Literaturverfilmung | USA 2019 | 107 Minuten

Regie: Wash Westmoreland

Eine Adaption des gleichnamigen Romans von Susanna Jones um eine junge Schwedin, die in den 1980er Jahren in Tokio lebt und in eine obsessive Dreiecksbeziehung und schließlich in einen Mord verwickelt wird. Von der Rahmenhandlung aus, die zeigt, wie die Frau von der Polizei wegen Mordverdachts an einer Freundin verhört wird, entfaltet sich in Rückblenden die Geschichte der leidenschaftlichen Romanze mit einem japanischen Fotografen, in der bald Eifersucht aufklimmt, als auch die amerikanische Freundin der jungen Frau Interesse an dem Mann signalisiert. Der Film bleibt zwar von der Handlung her etwas dünn und vorhersehbar, besticht aber durch seine stilbewusste Bildsprache und fesselnde DarstellerInnen.

Filmdaten

Originaltitel
EARTHQUAKE BIRD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Wash Westmoreland
Buch
Wash Westmoreland
Kamera
Chung-hoon Chung
Musik
Atticus Ross · Leopold Ross
Schnitt
Jonathan Alberts
Darsteller
Alicia Vikander (Lucy Fly) · Naoki Kobayashi (Teiji) · Riley Keough (Lily Bridges) · Kiki Sukezane (Natsuko) · Jack Huston (Bob)
Länge
107 Minuten
Kinostart
-
Genre
Literaturverfilmung | Thriller

Diskussion

Mit hochgeschlossenem Hemd und streng zum Dutt gebundenem Haar will Lucy in der Menschenmenge der Tokioer U-Bahn möglichst nicht auffallen. Das ist das Lebensprinzip der grauen, unscheinbaren Maus, die am liebsten mit älteren Damen Cello spielt. Alicia Vikander verkörpert sie, mit aufrechtem Rücken und dunklen Reh-Augen, eine zurückhaltende Performance des jungen Shooting-Stars, der kürzlich in „Tomb Raider“ volle Action geliefert hat.

Dass die Camouflage auffliegt, weil Lucy unverkennbar Europäerin ist, macht sie durch fließende Japanischkenntnisse wieder wett, was in vollem Umfang bewundert werden sollte – Vikander ließ es sich nicht nehmen, selbst japanisch zu sprechen. Lucy arbeitet bei einer Untertitelungsfirma, gerade übersetzt sie den Hollywoodfilm „Eine verhängnisvolle Affäre“ – es sind die 1980er-Jahre; Michael Douglas sieht man mit umwerfender Haartolle auf dem Monitor.

Der „Gender Trouble“ der 1980er-Jahre

Die leicht hysterische Grundstimmung, die in den 1980ern in der Folge der Emanzipationsbewegung zwischen den Geschlechtern lag, begleitet Wash Westmorelands Mystery-Thriller. Westmoreland hatte zuvor mit „Still Alice“ und „Colette“ zwei äußerst erfolgreiche Frauenporträts geschaffen; für seinen neuen, von Netflix vertriebenen Film, verzichtet er auf die große Leinwand-Aufmerksamkeit.
Die Handlung des zugrunde liegenden gleichnamigen Romans von Susanna Jones in das Tokio der achtziger Jahre zu verlegen, könnte eine Entscheidung von Produzent Ridley Scott gewesen sein, der hier 1989 seinen Actionthriller „Black Rain“ realisierte, ebenfalls mit Michael Douglas. Dort ging es um das Aufeinandertreffen der Kulturen, der westlichen und der japanischen, genau wie in „Wo die Erde bebt“. Und während Lucy Fly sich als „Expat“ möglichst an die östliche Kultur anpasst, ist den Japanern der Unterschied von „Ketchup“ und „Soja“ wichtig. Die „Ketchups“, das sind die Asiaten mit westlichem Aussehen, „Soja“ beschreibt den asiatischen Typus, erklärt die japanische Kollegin.

Eine Dreiecksbeziehung, die sich fatal entwickelt

Eines Tages lernt Lucy einen auffällig großen Japaner kennen. Er fotografiert sie in der Straße, Lucy fühlt sich zu ihm hingezogen, lässt sich von ihm porträtieren. „Er ist der erste, der mich sieht, wie ich wirklich bin“, sagt sie zu ihrer Kollegin, und da ist sie dem Abgrund schon gefährlich nahe gekommen. Die Seele werde einem geraubt, weiß Lucy, wenn man sich ablichten lässt, zumindest sollen das die Japaner früher geglaubt haben. Teiji (Naoki Kobayashi) macht ununterbrochen Fotos von ihr.
Als das extrovertierte All-American-Girl Lily Bridges (gespielt von der Presley-Enkelin Riley Keough) noch dazukommt, der Lucy die japanische Kultur nahebringen soll, beginnt die Affäre verhängnisvoll zu werden. In der sich anbahnenden Dreiecksbeziehung geschehen merkwürdige Dinge; Lucy wird eifersüchtig, und eines Tages ist Lily einfach verschwunden. Auf Lucy liegt nun ein Mordverdacht. Und sie trägt in der Tat ein dunkles Geheimnis mit sich, das den Mystery-Thriller nährt.

Mehr als die Story tragen die Bilder den Film

Das klassische Beziehungsdreieck, dem ein Drama entwächst: die Handlung ist einfach und ambitionslos konstruiert, und der Score raunt bisweilen etwas zu unheil- und bedeutungsvoll, um Thriller-Stimmung herzustellen. Das Geheimnis um den Fotografen, unter dessen Auslöser die Frauen zunehmend stumpf und fahl erscheinen, ist leicht durchschaubar, und die Auflösung aller Rätsel am Ende leider eine herbe Enttäuschung.

Mehr als die Story tragen jedoch die Bilder des südkoreanischen Suspense-Kameramanns Chung Chung-hoon („Die Taschendiebin“, „Es“), der in die poppigen Diskotheken der Megalopole eintaucht und sie in glänzendem 1980er-„Cinéma-du-Look“-Stil filmt. Auch der Sog der Beziehungen bleibt dank des hochkarätigen Ensembles eindrucksvoll spürbar. Alicia Vikander entfaltet eine jungfräulich-introvertierte Aura, die ihr erschreckend gut steht; ihre Lucy drängt es unwillkürlich zu ihrem Gegenpol, der ordinären, aber freien Lily, von Riley Keough mit großer Lust performt. Am Ende kann Lucy nach den Erschütterungen ihrer Seele wieder singen: Sie ist der Erdbebenvogel.

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