Biopic | Großbritannien/Irland 2018 | 105 Minuten

Regie: Chanya Button

1928 erschien der vielleicht bekannteste Roman der Schriftstellerin Virginia Woolf, „Orlando“. Die Hauptfigur ist der Aristokratin Vita Sackville-West nachempfunden, mit der Woolf in langjähriger Freundschaft und lesbischer Liebe verbunden war. Auf Grundlage der Briefe zwischen Woolf und Sackville-West und eines darauf beruhenden Theaterstücks zeichnet der Film die Beziehung der beiden Frauen nach. Die tiefe Verbundenheit zwischen den Künstlerinnen vermag er jedoch ebenso wenig zu vermitteln wie ihre Leidenschaft füreinander. Das Ergebnis ist ein visuell aufwändiges, aber blutleeres Drama. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
VITA & VIRGINIA
Produktionsland
Großbritannien/Irland
Produktionsjahr
2018
Regie
Chanya Button
Buch
Eileen Atkins · Chanya Button
Kamera
Carlos de Carvalho
Musik
Isobel Waller-Bridge
Schnitt
Mark Trend
Darsteller
Gemma Arterton (Vita Sackville-West) · Elizabeth Debicki (Virginia Woolf) · Isabella Rossellini (Lady Sackville) · Rupert Penry-Jones (Harold Nicolson) · Peter Ferdinando (Leonard Woolf)
Länge
105 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Liebesfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
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Filmadaption des gleichnamigen Theaterstücks um die Freundschaft und Liebesgeschichte der beiden Künstlerinnen Vita Sackville-West und Virginia Woolf.

Diskussion

„She was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each“, heißt es in „Orlando“, Virgina Woolfs wohl bekanntestem Roman. Die schillernde Hauptfigur, die sich über fast vier Jahrhunderte vom jungen Höfling zur Frau metamorphisiert und am Ende als Dichterin berühmt wird, war der androgynen Schriftstellerin Vita Sackville-West nachempfunden. „Orlando“ gilt als Liebeserklärung an die langjährige Freundin.

Auf der Basis des gleichnamigen Theaterstücks von Eileen Atkins, das den Briefwechsel zwischen Woolf und Sackville-West als Quelle verwendete, hat die Filmemacherin Chanya Button die Freundschaft und Liebesgeschichte zwischen den beiden Künstlerinnen für die Leinwand adaptiert. Die historische Geschichte wird dabei in satte, luxuriöse Bilder gekleidet – der Kameramann Carlos De Carvalho hat an Filmen wie „Black Widow“, „Spider Man“ und „Mission Impossible“ mitgearbeitet. Den Blockbuster-Look trägt er auch in das eher intime Drama hinein. Sogar die CGI-Effekte fehlen nicht. Wenn Virginia Woolf im Wahn von pickenden Vogelschwärmen halluziniert, sieht „Vita & Virginia“ kurzzeitig aus wie ein hochfrisiertes Remake von Hitchcocks „Die Vögel“.

„Unabhängigkeit kennt kein Geschlecht“

In der ersten Szene sitzt Sackville-West (Gemma Arterton) bei der BBC und teilt mit ihrem Mann Harold Nicolson ihre Gedanken über die Grundlagen einer modernen Ehe. „Unabhängigkeit kennt kein Geschlecht“, erklärt sie forsch, während Virginia (Elizabeth Debicki) in ihrem Zimmer in Bloomsbury rauchend am Schreibtisch sitzt und schreibt. Im Hintergrund läuft das Radio; bei dem besagten Satz schmunzelt sie. So werden die beiden Frauen, die sich bisher nur über die Lektüre kennen, miteinander verbunden. Auf einer Kostümparty kommt es wenig später zur ersten Begegnung.

Die Dramaturgie folgt bald einer gewissen Symmetrie. Auf der einen Seite richtet Nicolson, der ebenfalls homosexuelle Beziehungen unterhält, warnende Appelle an seine Frau – der Diplomat hat Angst um den Ruf; doch auch der Näheverlust macht ihm zu schaffen. Auf der anderen Seite sorgt sich Virginias Ehemann, der Verleger und Kümmerer Leonard Woolf, um die psychischen Folgen des emotionalen Aufruhrs.

Zwischen den beiden Frauen steht aber auch ein Klassengefälle: Sackville-West ist in der Aristokratie zu Hause, Woolf gehört zum intellektuellen Zirkel der Bloomsbury Group – „das sind Sozialisten und Bohemiens“, heißt es argwöhnisch.

Die Korrespondenz der Schriftstellerinnen

Die Briefe sind im Film ein wesentliches Element. Wie in der ersten Szene, in der die Kamera Augen und Mund durch Close-Ups heraushebt, wird auch die Korrespondenz versinnlicht: Vita und Virginia sprechen Auszüge aus den Briefen frontal in die Kamera, der Hintergrund löst sich im Weichzeichner auf, der sprechende Mund ersetzt die schreibende Hand, er wird aber auch auf etwas penetrante Weise erotisiert.

Auch viele der Dialoge sind direkt den Briefen entnommen, was den Gesprächen etwas Artifizielles verleiht. Bei Woolf funktioniert das relativ gut, auch weil die poetischen Zeilen zu ihrer ohnehin schon erratischen Art passen. Anders bei Sackville-West. Ihre Dialogzeilen wirken aufgesetzt, der Text verbindet sich nicht mit ihrem Körper, er bleibt ihm äußerlich.

Überhaupt glaubt man den beiden Frauen weder die Freundschaft noch die Leidenschaft. Die tolle Elizabeth Debicki bewegt sich auf einem eigenen Planeten, Gemma Arterton wechselt zwischen laszivem Geschmolle und Eingeschnapptsein.

Im letzten Teil rückt die Arbeit an „Orlando“ ins Zentrum. Nach dem Zerbrechen der Liebesbeziehung führt der Roman die beiden Frauen wieder zusammen: als Freundinnen und Gefährtinnen. Nur dass sich in der Beschreibung der Romanfigur die von Arterton verkörperte Vita überhaupt nicht wiederfinden lässt. Button hat mit „Vita & Virginia“ einen erstaunlich unqueeren Film gemacht.

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