Mon frère - Mein Bruder

Drama | Frankreich 2019 | 96 Minuten

Regie: Julien Abraham

Ein französisches Drama um einen jungen Mann, der des Mordes an seinem gewalttätigen Vater beschuldigt wird und in einer Einrichtung für straffällige Jugendliche landet. Auch dort findet er sich in einer Welt wieder, in der soziale Hackordnungen und Gewalt die Beziehungen prägen. Der Film durchleuchtet über weite Strecken intensiv und hellsichtig männlich geprägte und weitertradierte Gewaltstrukturen und wartet mit einem fesselnden Hauptdarsteller auf. Dass sich der Film im letzten Drittel in konventionellere Genre-Fahrwasser begibt, schwächt seine Wirkung etwas ab. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MON FRÈRE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Julien Abraham
Buch
Julien Abraham · Almamy Kanouté · Jimmy Laporal-Trésor
Kamera
Julien Meurice
Musik
Quentin Sirjacq
Schnitt
Riwanon Le Beller · Scott Stevenson
Darsteller
MHD (Teddy) · Darren Muselet (Enzo) · Aïssa Maïga (Claude) · Jalil Lespert (Igor) · Youssouf Gueye (Andy)
Länge
96 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Ein französisches Sozialdrama um einen schwarzen Jungen aus bürgerlichen Familienverhältnissen, der durch die Einweisung in eine Erziehungsanstalt in neue Gewaltstrukturen gerät.

Diskussion

Im Inneren eines Polizeiwagens fällt der Blick eines Häftlings auf die Waffe des Beamten. Sein Gesicht ist von tiefer Hoffnungslosigkeit gezeichnet; die Kamera zeigt in nahen Einstellungen die Handschellen an seinem schwarzen Körper. Es entsteht ein Szenario, das bewusst Stereotype gesellschaftlicher Gewaltstrukturen wachruft. Der französische Regisseur Julian Abraham greift solche Erwartungen der Zuschauer auf, um den Blick von der sozialen Gewalt zurück auf die Familien zu lenken. Wie schon in seiner Komödie „Made in China“ nutzt er allgemein bekannte Klischeevorstellungen als Ausgangspunkt für überraschende Einblicke in soziale Milieus, über die man alles zu wissen glaubt. In dem Drama „Mon Frère - Mein Bruder“ nimmt er auf diese Weise straffällig gewordene Jugendliche in den Blick, die in eine geschlossene Erziehungsanstalt eingewiesen werden, wo sie resozialisiert werden sollen.

Der Protagonist Teddy (äußerst subtil gespielt von dem französischen Rapper MHD) wird mit dem Streifenwagen zum Haftrichter transportiert, da er ein Verbrechen begangen hat, das sich den Zuschauern erst nach und nach in Rückblenden erschließt. Die Einweisung in die geschlossene Einrichtung macht ihm vor allem deswegen Angst, weil er dadurch den Kontakt zu seinem kleinen Bruder verliert, um den er zutiefst besorgt ist. Der Bruder gerät in die Obhut der Großmutter, die von der zuständigen Psychologin als Gefährdung eingeschätzt wird, was aber erst bewiesen werden muss. Teddys Mutter ist schon vor einer Weile vor ihrem gewalttätigen Mann an einen unbekannten Ort geflohen und hat ihre beiden Söhne zurückgelassen.

Aus diesem problematischen Umfeld gerät der Jugendliche nun in eine Erziehungsanstalt, die nicht weniger von Gewalt geprägt ist. Das betrifft nicht nur die delinquenten Insassen, sondern auch die disziplinarischen Maßnahmen der Betreuer und Sozialarbeiter.

Wiederholungsstrukturen

Als Teddy in der Einrichtung eintrifft, sinkt seine Hoffnung immer weiter. Die anderen Jungen haben ihre Aggressionen kaum im Griff; jedes Aufeinandertreffen endet in maximaler Eskalation. Outfits aus Jogginghosen und weißen Unterhemden wenden die Deklassierung um in männliches Imponiergehabe. In ständiger Anspannung wartet jeder nur auf einen Anlass, um seine Wut nach außen zu tragen und sich an den Betreuern abzuarbeiten. Die Bewacher versuchen rigoros Grenzen zu setzen und greifen dabei auf vertraute Maßnahmen zurück: Keine Kopfbedeckung beim Essen, in Reih und Glied aufstellen, auf Kommando Folge leisten. Begründet werden solche Disziplinarformen damit, dass die Jugendlichen angeblich keine andere Sprache verständen. Wenig subtil werden dadurch aber erneut autoritäre Vaterfiguren produziert.

Mit Teddy kommt Bewegung in diese Dynamik. Aufgrund seiner Hautfarbe reagieren beide Seiten, Häftlinge wie Angestellte, mit Vorurteilen. Die Betreuer durchsuchen seine Sachen auf verbotene Substanzen und vermuten in ihm einen klassischen Dealer; die Mitinsassen versuchen, durch rassistische Beleidigungen auszutesten, ob sich Teddy als Opfer oder als Verbündeter eignet.

Doch beide Seiten laufen gleichermaßen ins Leere. In subtilen Details zeigt sich bei dem Neuling ein anderer Habitus. Teddy stand vor seiner Inhaftierung kurz vor dem Abitur; er ist ebenso sensibel wie klug; mit seiner zurückgenommenen Art stößt er sein Umfeld jedoch vor den Kopf. Denn die Tat, für die er einsitzt, lässt sich nur schwer mit seinem Habitus vereinbaren. Vor allem ein hyperaggressiver Junge namens Enzo fühlt sich durch Teddys Introvertiertheit extrem provoziert. Er startet einen regelrechten Feldzug der Schikanen gegen ihn.

Erinnerungen an das Trauma

Die Kamera stellt sich immer wieder hinter Teddy und führt auf diese Weise in ein Milieu ein, das ihm genauso fremd anmutet wie den Zuschauern. Die Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Herkunftsgeschichten wirken dabei in ihrem Zusammenspiel auf bedrückende Weise authentisch. Mit ebenso viel Dynamik wie Genauigkeit zeichnet Regisseur Julien Abraham ein Bild männlicher Gewalt in ihren vielfältigen Formen.

Auffällig ist, wie sich bestimmte Gesten und Formulierungen der Erwachsenen auf die jungen Männer übertragen. „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“, ist ein Satz, den Teddy noch von seinem Vater kennt, kurz bevor dieser zuschlug. Auch die Betreuer brüllen diese Worte den Insassen entgegen. „Mon Frère – Mein Bruder“ will genau dieses Zusammenspiel von Gewalt in den Blick nehmen, um für andere pädagogische Lösungen zu plädieren. So setzt er, ähnlich wie in Nora Fingscheidts „Systemsprenger“, den Institutionen psychoanalytisch informierte Sozialarbeiter entgegen, die versuchen, die Jungen von ihrem Trauma her zu verstehen.

Eine von ihnen ist ausgebildete Boxerin und versucht im Ring über Formen des szenischen Erinnerns an die verdrängten Gewalterfahrungen heranzukommen. Teddy wird immer wieder von Flashbacks heimgesucht und hat zunächst Schwierigkeiten zu realisieren, was sein Vater ihm angetan hat. Über die Geschichten der anderen Jungen beginnt er zu verstehen, dass ihn trotz seines bürgerlichen Hintergrundes etwas mit ihnen verbindet.

Wandel zum Road Movie

„Mon Frère - Mein Bruder“ ist ein durchweg packender und erschütternder Film, der mit sehr viel Ernsthaftigkeit das Thema häuslicher Gewalt beleuchtet und diese auch explizit zeigt. Durch das intensive und glaubwürdige Zusammenspiel aller Darsteller entsteht eine Spannung, die sich auch über längere Szenen in der Erziehungsanstalt hält. Umso verwunderlicher ist es, als der Film gegen Ende dann doch die üblichen „Plot Points“ der Fernsehformate aufgreift und im letzten Drittel zu einem unglaubwürdigen Road Movie wird. Dies soll wohl einiges der Schwere auflockern, die durch die Wahl des Sujets gesetzt wurde. Es nimmt dem Film jedoch unnötiger Weise seine Ernsthaftigkeit, deren Anspruch zum Schluss sogar mit einem Zitat aus dem französischen Kinderschutzgesetz untermauert wird.

Auch die Entwicklung der Freundschaft zwischen Teddy und dem zunächst feindseligen Enzo wird zu schnell erzählt, um die beiden auf eine gemeinsame Reise schicken zu können. Im Gegensatz zu vielen anderen Szenen zuvor wirkt der Trip psychologisch nicht schlüssig. Auch bei der Auflösung des Traumas setzt die Inszenierung zu sehr auf einfache visuelle Strategien, die den hervorragenden Darstellern nicht gerecht werden. Denn MHD, der im bürgerlichen Leben Mohamed Sylla heißt, spielt so nuanciert, dass man ihn gar nicht brüllend am Boden liegen sehen muss – seinen Schmerz spürt man in jedem stillen Seitenblick.

Auch der Erzählstrang um Teddys Großmutter, der der Film eine Weile folgt, gerät durch den Wechsel des Genres in den Hintergrund. Statt des unvermittelten Road-Movie-Teils hätte eine Einlassung auf den weiblichen Anteil an der Gewalt die Familiendynamik vielschichtiger gemacht.

Trotz durchgehender Spannung bleibt „Mon Frère - Mein Bruder“ in einer merkwürdigen Unentschiedenheit zwischen sozialkritischem Anspruch und fernsehhafter Weichzeichnung hängen, die viel von seinem Potenzial verschenkt.

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