Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2019 | 122 Minuten

Regie: Marcus Vetter

Dokumentarfilm über das Weltwirtschaftsforum in Davos, auf dem sich im Januar jeden Jahres Topmanager und Spitzenpolitiker aus aller Welt treffen, um hinter verschlossenen Türen über ökonomische Fragen und andere Herausforderungen zu diskutieren. Die Beobachtungen kreisen um die Vorbereitungen für das Treffen 2019, die Spannungen zwischen dem Glauben an den offenen Austausch versus den um sich greifenden Populismus sowie auch um grundsätzliche Einwände gegen das Treffen. Am spannendsten sind Beobachtungen rund um die Kunst der Kommunikation. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DAS FORUM
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Marcus Vetter
Buch
Marcus Vetter · Christian Beetz · David Bernet
Kamera
Georg Zengerling · Thomas Eirich-Schneider
Musik
Marcel Vaid
Schnitt
Marcus Vetter · Ana Rocha Fernandes · Michele Gentile
Länge
122 Minuten
Kinostart
06.11.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Spannender Blick hinter die Kulissen des Weltwirtschaftsforums in Davos, wo sich im Januar jeden Jahres Topmanager und Spitzenpolitiker über die Weltkonjunktur austauschen.

Diskussion

Jahr für Jahr findet im Winter in Davos vor der verschneiten Kulisse der Schweizer Alpen das Internationale Weltwirtschaftsforum statt. Hinter verschlossenen Türen diskutieren Politiker mit Vertretern der Wirtschaft und von Nichtregierungsorganisationen über Fragen der Gegenwart. Das Weltwirtschaftsforum bietet eine Gelegenheit zum Austausch, ohne dass das Gesprochene unmittelbar publik wird; nur die öffentlichen Debatten und Pressekonferenzen werden seit einiger Zeit gestreamt. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab, der Leiter der Veranstaltung, erstmals gestattet hat, dass der Dokumentarist Marcus Vetter hinter verschlossenen Türen drehen durfte.

Ein enormer Kontrast

Im Zentrum von „Das Forum“ stehen Gespräche mit Schwab und einigen seiner Mitarbeiter, die sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren erstrecken. Der Film spannt einen Bogen von den Vorbereitungen des Treffens im Jahr 2018 bis zu der Veranstaltung im Jahr 2019. Der Kontrast zwischen den beiden Treffen könnte nicht größer sein. 2018 stand ganz im Zeichen der eitlen Selbstinszenierung von Donald Trump, Emmanuel Macron und einer Vielzahl von Spitzenpolitikern; 2019 hingegen ist von den Anstrengungen geprägt, das Veranstaltungsformat nicht unter der Vielzahl an politischen Belastungen gänzlich zerbrechen zu lassen.

Schwab gründete den Vorgänger des Weltwirtschaftsforums 1971 zunächst als rein europäische Veranstaltung, bevor er sie Ende der 1980er-Jahre zu einer globalen Plattform weitete. Getragen wird das Treffen von einer Stiftung mit 800 Mitarbeitern und 1000 Mitgliedsfirmen. Schwab plädiert unverdrossen dafür, auch mit umstrittenen Politikern auf nicht-konfrontative Weise das Gespräch zu suchen. Zu welchen Eiertänzen das führen kann, zeigt ein Gespräch mit der Regierungschefin von Myanmar, Aung San Suu Kyi, auf dem Höhepunkt des Völkermords an den Rohingya. Aung San Suu Kyi wird zwar zu den Vorgängen und dem Verhalten des Militärs befragt, doch ihre Äußerungen bleiben unwidersprochen. Auf die Einladung zum Weltwirtschaftsforum reagiert sie skeptisch: „Das ist sehr weit weg.“, „Da ist es kalt.“ Einig sind sich Schwab und Aung San Suu Kyi bei der Skepsis gegenüber den allgegenwärtigen Klimaanlagen. Diese Gespräche sind denn auch eher öffentliche Diplomatie als offene Diskussion. Klimatisierte Gespräche.

Der Zwang des besseren Arguments

Dieses Spannungsfeld steht im Zentrum von „Das Forum“: Schwab, der an die Kraft des Austausches glaubt, auf der einen Seite, die immer erkennbareren Grenzen dieses Ansatzes angesichts der politischen Schockstarre vor dem Klimawandel auf der anderen. Dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) stehen wirtschaftliche und politische Interessen entgegen, die eine einfache Lösung verunmöglichen.

Die Inszenierung unternimmt einiges, um die Grenzen der Treffen sichtbar werden zu lassen. Wiederholt greift der Film die Skepsis der Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan auf, begleitet sie auf dem Podium mit Wirtschaftsvertretern und hört sie in Gesprächen vor und nach dem Treffen ihr Unbehagen über das Gruppendenken der Teilnehmenden äußern. Dennoch ist „Das Forum“ in erster Linie ein sehr wohlwollender Blick auf das Imperium der Treffen, das Schwab und die Stiftung organisieren.

Neben dem Weltwirtschaftsforum findet eine Reihe von regionalen oder thematischen Treffen statt. Überdies treibt die Stiftung konkrete Projekte voran, etwa den Pilotversuch, in Ruanda Medikamente via Drohnen zuzustellen.

Wenn die Klimaanlage versagt

Das Glück spielt dem Filmemacher während des Weltwirtschaftsforums 2019 zwei zentrale Momente in die Hände: der beharrliche Verweis des Historikers Rutger Bregman, dass es doch absurd sei, wie wenig über Steuerungerechtigkeit und Steuervermeidung gesprochen werde, sowie die Weigerung von Greta Thunberg, sich in den Gesprächszirkus des Forums einspannen zu lassen. Für zwei kurze Momente versagt die Klimaanlage.

„Das Forum“ gewährt einen interessanten Einblick in die Arbeit des Weltwirtschaftsforums, in die Logistik hinter dem Treffen und die Art, wie dort miteinander gesprochen wird. Der Film zeigt Schwab als aufgeschlossenen Mittler. Die konventionellen Kadrierungen der Bilder, die sich fast durchweg in mittleren Einstellungen bewegen, die Namenseinblendungen und die ungebrochene Nähe vieler Bilder zum Nachrichtenalltag rücken den Film bisweilen aber in die Nähe einer Fernsehdokumentationen.

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