum er nicht öfters und früher zu einem Mittel greift, das er einmal einsetzt: Das Flugzeug in der Luft zu schütteln, um die Täter zu desorientieren. Oder warum das zur Standardausbildung der Piloten gehörende Mittel eines kontrollierten Sturzflugs hier keine Option ist?

Auch etwas zu einfach ist der Islam-Diskurs des Films. Einerseits hat man es mit „islamistischen“ Extremisten zu tun, die auf einer Selbstmordmission unterwegs sind. Andererseits zeigt einer von ihnen dann doch schnell Skrupel und Todesangst. Und offenbar meinte man es nötig zu haben, Tobias’ Lebensgefährtin zur Deutsch-Türkin zu machen, die sich in einer Situation als „Moslem“ bezeichnet, die aber zuvor in einem anderen Gespräch schon betonte, sie wolle, dass das gemeinsame Kind auf eine Kita komme, wo „auch noch ein paar Deutsche“ seien.

Formal beeindruckend, inhaltlich unausgereift

„7500“ ist formal interessant und konsequent. Die Inszenierung ist ohne Frage, wenn man die vergleichsweise bescheidenen Mittel berücksichtigt, die dieser österreichisch-deutsche Film ohne Frage hatte, eine Leistung der Regie und der Produktion. Die Grundvoraussetzungen der Story bilden eine dramaturgische wie technische Herausforderung für Macher wie Zuschauer. Aber das Drehbuch ist unausgereift und die Idee, einen kompletten Film aus der Cockpit-Perspektive zu erzählen, nimmt sich vielleicht als Einfall besser aus, als dass sie tatsächlich einen Thriller über Spielfilmlänge tragen könnte. So hat der Film mit zunehmender Spieldauer unübersehbare Längen und Redundanzen, und der dritte kurze Teil am Ende, wirkt geradezu wie eine Pflichtübung, die an die eigentliche Handlung „herangeklatscht“ wurde.

So dominiert der Eindruck einer Laborsituation, bei der alles ein bisschen zu einfach und zu effizient umgesetzt ist, um den Zuschauer über den Augenblick hinaus zu packen, zu berühren und die Seherfahrung über das Filmende hinaus am Leben zu halten.

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