Marianne & Leonard: Words of Love

Dokumentarfilm | USA 2019 | 102 Minuten

Regie: Nick Broomfield

Dokumentarfilm über den kanadischen Musiker, Schriftsteller und Künstler Leonard Cohen (1934-2016) und seine Liebhaberin und Muse Marianne Ihlen (1935-2016), die bis zu ihrem Tod eine Liebesaffäre führten. Große Teile der Beziehung werden mit Foto- und Videoaufnahmen von der gemeinsamen Zeit Anfang der 1960er-Jahre auf der griechischen Insel Hydra erzählt. Nachdem diese zu Ende gegangen ist, widmet sich der streckenweise durchaus kurzweilige Film sukzessive der Musikkarriere Cohens, verliert dabei aber seine Protagonistin weitgehend aus den Augen und lässt ihren Status als Muse unhinterfragt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MARIANNE & LEONARD: WORDS OF LOVE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Nick Broomfield
Buch
Nick Broomfield
Kamera
Barney Broomfield
Musik
Nick Laird-Clowes
Schnitt
Marc Hoeferlin
Länge
102 Minuten
Kinostart
07.11.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation
Diskussion

Dokumentarfilm über den kanadischen Musiker, Schriftsteller und Künstler Leonard Cohen (1934-2016) und seine Liebhaberin und Muse Marianne Ihlen (1935-2016), die über viele Jahre eine Liebesaffäre führten.

Jemand einen Popsong zu widmen, bedeutet, ihm einen Teil der Liebe und der Inspiration zurückzugeben, die dieser Mensch mit einem teilte. Leonard Cohen schrieb bereits auf seinem ersten Album einen Song für seine Liebhaberin und Muse Marianne Ihlen. „So Long, Marianne“ wurde einer der berühmtesten Songs des kanadischen Sängers. Mit ungewissem Blick in die Zukunft, zwischen Liebe und Schmerz, zwischen Nähe und Distanz beschreibt Cohen hier sein Verhältnis zu Ihlen, die er 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennenlernte.

Auf dem paradiesischen Eiland im Ägäischen Meer beginnt auch Nick Broomfields „Marianne & Leonard: Words of Love“. In den 1960er-Jahren war Hydra eine Enklave für Beatniks, Künstler und Gestrandete aus aller Welt. Kurze Farbfilm-Schnipsel und Schwarz-weiß-Fotografien zeigen die junge Norwegerin Marianne, ihren Sohn Axel und Leonard in glücklicher Dreisamkeit. Die Geschichte dazu erzählen sie selbst und ihre Zeitgenossen aus dem Off: Sex unter freiem Himmel, Acid- und Speedrausch mit anschließendem Bad im Meer, endlose Sonnenstunden allein mit der Schreibmaschine, mehr Sex, mehr Drogen und der unvermeidliche Kater nach dem Rausch.

Der Musiker überstrahlt die Muse

Die zwei Perspektiven, die der Titel verspricht, löst Broomfield nur bis zu eben diesem Kater ein. Kaum ist der Rausch der jungen Liebe verflogen, überstrahlt Cohens Musikkarriere das Nicht-Künstlerleben, das Marianne Ihlen führt. Über ihre Rolle als Muse, die für sie nach der anfänglichen Zeit auf Hydra zunehmend undankbarer wird, kommt Marianne nie hinaus. Cohen lässt sie und ihren Sohn auf der Insel zurück und erfindet sich in den Vereinigten Staaten neu – als Musiker. Es ist das Los der Muse, dies hinzunehmen. Marianne hat keinen Anspruch auf Leonard.

Überhaupt, so behauptet es zumindest eine andere Zeitgenossin Cohens, habe keine Frau Anspruch darauf, ihre Interessen gegenüber einem großen Künstler unserer Zeit geltend zu machen. Broomfield scheint diese Meinung zumindest grundlegend zu teilen. Denn obwohl der Titel etwas anderes suggeriert, ist „Marianne & Leonard“ auf den Musiker, den Star, die Larger-than-Life-Persönlichkeit und nicht auf die Muse zugeschnitten. Nachdem Cohen Hydra verlassen hat, um seine Musikkarriere zu beginnen, verliert auch der Film die Muse für einen Großteil der Laufzeit aus den Augen. Die 1968er betreten die Bühne. Mit ihnen etablieren sich Cohens sonorer Bass, sein schwarzes Outfit und seine düster-melancholischen Songzeilen. Andere Zeitgenossen erzählen nun die Geschichte des Musikers, die das Momentum der 68er-Bewegung auf ganz eigene Weise in sich aufnimmt.

Kurzweilig als Künstlerbiografie

Auch für den Film bedeutet das einen Tempowechsel. Die zahlreichen Fotos und wenigen, oft wiederholten Videoaufnahmen werden sukzessive von üppigem Archivmaterial und Interviews ersetzt. Aus dem Schriftsteller wird der Rockstar. Als Künstlerbiografie ist „Marianne & Leonard“ in dieser Phase durchaus kurzweilig. Broomfield, der in diesem thematischen Subgenre des Dokumentarfilms mit Kurt & Courtney, „Biggie and Tupac“ und Whitney - Can I Be Me Erfahrung gesammelt hat wie kaum ein anderer Regisseur, zieht routiniert einen roten Faden durch die Musikkarriere Cohens – auf Kosten seiner erklärten Protagonistin.

Marianne ist nur noch eine vergessene Erinnerung, während ihr Platz als Muse im Laufe von Cohens Karriere von hunderten junger Frauen neu besetzt wird. Während Cohens Besuchszeiten auf Hydra von mehreren Monaten im Jahr auf einige Wochen und schließlich wenige Tage zusammenschrumpfen, nimmt auch der Film Marianne nur noch als eine tragische Figur aus der Vergangenheit war. Ihr Leid wird nicht ausgespart, nur regelmäßig hinter den Höhen und Tiefen von Cohens Leben einsortiert.

„Marianne & Leonard“ bringt die Liebesgeschichte nie in Einklang mit der dramaturgischen Struktur der Musikerbiografie, in die sich der Film sukzessive wandelt. Auf den ersten Blick bildet das zwar exakt den Beziehungsverlauf zwischen Marianne und Leonard ab, doch mit dem Ungleichgewicht Richtung Künstler verliert der Film eben auch die Perspektive, die ihn interessant macht. Am Ende muss die Muse, wie in dem Song, der ihr gewidmet ist, mit ihrem Namen herhalten – eine Ehre, aber eben eine zweifelhafte. 

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