Schönheit & Vergänglichkeit

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 79 Minuten

Regie: Annekatrin Hendel

Dokumentarisches Porträt dreier ehemaliger Ostberliner Bohème-Größen, die in den letzten Jahren der DDR Wege jenseits der sozialistischen Gesellschaft erkundeten und sich ihre Unabhängigkeit teilweise bis heute bewahrt haben. Der Film setzt Gegenwart und Wende-Zeit in ein durchaus nostalgisch angehauchtes Verhältnis, wobei er die keineswegs repräsentativen Lebenslinien dennoch zu einer Innensicht einer bestens gealterten Subkultur verbindet. Die Narben der Diktatur wie der Anpassungsdruck im Kapitalismus bleiben nicht unerwähnt, spielen in der kreativen Parallelwelt anscheinend aber eher eine untergeordnete Rolle. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Annekatrin Hendel
Buch
Annekatrin Hendel
Kamera
Martin Farkas · Johann Feindt · Holly Tischman · Thomas Plenert · Heike Hetmanczyk
Musik
Robert Lippok
Schnitt
Gudrun Steinbrück
Länge
79 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt

Dokumentarisches Porträt dreier ehemaliger Ostberliner Bohème-Größen, die in den letzten Jahren der DDR Wege jenseits der sozialistischen Gesellschaft erkundeten und sich ihre Unabhängigkeit teilweise bis heute bewahrt haben.

Diskussion

Sven Marquardt besitzt keinen Führerschein. Wenn sich der schwer bemalte und dicht behängte Kunstfotograf öffentlicher Verkehrsmittel bedient, rückt ihm selten jemand auf die Pelle. Piercings und Tätowierungen sorgen für den gewünschten Abstand und damit für ein Gefühl der Autonomie. Das war Marquardt immer wichtig, auch schon zu DDR-Zeiten, weshalb die Filmemacherin Annekatrin Hendel ihren Blick von der Gegenwart in die Vergangenheit schweifen lässt. Anhand dreier sehr unterschiedlicher, aber miteinander verbundener Biografien erzählt sie exemplarisch von der letzten Erwachsenen-Generation der DDR.

Hendel ist an einer Form des „subversive(n), zugespitzte(n) Individualismus in einer Kultur (interessiert), die heute pauschalierend als „uniform“ bezeichnet wird“ (Presseheft). Angesichts der Vielzahl dokumentarisch aufgeblätterter DDR-Biografien der letzten Jahrzehnte, nicht zuletzt auch durch Hendels Vorgänger-Filme „Anderson“ oder „Familie Brasch“, fragt man sich allerdings, wer der DDR-Kultur eigentlich noch immer oder trotzdem eine gewisse Uniformität nachrühmen will.

Aus der Ostberliner Punk- und Bohème-Szene

„Schönheit und Vergänglichkeit“ entwirft anhand der Biografien von Marquardt und seinen Freunden Robert Paris und Dominique „Dome“ Hollenstein, alle Jahrgang 1962 und in der Ostberliner Punk- und Bohème-Szene künstlerisch – teilweise bis heute – kreativ, eine Art Innenansicht einer bestens gealterten Subkultur vor dem historischen Hintergrund einer höchst dekorativen Ostberliner Vorwende-Tristesse.

Aus heutiger Sicht ist Marquardt, als Türsteher des Clubs „Berghain“ der Prominenteste des Trios, die bunteste Persönlichkeit. Aber auch Hollenstein als Model und Modeschöpferin und Paris als Fotograf waren bekannte Kreative der Ostberliner Szene, deren Modenschauen den Flair anarchistischer „Volksbühnen“-Performances ausstrahlten.

Hendel kann auf allerlei Archivmaterial zurückgreifen, wenn es darum geht, die Geschichte der drei „schrägen Vögel“ (Hendel) vor dem Hintergrund der Endphase der fast lautlos implodierten DDR zu konturieren. Die Filmemacherin, ihrerseits Jahrgang 1964 und irgendwie wohl selbst auch ein bisschen ein „schräger Vogel“, interessiert sich erklärtermaßen für die „bunte“ Parallelgesellschaft in einer Welt, die eben nicht nur Grau-in-Grau gewesen sei. Im Presseheft schreibt Hendel: „Diese DDR kenne ich gar nicht. Vielleicht auch, weil sie mich als junger Mensch null interessiert hat.“ So mischt sich eine gute Portion parteiliche Bewunderung unter die Prenzlauer-Berg-Nostalgie.

Der Preis der Unabhängigkeit

Marquardt hat sich längst wieder der Fotografie zugewandt und ist als Künstler weltweit gefragt. Er wirkte ja schon in dem nicht weniger nostalgischen Dokumentarfilm „Berlin Bouncer“ über das legendäre Berliner Nachwende-Nachtleben mit. In „Schönheit und Vergänglichkeit“ fotografiert er nach langen Jahren wieder einmal sein einstiges Lieblingsmodell Hollenstein. Robert Paris reist aus Indien an, wo er eine Familie gegründet und offenbar mehrere Häuser gebaut hat; in den 1990er-Jahren hatte er Deutschland den Rücken gekehrt.

Im Gegensatz dazu haben es Marquardt und Hollenstein verstanden, sich jedem längeren Arbeitsvertrag zu verweigern und sich auf unterschiedlichen Anspruchsniveaus ihre Unabhängigkeit zu bewahren, obgleich immer mal wieder darauf gehofft wurde, sie würden sich früher oder später anpassen. Hollenstein erklärt einmal, dass sie auf ein festes Jobangebot einer Freundin nicht jubilierend reagiert habe, worauf die Freundin gesagt habe, sie könne nicht ewig fliegen. Ihr nach langen Jahren sehr zufriedenes „Doch, kann man!“ bringt den Film auf den Punkt. Zur Not könne sie im Alter immer noch Bastelstunden für sich langweilende Reiche geben.

Es bleibt immer noch Indien

Zwar ist zwischenzeitlich auch einmal von „Narben“ die Rede, die das Leben in Ostberlin hinterlassen habe, und auch „Stasisten“ und Anpassungsdruck bleiben nicht unerwähnt, aber unterm Strich scheinen diese drei Biografien gelungen, wenngleich wohl nicht unbedingt repräsentativ. In der Ostberliner Bohème lebte man, wiewohl kritisch registriert, in einer kreativen Parallelwelt; die Wendejahre waren zudem ein großes Experimentierfeld, und aktuell existiert es sich mit Kindern, Katzen oder Kunst ganz gut, wenngleich man allmählich anfangen muss, sich Gedanken über die Gesundheit zu machen. Falls die Rente dürftig ausfällt, bleibt immer noch Indien. Schließlich, so Robert Paris, änderten sich die Ansprüche, je nachdem, wo man lebt. Seine Indien-Fotos ähneln im Übrigen seinen alten Arbeiten aus Ostberliner Zeiten; sie sind nur etwas bunter.

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