Biopic | Großbritannien/Ungarn/Australien 2019 | 140 Minuten

Regie: David Michôd

Historiendrama um den britischen König Henry V. (1387-1422), der nach seiner Thronbesteigung 1413 mit den unübersichtlichen politischen Beziehungen ringt. Gegen seinen Willen sieht er sich zum Krieg mit Frankreich gezwungen, für den er seinen früheren Freund und Saufkumpan Sir John Falstaff wieder an seine Seite holt. Der in Handlung und Figurenkonstellation an William Shakespeares Theaterstück „Henry V“ orientierte Film greift mit moderner Sprache und klugen Verschiebungen und Erweiterungen das Dilemma des Herrschers auf, sich nicht von den Kriegsverwicklungen seines Vaters lösen zu können. Neben den aufwändigen Schauwerten wird dabei Henrys innere Zerrissenheit in den Fokus gerückt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE KING
Produktionsland
Großbritannien/Ungarn/Australien
Produktionsjahr
2019
Regie
David Michôd
Buch
David Michôd · Joel Edgerton
Kamera
Adam Arkapaw
Musik
Nicholas Britell
Schnitt
Peter Sciberras
Darsteller
Timothée Chalamet (Henry V von England) · Joel Edgerton (Falstaff) · Sean Harris (William) · Lily-Rose Depp (Catherine) · Thomasin McKenzie (Philippa)
Länge
140 Minuten
Kinostart
17.10.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm

Historiendrama von David Michôd über den britischen König Henry V. (1387-1422), der nach seiner Thronbesteigung 1413 mit den unübersichtlichen politischen Beziehungen ringt, als kluge Erweiterung und Bereicherung des Theaterstücks „Henry V“ von William Shakespeare.

Diskussion

Historiendrama von David Michôd über den britischen König Henry V. (1387-1422), der nach seiner Thronbesteigung 1413 mit den unübersichtlichen politischen Beziehungen ringt, als kluge Erweiterung und Bereicherung des Theaterstücks „Henry V“ von William Shakespeare.

Wenn in Shakespeares „Henry IV“ aus Prinz Hal am Ende Henry V. wird, ist das eine radikale Verwandlung: Der junge Mann, zuvor ein feierwütiger Tunichtgut, der dem Hofe fernblieb und sich unters Volk mischte, bricht alle Verbindungen zu seinen alten Freunden ab und geht ganz in seiner neuen Rolle auf. In The King versucht Hal (charismatisch gespielt von Timothée Chalamet) das auch – aber es klappt nicht. Unter dem Purpurmantel mit dem Hermelinkragen steckt immer noch der junge Mann, der sich zuvor voller Ekel vor der Politik seines Vaters und den nicht enden wollenden Konflikten, in die dieser England gestürzt hatte, vom Hof in die Straßen Londons geflüchtet hatte; sein Körper wirkt noch etwas zu jugendlich-schlaksig fürs Format seiner neuen Rolle.

Henry will als König alles anders und besser als sein Vater machen, droht sich als unerfahrener Neuling jedoch in der Unübersichtlichkeit der politischen Beziehungen zu verheddern; jeder seiner Berater verfolgt eigene Interessen, niemandem kann der junge Herrscher vertrauen. Eine Beleidigung des Dauphins von Frankreich (Robert Pattinson) und ein angeblich von Frankreichs König gesendeter Meuchelmörder führen schließlich dazu, dass sich Henry an der Spitze eines Eroberungsfeldzugs gegen Frankreich wiederfindet, obwohl er sich eigentlich vorgenommen hatte, das seine Herrschaft eine des Friedens sein solle. Um wenigstens einen Menschen an seiner Seite zu haben, dem er vertrauen kann, nimmt er seinen alten Freund und Saufkumpanen Sir John Falstaff (Joel Edgerton) als rechte Hand mit in den Krieg.

Gefolgsleute und Feinde, aber keine Freunde

Könige hätten Gefolgsleute und Feinde, aber keine Freunde, lässt das Skript, das Falstaff-Darsteller Edgerton zusammen mit Regisseur David Michôd verfasst hat, den trunksüchtigen Ritter an einer Stelle sagen. Im Gegensatz zu Shakespeares Drama ist es hier nicht Falstaff, der weiterhin die Nähe zu Henry sucht und abgewiesen wird, sondern Henry nimmt die alte Freundschaft Falstaffs in Anspruch, um für die erste große Herausforderung seiner Regierungszeit die beängstigende Einsamkeit der Macht zu lindern. Diese hat er unmittelbar nach seiner Krönung kennengelernt und wird von ihr viel zu schnell dazu verleitet, doch in die Fußstapfen seines ständig misstrauischen, ständig um seine Position fürchtenden Vaters zu treten. Noch bevor Henry auf französischem Boden landet, sind in England schon die ersten Köpfe gerollt, um Höflinge zu beseitigen, an deren Treue Henry zweifeln musste. Wohl nicht die Art von Königtum, die Hal vorschwebte. In Frankreich, auf dem Schlachtfeld von Agincourt, will er sich nun als würdiger Herrscher erweisen.

Michôd und Edgerton machen aus dem historischen Stoff, dessen Wahrnehmung so stark von Shakespeare geprägt ist, einen Film um die gefährliche Eigendynamik von Macht, die stets droht, sich vom Mittel zum Zweck zum Selbstzweck zu entwickeln – eine sehr frische, aktuelle Leseweise. Entsprechend verzichtet der Film nicht nur auf Shakespeares Verse zugunsten einer modernen Sprache, sondern nimmt noch diverse andere Veränderungen an der Vorlage vor: Während im Drama Henry Hal abstreifen muss, um ein guter König zu werden, und dies nur in einer zweiten Erzählebene kritisch gebrochen wird, die dem Ringen der Mächtigen Figuren aus dem Volk entgegenstellt, ist es für den Henry im Film entscheidend, dass der Hal in ihm lebendig bleibt – jener Teil in ihm, der nicht nach der Macht verlangte. Die Brutalität des Kriegs gegen Frankreich, die einen starken Anführer erfordert, ist diesem Teil seines Wesens allerdings nicht förderlich.

Erweiterung der „Henry V.“-Filmgeschichte

Neben Laurence Oliviers Verfilmung, die im Schatten des Zweiten Weltkriegs Henry V. als Ikone nationalen Selbstbewusstseins und Kampfgeistes beschwor, und Kenneth Branaghs Adaption, die nicht zuletzt durch die grimmige Inszenierung der Schlacht diese Ikone modern brach und der volkstümlich-kritischen Ebene der Vorlage mehr Rechnung trug, ist „The King“ eine kluge Erweiterung und Bereicherung der „Henry V.“-Filmgeschichte.

Dabei bleibt der Film im Handlungsaufbau und der Figurenkonstellation an Shakespeares Drama orientiert, zitiert auch diverse zentrale Szenen herbei, deutet sie aber passend zum veränderten Blickwinkel um. Wie etwa die St.-Crispins-Tag-Rede vor der Schlacht, die hier mit ganz anderem Wortlaut den Eroberungs-Patriotismus ungeschminkter an die Oberfläche bringt („Make it England!“), oder am Ende die wortspielerische Begegnung des siegreichen Königs mit Henrys französischer Braut Catherine (Lily-Rose Depp), die hier für Henry zum erschreckenden, das ganze Geschehen radikal umdeutenden und zurechtrückenden Erkenntnis-Moment wird und die einzige Frauenfigur im Stück zeitgemäß aufwertet. Dabei bedient der Film durchaus die „Schauwerte“ des Dramas: Die Schlacht von Agincourt ist auch hier das Herzstück der Erzählung und als aufwendige Action-Sequenz mit einem Großaufgebot an Menschen und Pferden umgesetzt. Sie wird von Michôd allerdings auf eine Weise gefilmt – als Gefecht an einem vom Regen matschig und abschüssig gewordenen Hang, bei dem schwer gepanzerte Ritter im Matsch zerdeppert werden –, die entfernt an Robert Bressons Lancelot-Film denken lässt. Und sie kostet ein Opfer, das den schlussendlichen Sieg tragisch verbittert.

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