André Midani - A Brief History of the Brazilian Music

Dokumentarfilm | Brasilien 2017 | 120 Minuten

Regie: Mini Kerti

Der in Syrien geborene Musikproduzent André Midani (1932-2019) gehörte ab den 1950er-Jahren zu den bedeutendsten Wegbereitern der brasilianischen Musik, insbesondere des Bossa Nova, die von Brasilien aus auch erfolgreich in die Welt exportiert wurde. Später unterstützte Midani die Politisierung vieler Liedermacher und die brasilianische Rockmusik. Der Dokumentarfilm zeigt den gealterten Produzenten im Kreise befreundeter Künstler und schafft es, fast ausschließlich über lockere Gespräche in seinem Haus auf sein Leben zurückzublicken. Dabei blickt der Film mit seinem Protagonisten durchaus melancholisch auf die Fragen nach dessen Wurzellosigkeit und Identität. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ANDRÉ MIDANI - A BRIEF HISTORY OF THE BRAZILIAN MUSIC | ANDRE MIDANI DO VINIL AO DOWNLOAD
Produktionsland
Brasilien
Produktionsjahr
2017
Regie
Mini Kerti · Andrucha Waddington
Schnitt
Moema Pombo
Länge
120 Minuten
Kinostart
07.11.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation | Musikfilm
Diskussion

Ein dokumentarisches Porträt des Musikproduzenten André Midani (1932-2019), der zu den bedeutendsten Wegbereitern der brasilianischen Musik, insbesondere des Bossa Nova, gehörte, aber auch politische Liedermacher und Rockmusik förderte.

Ein schlanker, fast hagerer alter Mann mit kurzen weißen Locken sitzt mit Freunden in seinem Wohnzimmer. Unter den Gästen sind die Größten der brasilianischen Musik zu sehen, wie Caetano Veloso, Jorge Ben Jor, Marisa Monte und Gilberto Gil, der Musiker, Komponist und erste farbige Kulturminister Brasiliens, aber mit Fernanda Montenegro und ihrer Tochter Fernanda Torres auch zwei der bekanntesten brasilianischen Schauspielerinnen sowie der Filmemacher Carlos Diegues, einer der Mitbegründer des rebellischen Cinema Novo der 1960er-Jahre. Die Verbindung zwischen ihnen ist der Gastgeber André Midani, der so eloquente wie bedächtige Musikproduzent. Sie haben sich viel zu sagen: Über die Entwicklungen in der brasilianischen Musik in den letzten fünf Jahrzehnten, aber auch die politischen und sozialen Veränderungen Brasiliens. Manchmal greift einer von ihnen zur Gitarre und stimmt Lieder an, über die gerade gesprochen wurde.

Der Dokumentarfilm „André Midani - A brief history of the Brazilian music“ von Andrucha Waddington und Mini Kerti basiert auf Midanis 2015 erschienener Autobiographie „Do Vinil ao download“, ein Titel, der die zeitliche Dimension seiner Arbeit umfasst, von der Vinyl-Schallplatte bis zur digitalen Musikverwertung im Internet. Der Bossa Nova, der Ende der 1950er-Jahre die brasilianische Musik schlagartig weltweit bekannt machte, hatte viele künstlerische Urheber, aber Midani war einer ihrer maßgeblichen Produzenten.

Ungewöhnliche Lebensgeschichte und bewegter gesellschaftlicher Hintergrund

Wieso der gebürtige Syrer mit einem arabischen Vater und einer jüdischen Mutter so eine Leidenschaft für die brasilianische Musik entwickelt habe, wird Midani gefragt und es geht den lockeren Gesprächsrunden immer auch um seine ungewöhnliche Lebensgeschichte und ihren bewegten gesellschaftlichen Hintergrund: André Midani wurde am 25. September 1932 in Damaskus geboren. Als er an Polio erkrankte, zog seine Mutter mit ihm nach Frankreich. In der Normandie erlebte er die Landung der Alliierten. Seine Schullaufbahn endete bereits mit 14 Jahren, die Mutter brauchte seine Hilfe in der Bäckerei. Er ging nach Paris und hatte hier seine ersten Jobs in der Plattenindustrie.

1955 kam er zum ersten Mal nach Brasilien und hatte, wie er sagt, vorher noch nie so etwas Schönes gesehen Er fand schnell einen Job bei EMI-Odeon in Rio de Janeiro und, so Midani, seine musikalische und emotionale Familie. 1957 gab es noch keine brasilianische Musik für junge Brasilianer in den Radiokanälen, nur amerikanische, italienische und manchmal französische Musik. Es ist die Geburtsstunde des Bossa Nova und André Midani unterstützt die jungen Musiker. Etwa den schweigsamen João Gilberto mit seinem „Chega de saudade“, Caetano Veloso, Luis Miguel, Maná, Café Tacuba, Jorge Ben Jor, Gilberto Gil, Chico Buarque, Elis Regina und Caetano Jor. Die Musik aus Brasilien wurde weltweit bekannt, Frank Sinatra sang „The Girl from Ipanema“ und Brigitte Bardot „Maria ninguém“.

1964 mit dem Putsch der Militärs zerbricht das Klischee von tropischer Lebensfreude und auch die Musik politisierte sich. Von 1964 bis 1968 lebte Midani in Mexiko und kam in ein verändertes Land mit verhärteten Fronten zurück. 1968 sang Caetano Veloso „Es ist verboten zu verbieten!“ und Midani gründete ein Label für politische Liedermacher. Caetano Veloso und Gilberto Gil gingen ins Exil und mit dem Festival „Phono 73“ zeigte sich, dass die junge brasilianische Musik längst über den Bossa Nova hinausgewachsen war. In den kommenden Jahren unterstützte Midani die neue brasilianische Rockmusik. Er liebe Brasilien, sagt er am Ende des Films mit leichter Melancholie, aber keine Wurzeln zu haben, könne auch traurig machen. So beginnt und endet der Film mit der Frage nach der Identität eines kosmopolitischen Produzenten.

Ein Lebensrückblick beim Essen, Trinken und Musizieren

Es gelingt dem brasilianischen Filmemacher Andrucha Waddington und seiner Kollegin Mini Kerti, das alles fast ausschließlich über persönliche Begegnungen und Gesprächsrunden im Haus Midanis zu vermitteln, beim Essen und Trinken, beim Gitarrenspiel und beim Singen. „Ich mag meine Vergangenheit nicht“, sagt Midani, „ich mag das Hier und Jetzt.“ Aber die Vergangenheit sei schöner, widerspricht ihm ein befreundeter Musikmanager, es bliebe doch immer nur das Schöne.

„Ich bin dickhäutig geworden. Aber das ist nicht mein Verdienst, sondern das Schicksal hat mich so gemacht“, erklärt Midani, und Gilberto Gil nimmt noch einmal die Gitarre und singt sein Lied „Não Tenho Medo da Morte“ – „ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe Angst vor dem Sterben.“ Gestorben ist André Midani nach der Fertigstellung des Films am 14. Juni 2019.

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