Es hätte schlimmer kommen können - Mario Adorf

Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2019 | 103 Minuten

Regie: Dominik Wessely

Seit sechs Jahrzehnten steht Mario Adorf auf der Bühne oder vor der Kamera und hat es vom körperbetonten Schurkendarsteller bis zum seriösen Charakterdarsteller gebracht, der in schönster brechtscher Tradition immer auch ein wenig Abstand zu seinen Figuren hält. Das dokumentarische Porträt reist mit dem inzwischen 88-jährigen Schauspieler durch die Stationen seines Lebens und seiner Karriere, wobei die Erinnerungen und Anekdoten des charmanten Erzählers virtuos mit vielen Ausschnitten aus seinen Filmen verbunden werden. Ein persönliches Porträt, bei dem das Private dennoch eher zweitrangig ist, weil die (Film-)Arbeit im Zentrum steht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Dominik Wessely
Buch
Herbert Schwering · Dominik Wessely
Kamera
Hajo Schomerus
Musik
Maciej Sledziecki
Schnitt
Annette Muff
Länge
103 Minuten
Kinostart
07.11.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarisches Porträt über Leben und Karriere des Schauspielers, der sich vom körperbetonten Schurkendarsteller zum seriösen Charakterdarsteller entwickelt hat.

In Casablanca wird ein Film gedreht, und wie so oft bildet die Medina der Altstadt den Hintergrund für eine Szene. Mario Adorf schlendert über das Set, steigt in die Maske und kommt nach einiger Zeit als täuschend echter Karl Marx wieder heraus. Es ist eine der jüngsten Rollen von Adorf, der für das Doku-Drama Karl Marx – Der deutsche Prophet unter der Regie von Christian Twente vor der Kamera steht; der Verfasser des „Kommunistischen Manifests“ verbrachte 1892 einige Wochen in Algier.

„Es hätte schlimmer kommen können – Mario Adorf“ begleitet den 88-jährigen Mimen durch die Stationen seines Lebens. Regisseur Dominik Wessely zeichnet Leben und Karriere des Schauspielers nach, in dem er Adorfs Erinnerungen virtuos mit Filmausschnitten verbindet. Die Liste der berühmten Regisseure, mit denen Adorf im Laufe seiner langen Karriere zusammengearbeitet hat, ist so lang wie beeindruckend: Robert Siodmak, Wolfgang Staudte, Harald Reinl, Edgar Reitz, Billy Wilder, Volker Schlöndorff, Helmut Dietl, Rainer Werner Fassbinder, Claude Chabrol, Sergio Corbucci, Werner Herzog.

Das Rattern der Nähmaschine

Adorf erzählt von seinen ersten Lebensjahren in Mayen in der Eifel, wo er als uneheliches Kind einer Näherin aufwuchs, was mit einer ganz besonderen „Kindheitsmusik“ verbunden war. Das „Instrument“ schleppen der Produzent Herbert Schwering und Regisseur Wessely persönlich die Treppen zu Adorfs Wohnung hoch: eine „Phoenix Nähmaschine“ mit Fußantrieb, deren ratterndes Geräusch den Jungen in den Schlaf wiegte. Das Geräusch, so Adorf, ersetzte die Märchen zum Einschlafen, denn die Mutter nähte oft die ganze Nacht. Zeitweise musste sie ihn sogar ins katholische Waisenheim geben, weil sie bei Kunden nähen musste.

Adorf erinnert sich aber auch an die Stunden im Luftschutzkeller und seine Zeit bei der Hitlerjugend, die in ihm das bittere Gefühl hinterlassen hat, „missbraucht worden zu sein“. Die Eifel sei seine Heimat, so Adorf, auch wenn er dort keine Freunde und Verwandten mehr habe. Der Rest seines Lebens sei eine lange, lange Gegenwart.

Anschaulich zeichnet der Film Adorfs Weg zum Theater nach, vom Studententheater in Mainz über Aushilfsjobs bis zum Studium an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München, wo er trotz einer komisch-grotesk gescheiterten Aufnahmeprüfung angenommen wurde. Adorf hatte die Ausmaße der Bühne falsch eingeschätzt und war in den Zuschauerraum gestürzt, direkt vor die Prüfungskommission.

Auf Schurkenrollen abonniert

Bis heute ist Adorf ein sehr körperlicher Darsteller geblieben. Seine Stuntszenen spielte er lange selbst, auch wenn er irgendwann keine Rollen mehr annahm, die ausschließlich auf körperliche Gewalt ausgerichtet waren. Ernsthaft, aber auch mit einem Schmunzeln unterhält er mit Anekdoten und Geschichten. Man muss diesen angenehmen älteren Herrn einfach mögen, obwohl er so viele finstere Rollen gespielt hat, etwa den Schurken Santer in Harald Reinls „Winnetou“-Verfilmung. Für viele ist er bis heute der Mörder von Winnetous Schwester geblieben. Doch nicht nur im Genrefilm hat Adorf den Bösewicht gegeben, sondern auch im deutschen Autorenfilm, in Fassbinders „Lola“ den korrupten Bauunternehmer Schuckert oder in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ den Kommissar Beizmenne.

Manche Rollen sieht Adorf heute mit Distanz, etwa die des Santer, der durch und durch böse sei. Deswegen habe er sich auch nie mit einer Rolle identifiziert. Adorf hält sich generell eher an Brecht. Er gehe nicht in den Figuren auf, sondern stehe eher daneben und erkläre dem Zuschauer die Rolle. In seiner geduldig-ruhigen Art ist er das extreme Gegenteil eines anderen Filmbösewichts des bundesdeutschen Genre- und Autorenfilms, des Cholerikers Klaus Kinski, der international ebenfalls reüssierte.

Eine Revue seines Lebens

„Es hätte schlimmer kommen können“ ist ein sehr persönliches Porträt, bei dem das Private dennoch zweitrangig ist. Adorf spricht über seine Mutter und auch über seine Ehefrau Monique, doch im Zentrum steht seine Arbeit, etwa seine jüngste Tournee „Zugabe“, eine Art Revue über sein Leben, unter anderem mit Liedern von Georg Kreisler. Wen wundert es, dass die unterhaltsame Reise durch 60 Jahre Film- und Theater- und Lebensgeschichte den Schauspieler auch im Autobiografischen als charmant-disziplinierten Darsteller präsentiert.

Kommentar verfassen

Kommentieren