Bruder Schwester Herz

Drama | Deutschland 2018 | 105 Minuten

Regie: Tom Sommerlatte

Ein junger Mann versucht gemeinsam mit seiner Schwester, die vom Vater geerbte Rinderzuchtfarm aufrechtzuerhalten. Doch es droht die Pleite. Als die junge Frau bei einem Fest einen Musiker kennenlernt und mit ihm eine Beziehung beginnt, reagiert der Bruder mit rasender Eifersucht. Das anspruchsvolle Drama um unterdrückte Gefühle lotet vor dem Hinterrund wirtschaftlicher Not behutsam die erotische Spannung zwischen den Geschwistern aus und verbreitet durch viele Anspielungen einen Hauch Western-Romantik. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Tom Sommerlatte
Buch
Tom Sommerlatte
Kamera
Willi Böhm
Musik
Nils Bergholz
Schnitt
Anna Kappelmann
Darsteller
Sebastian Fräsdorf (Franz) · Godehard Giese (Chris) · Karin Hanczewski (Lilly) · Wolfgang Packhäuser (Heinz) · Jenny Schily (Sophie)
Länge
105 Minuten
Kinostart
10.10.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Erotisch aufgeladenes Drama zwischen zwei Geschwistern, die eine vom Vater geerbte Rinderzuchtfarm aufrecht zu erhalten versuchen.

„Er ist ein Cowboy, kein Spießer“, sagt Lilly über ihren Bruder Franz. Damit ist ein wichtiges, dem Western entlehntes Motiv etabliert: das des Freigeistes, der zwar seine Arbeit wie ein Profi erledigt, ansonsten aber unabhängig und frei ist. Es wird dann auch viel geritten und auf Kindheitsfotos sind Lilly und Franz als Cowboys zu sehen. Einmal sitzt ein kleines Mädchen im Cowgirl-Kostüm unvermittelt auf einer Treppe und im Fernsehen läuft abends ein Western.

Damit nicht genug: Der Bauernhof, auf dem „Bruder Schwester Herz“ von Tom Sommerlatte spielt, wird als „Ranch“ bezeichnet, weil hier Rinder gezüchtet werden, und die Kneipe steht für den Saloon. Wenn der schwerkranke alte Vater mit großem Hut und weißem Bart auf der Veranda sitzt, kommen einem vergleichbare Typen aus den Filmen von Howard Hawks oder John Ford in den Sinn. Kurzum: „Bruder Schwester Herz“ ist als Western inszeniert, der nicht in den USA des 19. Jahrhunderts, sondern im deutschen Osten der Gegenwart spielt. Das ist zunächst eine schöne Idee, weil damit eine Landidylle gezeichnet wird, die zunehmend Risse bekommt

Existenzangst trifft auf Westernromantik

Lilly und Franz versuchen gemeinsam, die vom Vater ererbte Rinderzuchtfarm aufrechtzuerhalten. Das ist kein einfaches Unterfangen. Die Konkurrenz ist groß und die Logistik mit nur wenigen Helfern schwer zu bewältigen. Existenzangst trifft auf Westernromantik. Der Vater ist keine große Hilfe – nach einem Unfall sitzt er im Rollstuhl, die Trennung von seiner Frau, die gelegentlich mit ihrem neuen Mann zu Besuch kommt, hat er nie verwunden.

Während Franz das Leben genießt, mit wechselnden Frauenbeziehungen oder beim abendlichen Whisky in der Kneipe, träumt Lilly von Erfolg und Anerkennung, aber auch von Veränderung. Beim Sommerfest kommt Chris mit seiner Band in den Ort und beginnt mit Lilly eine Affäre. Mehr noch: Chris bleibt, sehr zum Unwillen von Franz, der mit alles verzehrender Eifersucht auf die Liebesbeziehung seiner Schwester reagiert. Es kommt zu einem beschämenden Streit. Chris sieht sich gezwungen zu gehen, und plötzlich ist auch Lilly weg.

Eine fühlbare erotische Spannung

„Bruder Schwester Herz“ – schon die drei Wörter des Filmtitels zeugen vom Spannungsdreieck, dem die beiden Geschwister ausgesetzt sind. Zwischen Franz, dem großen Jungen, der nicht erwachsen werden will, und Lilly, der bodenständigen Macherin, besteht eine fühlbare erotische Spannung, die sich durch unverwandte Blicke, aber auch durch körperliche Nähe äußert.

Einmal steht die Schwester nackt unter der Dusche, und der Bruder müsste eigentlich das Bad verlassen, bleibt aber wie gefesselt vor dem Schatten auf der Milchscheibe stehen. Ein anderes Mal wippt Lilly mit dem Stuhl, die nackten Beine gegen den offenen Kühlschrank gedrückt und das Sommerkleid nach oben gerutscht, um sich bei der Hitze Kühlung zu verschaffen. Nicht zu vergessen jene Szene, in der Lilli mit dem Auto in den kleinen Garten rast, den Franz’ neue Freundin auf dem Parkplatz vor dem Haus angelegt hat. Ihre Eifersucht bricht sich in einem zerstörerischen Akt Bahn.

Gerade dieser kleine Garten macht die Besonderheit des Settings aus: ein einsamer Hof, der nächste Nachbar weit entfernt, eine große Weite, die zwar keine US-amerikanischen Ausmaße annimmt, aber doch viel Platz zum Ausreiten bietet und von der Kamera immer wieder schwelgerisch eingefangen wird, während im Hintergrund – welch schöner Gegensatz – auf einer Autobahn die Autos vorbeirasen. Sommerlatte entwirft keine konsekutive Handlung. Er platziert die Protagonisten in Situationen, aus denen sie mit ihren Gefühlen voller Ärger und Eifersucht wieder herausfinden müssen, er zeigt sie in ihrem Arbeitsalltag, in der Kneipe, beim Billardspielen. Dabei kann er sich mit Sebastian Fräsdorf und Karin Hanczewski auf zwei starke Darsteller verlassen, zwischen denen es ordentlich knistert, egal ob ihre Figuren böse aufeinander sind oder Nähe suchen.

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