Als ich mal groß war

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 85 Minuten

Regie: Philipp Fleischmann

Zwei Jungen malen sich die Zukunft aus, die aus ihrer noch kindlichen Perspektive wie ein großes, funkensprühendes Abenteuer erscheint. Selbst die Sandkastenliebe ist als zukünftige Ehefrau fest eingeplant, mitsamt ihrer palastartigen Vorstellung eines Zuhauses. Der halbdokumentarische Film sieht und hört den drei Freunden Lucas, Marius und Renée dabei zu, wie sie ihren Alltag und ihre Visionen teilen, bis aus den Kindern Jugendliche geworden sind. Während dieser Jahre veranschaulichen Spielfilmsequenzen ihre Zukunftsentwürfe. So reibt sich Realität an Fiktion, wobei sich Perspektiven und Träume im Laufe der Jahre deutlich verschieben. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Philipp Fleischmann · Lilly Engel
Buch
Philipp Fleischmann · Lilly Engel
Kamera
Peter Nix
Schnitt
Lilly Engel · Philipp Fleischmann · David Gruschka
Darsteller
Constantin von Jascheroff (Lucas, erwachsen) · Isabell Polak (Renée, erwachsen) · Sebastian Schwarz (Marius, erwachsen)
Länge
85 Minuten
Kinostart
28.11.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Drama
Diskussion

Halbdokumentarischer Film über zwei Jungs und ein Mädchen, die sich über mehrere Jahre hinweg ihre Zukunft ausmalen, die dann von professionellen Darstellern in Szene gesetzt wird.

„Keiner kann etwas über die Zukunft sagen!“, stellt der elfjährige Lucas gleich zu Beginn von „Als ich mal groß war“ fest. Dennoch hat er klare Vorstellungen davon, wie sein ideales Leben später auszusehen hat. Mit seinem besten Freund, dem etwas älteren Marius, will er als Feuerwehrmann Heldentaten vollbringen, und um die Hand seiner Kindheitsliebe Renée wird er im Riesenrad anhalten. Träumen ist jetzt schon möglich, und auch für den Heiratsantrag in 20 Jahren lässt sich ebenfalls jetzt schon üben.

In dem von Philipp Fleischmann und Lilly Engel inszenierten Film mischen sich auch Spielfilmszenen unter die dokumentarischen Aufnahmen von Lucas und seinen Freunden, wobei die Zukunftsentwürfe der Kinder als Drehbuch dienen. Professionelle Schauspieler (Constantin von Jascheroff, Sebastian Schwarz und Isabell Polak) unterziehen die Fantasien der Jungen einer Art filmischem Reality-Check. Wo im Kindesalter das Riesenrad als Gipfel der Romantik imaginiert wird, fahren beim Thirty-Something die pragmatischen Kommentare der Geliebten in die Parade. Auf ähnliche Weise kann aus Renées geplantem Blumen- und Modedesign-Laden zwei Jahrzehnte später leicht eine Anwaltskarriere werden. Und eine coole Kaugummi-Mauer verändert sich in eine eklige Sauerei. Wie das Leben eben so spielt!

Die Fiktion eilt der Realität voraus

Von Anfang an eilt in „Als ich mal groß war“ die Fiktion der Realität voraus und verleiht dieser Gestalt. Spannend wird es aber erst, als das hinterherhinkende wahre Leben sich in eine ganz andere Richtung als der filmische Zukunftsentwurf entwickelt. Wird aus Lucas und Renée überhaupt ein Paar? Bleiben sie stattdessen vielleicht nur gute Freunde? Oder leben sich der Junge aus Berlin und das Mädchen aus Stuttgart sogar auseinander? Als sie sich einige Jahre nach Beginn der Dreharbeiten als Teenager wiedersehen, finden sie zunächst keine Worte füreinander – zu viel Zeit ist seit dem letzten Treffen vergangen.

Auch am unzertrennlichen Duo Lucas und Marius nagt der Zahn der Zeit. Während sich der Jüngere von dem gemeinsamen Hobby Jugendfeuerwehr abgewendet hat, ist der Ältere bald halberwachsen und stellt sich auf die Zeit nach der Schule ein. Ihr Wiedersehen, ungefähr fünf Jahre nach den ersten Aufnahmen, ist dem Filmprojekt geschuldet. Hätten sie sich sonst ganz aus den Augen verloren?

Den Impuls zu dieser Verknüpfung von Dokumentation und dem fiktionalen Weiterspinnen des wirklichen Lebens lieferte ein Gespräch der Regisseure mit einem Taxifahrer. Genervt von entweder zu deprimierenden oder zu seichten deutschen Filmen verlangte der Fahrer nach echten Geschichten, spannend und unterhaltsam inszeniert wie Spielfilme.

Kinder lieben konservative Rollenmuster

„Als ich mal groß war“ präsentiert sich als ein interessantes Experiment, das den Bund zwischen Realität und Unterhaltung mit Anspruch wagt. Die drei Protagonisten schließt man mit ihrer kindlichen Direktheit und Ideenvielfalt schnell ins Herz. Wenig überraschend ist allerdings, was erzählt und erträumt wird: Jungs, die Feuerwehrmänner und Haupternährer einer Familie werden möchten, und Mädchen, die beruflich gerne schöne Blumen und Kleider arrangieren würden, sind alles andere als ungewöhnlich.

Wie konservative Rollenmuster schon in den Köpfen der Kinder verankert sind, mag einerseits normal, andererseits aber durchaus erschreckend erscheinen. Zwar differenzieren sich die Sichtweisen mit zunehmendem Alter aus, sodass in den fiktionalen Filmszenen die Frau an der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens mitwirkt, während die Männer auf dem Sofa abhängen. Doch klischeebefreit und visionär sind auch diese Szenen nicht.

Zudem wirken die Spielfilmstücke gerade durch die unmittelbare Nachbarschaft der dokumentarischen Aufnahmen oft eindimensionaler als die vergleichsweise facettenreichere, unvorhersehbare und deshalb spannendere Realität. So schwankt „Als ich mal groß war“ auf den Planken von Poesie und Banalität und mag sich nicht so recht für das eine oder das andere entscheiden. Was würde wohl der Taxifahrer dazu sagen?

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