Animation | Japan 2018 | 94 Minuten

Regie: Kitarô Kôsaka

Ein kleines Mädchen kommt nach dem Unfalltod seiner Eltern im Gasthaus der Großmutter unter. Während es mit dem Trauerprozess und den Aufgaben der Familientradition leben lernen muss, erweist sich das neue Zuhause bald als magischer Ort, an dem neben menschlichen Besuchern auch skurrile Geister Station machen. Bemerkenswerter Anime, der die japanische Vorstellung des fließenden Übergangs vom Diesseits zum Jenseits nutzt, um kindgerecht und humorvoll die Themen Trauma und Tod anzupacken. Der Film ist etwas überbordend, nimmt durch seine sympathischen Details und kuriose Einfälle aber für sich ein. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
WAKA OKAMI WA SHÔGAKUSEI!
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2018
Regie
Kitarô Kôsaka
Buch
Reiko Yoshida
Kamera
Michiya Katou
Musik
Keiichi Suzuki
Schnitt
Kashiko Kimura · Takeshi Seyama
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Animation | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Kazé (16:9, 1.78:1, DD5.1 jap./dt.)
Verleih Blu-ray
Kazé (16:9, 1.78:1, dts-HDMA jap./dt.)
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Bemerkenswertes Anime über ein Mädchen, das nach dem Unfalltod der Eltern ins Gasthaus der Großmutter zieht, wo auch skurrile Geister ein und aus gehen. Der Film nutzt die japanische Vorstellung des fließenden Übergangs vom Diesseits zum Jenseits, um kindgerecht und humorvoll über Tod und Trauma zu erzählen.

Diskussion

Animationsfilme wie Kubo – Der tapfere Samurai (2016) oder Coco – Lebendiger als das Leben (2017) waren Vorreiter einer neuen Tendenz, die schwer adressierbaren Themen von Trauma und Tod kindgerecht aufzubereiten und dabei den Humor nicht außen vorzulassen. Im japanischen Anime hat dies eine viel längere Tradition, was auch mit einem anderen Verständnis von Spiritualität zusammenhängen mag: Geister, Spukgestalten und Dämonen besitzen in der japanischen Kultur nach wie vor eine selbstverständliche und alltägliche Präsenz und lassen den Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Toten sehr viel fließender erscheinen.

Viel geliebte Beispiele dafür sind Chihiros Reise ins Zauberland oder Mein Nachbar Totoro, die beide aus dem renommierten Studio Ghibli stammen, für das Kitaro Kosaka als Key Animator arbeitete, zuletzt unter der Regie von Hayao Miyazaki. Auch bei dem todtraurigen Meisterwerk Die letzten Glühwürmchen war Kosaka Hauptzeichner.

„Okko’s Inn“ ist nach einer über 30 Jahre währenden Karriere im Hintergrund nun seine zweite Regiearbeit, nachdem er mit seinem Debüt „Nasu“ (2003) als erstem Anime-Beitrag überhaupt eine Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes erhalten hatte.

Offenheit dem Unbekannten gegenüber

Das titelgebende Gasthaus verweist bereits auf eine Offenheit dem Unbekannten gegenüber: Es gehört der Großmutter der kleinen Okira Seki, genannt Okko, die gerade ihre Eltern bei einem schweren Autounfall verloren hat. Auf wundersame Weise überlebt sie selbst das Unglück und macht noch an Ort und Stelle eine Erfahrung mit dem Übernatürlichen. Uri-Bo, der Geist eines kleinen Jungen, schwebt plötzlich über dem Autowrack und weicht Okko bei allem, was kommt, nicht von der Seite.

Erst nach dem Schock beginnt der fremde und unvertraute Prozess der Trauer. Das kleine Gasthaus Onsen auf dem Land, das dem Mädchen von nun an ein Zuhause bietet, ist in mehrfacher Hinsicht ein Erbe, auf das es noch nicht vorbereitet ist. Als Nächste in der Reihe ihrer Familie muss sie in die Aufgaben der Erwachsenen hineinfinden und gleichzeitig lernen, mit den Geistern zu leben.

Denn neben allerlei menschlichen Gästen, die für sich genommen schon seltsam genug sind, suchen auch übernatürliche Gestalten die Pension auf. Es erscheinen nicht nur die Geister von Verstorbenen, die noch nicht bereit sind, endgültig zu gehen, sondern auch unangenehmere Zeitgenossen wie ein gefräßiger Dämon. Gruselig ist das allerdings kaum, das weniger das Motiv der Heimsuchung durch das Gespenstische im Vordergrund steht als vielmehr ein Begrüßen und Verabschieden derer, die vorübergehen.

Ein spielerischer Limbo der Toten

Dieser Limbo der Toten hat in Kosakas Universum etwas Spielerisches und Leichtes; die Gestalten sind ebenso abstrus wie liebenswert und verlieren im Staunen Okkos ihren Schrecken. Statt eines unwiederbringlichen Verlustes zeigt sich plötzlich ein Mehr an Welt. Gestalterisch sieht dies nur auf den ersten Blick wie ein typischer Ghibli-Film aus. Der Einsatz von CGI bei den Animationen verleiht den Bildern zusätzliche Dynamik und ermöglicht kuriose Blickwinkel aus der Sicht der gespenstischen Besucher. Auf diese Weise entstehen immer mehr Perspektiven auf Okkos Raum der Trauer, der dadurch aufgebrochen wird.

Kosaka legt den Fokus auf die Erkundung der inneren Reise seiner kleinen Protagonistin, weniger auf dramaturgische Fallhöhen und überraschende Wendungen. Stattdessen entsteht die Komik situativ, typischerweise in Slapstick-Manier. Die Verwandtschaft zu den Ghibli-Filmen zeigt sich vor allem in der typischen Entwicklung der Charaktere, die lernen, über sich selbst hinauszuwachsen. Sie erhalten Hilfe von einer magischen Welt, die außergewöhnliche Freundschaften entstehen lässt, wie die zwischen Okko und dem Geist von Uri-Bo.

„Okko’s Inn“ erreicht nicht ganz die Distinguiertheit der Ghibli-Produktionen, da er zu sehr auf den Effekt des Überbordenden setzt. Für eine Auseinandersetzung mit den schwer zu bewältigenden Gefühlen eines persönlichen Verlusts ist er jedoch ein ebenso bemerkenswerter wie liebevoller Beitrag.

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