Liz und der blaue Vogel

Animation | Japan 2018 | 90 Minuten

Regie: Naoko Yamada

Das Ende der Oberschulzeit markiert für zwei von klassischer Musik begeisterte Schulkameradinnen eine schmerzliche Neuordnung ihrer Freundschaft, die in Trennung oder Weiterführung an der Musikschule münden könnte. Aus einer TV-Animationsserie über den gesamten Jahrgang der Oberschule hervorgegangener Anime, der zwei der Figuren und ihre sensible Beziehung ins Zentrum stellt. Das virtuos mit Märchen- und Realebene spielende Anime-Drama setzt die persönlichen Schicksale der Mädchen in den gesellschaftlichen Kontext des heutigen Japan und erzählt verhalten und unaufgeregt, dabei aber voll introvertierter Emotionalität von menschlichen Beziehungsgeflechten. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
LIZ TO AOI TORI
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2018
Regie
Naoko Yamada
Buch
Reiko Yoshida · Ayano Takeda
Kamera
Kazuya Takao
Musik
Akito Matsuda · Kensuke Ushio
Schnitt
Kengo Shigemura
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Animation | Coming-of-Age-Film

Heimkino

Verleih DVD
Universum
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Diskussion

Ein zurückhaltend erzähltes Anime-Drama über die vom Ende der Schulzeit bedrohte Freundschaft zweier charakterlich sehr verschiedener Mädchen, das virtuos Märchenmotive, Schülerbande und die gesellschaftliche Gegenwart Japans zusammenbringt.

Das Ende der Oberschule ist immer eine besondere Art Neubeginn. Liebgewonnene Wegbegleiter, mit denen man über Jahre ein Stück Jugend geteilt hat, verschwinden mehr oder minder von jetzt auf gleich, weil sie andere Lebenskonzepte in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Wie selbstverständlich bekannte Gesichter verblassen binnen weniger Wochen, weil sie neuen in Universität, Berufsschule oder Nachbarschaften Platz machen.

Mizore Yoroizuka hat Angst vor der Zukunft, bedeutet es doch für sie einen vielleicht endgültigen Abschied von ihrer liebsten Freundin Nozomi Kasaki. Mitschülerinnen der Kitauji-Oberschule bescheinigen den beiden ein eigentümliches Verhältnis. Mizore, die introvertierte, in allen Belangen verhalten und bedächtig agierende Musterschülerin, und Nozomi, der Sonnenschein, der das gesamte Schulorchester in seinen Bann schlägt. Mizore, die außer ihrem virtuosen Oboenspiel keinerlei Ambitionen hat und Nozomi, die neben der Ersten Flöte auch andere Hobbys kennt und Mizore auch mal vom Notenpult ins Schwimmbad entführt.

Was wird die Zukunft bringen? Abschied, Immerwährende Trennung? Oder doch ein gemeinsames Studium an der Musikschule?

Das entscheidende Duett

Doch zunächst klingen andere Gedanken in den Köpfen des Abschlussjahrgangs. Das finale Konzert, für dessen erste Besetzung noch der Auswahlprozess stattfindet. Mizore und Nozomi sind für ihr Instrument bereits gesetzt. Für die Sinfonie nach dem Märchen „Liz und der Blaue Vogel“ haben sie im letzten Satz ein entscheidendes Duett zu spielen, das das Schicksal der beiden Protagonistinnen des Stückes in einen wunderbaren Dialog beider Instrumente übersetzt.

„Liz und der Blaue Vogel“ ist Nozomis Lieblingsmärchen. Es dreht sich um eine Jugendliche, die eines Tages ein blauhaariges Mädchen bewusstlos im Gras liegen sieht. Beide werden zu unzertrennlich scheinenden Freundinnen, bis die eine merkt, dass der Findling eigentlich ein verzauberter Vogel ist, der sich nach Nähe, vor allem aber nach Freiheit sehnt. In Naoko Yamadas Animationsfilm erhält das Märchen als magische „Geschichte in der Geschichte“ einen breiten Raum. Steht sie doch sinnbildlich für die Beziehung zwischen Mizore und Nozomi die schmerzlich lernen müssen, loszulassen und zu erkennen, dass es Beziehungen gibt, die nur eine Station des Erwachsenwerdens markieren.

Komplexes Universum aus Beziehungen

Konzipiert als Kinoableger zur Fernseh-Animations-Serie „Sound! Euphonium“, entführt der Anime in ein komplexes Universum aus Beziehungen innerhalb eines Jahrgangs der Mädchenschule und greift sich dezidiert zwei Protagonisten heraus, die in der Serie nicht grundsätzlich im Zentrum der Handlung stehen. So bleibt im Film die Beziehung zwischen den anderen Personen der Handlung mitunter etwas vage und ist eher weniger an diejenigen gerichtet, die nicht mit der Vorlage vertraut sind. Dennoch skizziert „Liz und der Blaue Vogel“ auch als Solitär ein faszinierendes, vor allem stilles Portrait eines diffizilen Freundschaftsgeflechts, das vor allem vor dem Hintergrund der japanischen Gesellschaftskonventionen zu verstehen ist. Sämtliche sexuellen Bezüge, die sich dem westlich sozialisierten Zuschauer in der Geschichte zwischen den beiden heranwachsenden Mädchen aufdrängen könnten, spielen in den Intentionen der Macher allenfalls eine untergeordnete Rolle. Auch das stark von Respekt, ja fast schon Demut getönte Verhältnis zwischen den beiden „besten Freundinnen“ ist befremdlich anders als Vergleichbares in unserem Kulturkreis.

So ist das Erlebnis, das sich mit dem Schauen von „Liz und der Blaue Vogel“ verbindet, vor allem das Lernen und Erkennen der „Eigentümlichkeit“ der japanischen Gesellschaft.

Die nicht minder eigentümliche, außergewöhnliche, für eine jugendliche Erlebniswelt radikal untypische Geschichte, die der Animationsfilm an der Oberfläche erzählt, tut ein Übriges, um den Film nicht sonderlich massenkompatibel erscheinen zu lassen. Immerhin geht es um Jugendliche, die mit ihren Gefühlswelten in der persönlichen Interaktion haushalten, aber in den emotionalen Welten der klassischen Musik eruptiv ausleben. Auch das ist besonders an einem Film, der vom Betrachter in allen Belangen eine Unvoreingenommenheit verlangt, dann aber von der überwältigenden Geschichte einer fragilen Freundschaft erzählt, die so viel mehr ist als Liebe.

Märchen und Realität in Verschränkung

Naoko Yamada hat bereits mit A Silent Voice bewiesen, dass sie mit komplexen Gefühlswelten Heranwachsender in einer durch starre Konventionen determinierten Gesellschaft virtuos umzugehen versteht. Auch mit „Liz und der Blaue Vogel“ gelingt ihr dieses Kunststück – und noch mehr: Die Animationsfilmregisseurin schafft es nicht nur, die Welt des Märchens und der Realität kunstvoll zu verschränken, sondern auch die omnipräsente Musik durch stimmungsstarke, nur scheinbar beiläufige Bildkompositionen ins audiovisuelle Gleichgewicht zu bringen. Neben „Liz und der Blaue Vogel“ ist nahezu zeitgleich ein (in Deutschland noch nicht erhältlicher) und nicht von Yamada inszenierter „Zwillingsfilm“ unter dem englischen Titel „Sound! Euphonium The Movie – Our Promise: A Brand New Day“ erschienen, der die Freundschaft zwischen Nozomi und Mizore über den „Fremdblick“ ihrer Schulkameradinnen offenbart.

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