Die glitzernden Garnelen

Komödie | Frankreich 2019 | 103 Minuten

Regie: Maxime Govare

Ein Weltklasseschwimmer übernimmt nach einem homophoben Ausfall in der Öffentlichkeit das Training eines schwulen Wasserballteams. Was zunächst als Sportkomödie beginnt, entwickelt sich über weite Strecken zum Road Movie, dessen Konflikt- und Humorpotential weniger aus der Reibung zwischen Homo- und Heterosexualität entsteht als vielmehr aus der Dynamik innerhalb der Gruppe. Zwar wird die Dramaturgie mitunter ausgebremst, doch gerade der selbstbewusste Umgang mit der sexuellen Identität erweist sich als Motor eines ebenso respektlosen wie energiegeladenen Humors. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LES CREVETTES PAILLETÉES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Maxime Govare · Cédric Le Gallo
Buch
Maxime Govare · Cédric Le Gallo
Kamera
Jérôme Alméras
Musik
Thomas Couzinier · Frédéric Kooshmanian
Schnitt
Samuel Danési
Darsteller
Nicolas Gob (Matthias Le Goff) · Alban Lenoir (Jean) · Michaël Abiteboul (Cédric) · David Baïot (Alex) · Romain Lancry (Damien)
Länge
103 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Komödie | Road Movie | Sportfilm

Diskussion

Das Training der Wasserballmannschaft findet nur zur Hälfte im Wasser statt. Nachdem die Schwimmer ihre Pflicht im Becken hinter sich gebracht haben, folgt die eigentliche Kür am Beckenrand: eine Tanzchoreografie zu Bonnie Tylers Song „Holding Out for a Hero“. Sie soll das Team der „Glitzernden Garnelen“ bei den diesjährigen Gay Games unsterblich machen.

Die Tanzeinlage verdeutlicht, dass die klassische Sportkomödie, die der Plot bis dahin andeutet, eher zweitrangig ist. Die „Garnelen“ haben außerhalb des Beckens schlichtweg mehr zu bieten als im Wasser. Trotzdem müssen sie sich erstmal qualifizieren, um ihre Tanzeinlage vor der schwulen Wassersportwelt präsentieren zu können.

Die Dynamik eines buntgemischten Teams

Ihr neuer Trainer Matthias Le Goff (Nicolas Gob) ist daran zunächst eher weniger interessiert. Der Weltklasseschwimmer übernimmt den Job nur notgedrungen. Nach einem homophoben Ausfall im Fernsehen versucht er dem französischen Schwimmverband seinen guten Willen zu beweisen und übernimmt den Coach-Job eines schwulen Teams, um eine Sperre zu vermeiden. Abgesehen von Joël (Roland Menou), dem ältesten Mitglied im Team, stört sich niemand allzu sehr an Matthias’ Homophobie. Immerhin ist er ein guter Schwimmer, und jeder der „Garnelen“ hat weit Schlimmeres gehört als eine abfällige Bemerkung in einem Interview. Ohnehin ist Matthias’ Befremden gegenüber den Männern schnell überwunden.

Die von Matthias repräsentierte heteronormative Öffentlichkeit bildet auch nicht die eigentliche Reibungsfläche der Erzählung. Es ist die Dynamik innerhalb des Teams, die das eigentliche Drama des Films ausmacht.

„Die Glitzernden Garnelen“ ist ganz um die Entfaltungsfreiheit der bunten Truppe homosexueller Sportler gebaut. Die Garnelen bilden ein ebenso vielfältiges wie unterhaltsames Kaleidoskop schwuler Identitäten. Wo andere Komödien sich oft nur flamboyanter oder promiskuitiver Persönlichkeitstypen bedienen, warten die Regisseure Maxime Govare und Cédric Le Gallo allein bei diesen beiden Stereotypen – die nur zwei unter vielen sind – mit dutzenden Variationen auf. Das schwule Wasserball-Team bringt gealterte Aktivisten, verheiratete Familienväter, unbelehrbare Hedonisten, bi-neugierige Heterosexuelle, promiskuitive Exoten und narzisstische Transsexuelle zusammen. Ein buntes Gefüge, das zwar der Homophobie geeint entgegentritt, im Inneren aber durchaus brüchig ist.

Exotik im bayerischen Wirtshaus

Die Lebensentwürfe, die sich in Hinblick auf sozialen Status, Alter, Familienstand und Erfahrungshorizont deutlich unterscheiden, bergen stets auch ein gewisses Konfliktpotenzial. Während man die feindselige Öffentlichkeit schnell mit dem eigenen Selbstbewusstsein überrollt, etwa ein bayerisches Wirtshaus, dessen Besucher von der Energie der exotischen Gäste überrumpelt und vereinnahmt werden, entstehen innerhalb der Gruppe immer wieder Reibereien. Wo die persönliche Freiheit das oberste Gut darstellt, muss sich das Interesse der Gemeinschaft eben mitunter hinten anstellen.

Die Streitgespräche gestalten sich dabei aber nicht als Gegenentwurf zum vielfältig-lauten Miteinander, sondern werden mit der gleichen Energie geführt, mit der auch gefeiert wird. Überhaupt ist das schwule Selbstbewusstsein der eigentliche Motor des Films. Das funktioniert so lange, wie die „Garnelen“ noch auf der Reise zu den Gay Games nach Kroatien sind. Auf der Straße, sprich: in der offenen Struktur eines Road Movies kann die Gruppe sich noch am ehesten entfalten. Im Stillstand, der für den Film oft gleichbedeutend mit dramaturgischen Zuspitzungen ist, droht dem Freiheitsdrang des bunten Schwimmteams hingegen die Luft auszugehen.

Wen zeigt das Tattoo?

Am besten ist „Die Glitzernden Garnelen“ dort, wo sich der Film dem dynamischen Wechsel aus Partys, Zoten, Diven-Gehabe und ernsthafter Auseinandersetzung mit der eigenen Identität hingibt. Die Regisseure präsentieren die Homosexualität stets mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Das trägt insbesondere den Humor des Films. Wenn Cédric (Michaël Abiteboul) die Reifen seines eigenen Wagens zersticht und homophobe Beleidigungen in den Lack kratzt, um vor seinem Ehemann die Lüge aufrechterhalten zu können, dass er auf eine Geschäftsreise fahre, ist das auch deshalb schön, weil es zeigt, dass der Film nicht vor Respektlosigkeit zurückschreckt. Im Gegenteil: Im Verlauf der Reise treibt es die Inszenierung so weit, dass das gesamte Team gebannt auf den Allerwertesten von Xavier (Geoffrey Couët) starrt, um zu entscheiden, wen das darauf befindliche Tattoo abbilden soll.

Die Truppe mag sich dabei nicht immer einig sein – in diesem Fall stehen Johnny Hallyday und Ryan Gosling als Vorschläge im Raum –, funktioniert aber gerade deshalb wunderbar als Einheit.

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