Insel der hungrigen Geister

Dokumentarfilm | Deutschland/Großbritannien/Australien 2018 | 98 Minuten

Regie: Gabrielle Brady

Die Weihnachtsinsel vor der indonesischen Küste gehört zum australischen Territorium und ist Standort eines umstrittenen Internierungslagers für Geflüchtete. Der leise und unaufdringlich inszenierte Dokumentarfilm porträtiert eine Traumatherapeutin, die sich dort unter erschwerten Bedingungen den Eingesperrten annähert, und stellt durch poetische Bilder Beziehungen her, die über die Metapher der Migration miteinander verbunden sind. Dabei gerät er auch ohne Kommentar durch eindeutige Setzungen zur hochpolitischen Aussage. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ISLAND OF THE HUNGRY GHOSTS
Produktionsland
Deutschland/Großbritannien/Australien
Produktionsjahr
2018
Regie
Gabrielle Brady
Buch
Gabrielle Brady
Kamera
Michael Latham
Musik
Aaron Cupples
Schnitt
Katharina Fiedler · Lara Rodríguez Vilardebó
Länge
98 Minuten
Kinostart
17.10.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Eine Traumatherapeutin verrichtet unter erschwerten Bedingungen ihre Arbeit auf der australischen Weihnachtsinsel, wo Geflüchtete in einem Lager interniert sind. Ein leiser und unaufdringlich inszenierter Dokumentarfilm über die vielschichtige Metapher der Migration.

Die Nacht liegt schwer und undurchdringlich über einer dichten Urwaldlandschaft, aus der die Vielstimmigkeit fremder Wesen hörbar wird. Im schwachen Licht entfernter Scheinwerfer klettert ein Mann über den Maschendrahtzaun einer befestigten Anlage und entkommt in die Dunkelheit. Seine schweren Atemzüge öffnen einen filmischen Raum der Lebensnot: Der rennende Körper verformt sich zu einer konturlosen Silhouette, die panisch nach einem Ausweg aus dem Dickicht sucht, während bereits der Tag anbricht. Im Taumel der Kamera wird das hektische Keuchen zu einem anhaltenden Verzweiflungsschrei.

Es ist ein umstrittenes Internierungslager für Geflüchtete auf der australischen Weihnachtsinsel, das im Zentrum des beeindruckenden Langfilmdebüts von Gabrielle Brady steht. Schon seit über zehn Jahren vertritt Australien eine Nulltoleranzpolitik in Asylfragen. Die Maßnahmen „Operation Sovereign Borders“ und eine sogenannte „Pacific Solution“ wurden verabschiedet, um Bootsflüchtlingen das Betreten des Festlands zu verwehren und sie stattdessen direkt auf entlegenen Inseln im Pazifik unterzubringen, wo sie in Haftanstalten unter kritischen Bedingungen bis zur Abschiebung festgehalten werden.

Brady nähert sich in ihrem Film dem Trauma dieser inhaftierten Menschen und setzt den Mechanismen der staatlichen Institution dabei die uralten ökologischen Zusammenhänge der Insel entgegen. Die Migration selbst wird in der Poetik des Films zu einer Metapher kosmologischen Ausmaßes: Alle Zyklen der Natur sind Wanderungen zwischen Leben und Tod, kontinuierliche Verwandlungen, deren Unterbrechung Gespenster erzeugt.

Krabbenwanderung

Jedes Jahr während der Regenzeit begeben sich Millionen fragile Schalentiere auf einen gefährlichen und beschwerlichen Weg aus den Urwäldern der Weihnachtsinsel an ihre Küsten. Die leuchtend roten Krebse sind weltweit einzigartig und folgen den Zyklen des Mondes, der sie zum Ozean führt, in das sie ihre Nachkommen entlassen. Brady fängt in traumartigen Bildern dieses surreale Ereignis ein. Die meisten Straßen der Insel müssen gesperrt werden, wenn sich auf ihnen ein Meer roter Körper ausbreitet, das sich langsam und vorsichtig seinen Weg ertastet.

Die menschlichen Inselbewohner haben gelernt, diese Migration zu akzeptieren und auch im eigenen Interesse für sie Sorge zu tragen. Naturschutzbeauftragte helfen den Tieren bei der Überquerung der Infrastrukturen und schützen sie vor fahrenden Autos. Dies zu beobachten, ist ebenso berührend wie traurig, da Brady in der Kontrastierung mit dem Schicksal der Geflüchteten deutlich macht, dass den inhaftierten Menschen diese natürliche Fürsorge und Akzeptanz verwehrt bleibt.

Trauma des (Nicht-)Ankommens

Poh Lin Lee arbeitet als Traumatherapeutin auf der Weihnachtsinsel und versucht den dort Einquartierten ihre Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Doch es wird bald deutlich, dass der Staat wenig Interesse daran hat, sich um die physische und mentale Gesundheit der Geflüchteten zu kümmern. Oft müssen Termine ausfallen, weil eine plötzliche Verlegung stattfindet oder der Ausgang verweigert wird. Suizidversuche und Selbstverletzungen, die vielleicht einzigen Formen des Widerstands, die den Inhaftierten bleiben, führen zu einer noch strikteren Bewachung. Mit Sanftheit und Ruhe lässt Lee in ihren Therapiesitzungen die Menschen erzählen und gibt ihnen somit Raum für ihre unartikulierten Gefühle. Sie ermutigt sie, ihre Widerfahrnisse szenisch mit Figuren nachzustellen, die sie in einem Kästchen platzieren. Es ist mit Sand von den Stränden der Insel gefüllt und wird immer wieder zum Auslöser qualvoller Erinnerungen des Ausgeliefertseins auf der Flucht und Erfahrungen des Schiffbruchs bei der Ankunft an der australischen Küste. Dem knapp entronnenen Tod folgte direkt die Internierung in das Lager. In nahen Einstellungen nimmt Brady Anteil an den Geschichten, lässt die Zuschauer über ihre Gesichter den erlebten Schmerz erahnen.

Doch auch für die Therapeutin wird die Arbeit immer mehr zu einem Trauma, da ihre Möglichkeiten zunehmend beschränkt werden. So muss sie mitansehen, wie die Geflüchteten trotz ihrer engagierten Arbeit psychisch zusammenbrechen, da die unwürdigen Haftbedingungen ihnen jeden Raum nehmen und sie doch zugleich auf unbestimmte Zeit fixieren. Und wie der Film zeigt, ist es nicht das erste Mal, dass auf der Weihnachtsinsel Menschen in großer Verzweiflung sterben, ohne eine Bleibe gefunden zu haben. Poh Lin Lee beobachtet mit ihren Kindern ein uraltes Ritual der chinesischen Bevölkerung, die den hungrigen Geistern Opfergaben bringen, wie sie sagen. Als die Insel um 1888 herum wirtschaftlich erschlossen wurde, ließen die britischen Kolonialherren chinesische Migranten in den Phosphatminen arbeiten. Viele starben weit entfernt von ihren Familien unter den schlechten Bedingungen und erhielten kein Begräbnis. Die Überlebenden durften die Insel nicht verlassen und behielten ein Wissen um die verlorenen Seelen im kulturellen Gedächtnis.

Das flackernde Feuer ihres Opferrituals wird zu einem wiederkehrenden ästhetischen Mittel des Films. Brady erzeugt durch ihre überlegten Lichtsetzungen in vielen Einstellungen unheimliche Linsenreflexionen und Blendenflecke, die die Bilder in gespenstischer Weise heimsuchen und ihnen zugleich etwas Traumhaftes und Poetisches verleihen.

Filmischer Transitraum

Die Sinnlichkeit, mit der Gabrielle Brady die Begegnungen mit dem Fremden einfängt, ist dabei von atemberaubender Schönheit, und zeigt, wie weit die ästhetischen Möglichkeiten des Dokumentarischen reichen. „Insel der hungrigen Geister“ ist kein bloßes Porträt eines Ortes, sondern erschafft selbst einen filmischen Transitraum, in dem das traumatisch Fixierte wieder in Bewegung kommt und erscheinen darf. Ohne einen äußeren Kommentar stellt der Film durch seine poetischen Bilder Beziehungen her, die über die Metapher der Migration miteinander verbunden sind.

Dabei ist er in seiner leisen und unaufdringlichen Inszenierung trotzdem hochpolitisch. Denn wenn es ein ebenso spirituelles wie ethisches Gebot ist, den Wanderungen und Verwandlungen des Lebens Schutz zu gewähren – wer sind wir dann, wenn wir diese Kreisläufe gewaltsam unterbrechen?

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