Buñuel im Labyrinth der Schildkröten

Abenteuer | Spanien/Niederlande/Deutschland 2019 | 80 Minuten

Regie: Salvador Simó

Anfang der 1930er-Jahre hat sich der Spanier Luis Buñuel mit provokanten surrealistischen Filmen einen Namen gemacht, steht aufgrund der Skandale aber ohne potenzielle Geldgeber da. Als sein Freund Ramón Acín im Lotto gewinnt, reist Buñuel in die bitterarme Region „Las Hurdes“, um dort einen Dokumentarfilm zu realisieren, der zum Wendepunkt in seinem Leben wird. Als Animationsfilm in gedämpften Tönen realisiertes biografisches Drama, das von einer eindringlichen Musik unterlegt ist. Der Film entwirft ein plastisches Bild von Luis Buñuel mit all seinen Albträumen, Phantasmen und Kindheitserinnerungen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BUÑUEL EN EL LABERINTO DE LAS TORTUGAS
Produktionsland
Spanien/Niederlande/Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Salvador Simó
Buch
Eligio R. Montero · Salvador Simó
Kamera
Jose Manuel Piñero
Musik
Arturo Cardelús
Schnitt
Jose Manuel Piñero
Länge
80 Minuten
Kinostart
26.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Abenteuer | Animation | Biopic | Comicverfilmung

Animationsfilm über den jungen Luis Buñuel, der Anfang der 1930er-Jahre beschließt, eine Dokumentation über die bitterarme spanische Region Las Hurdes zu drehen.

Diskussion

Zwei Männer kommen angeheitert aus einer Bodega in Saragossa: „Wenn ich Weihnachten in der Lotterie gewinne, zahle ich dir den Dokumentarfilm“, verspricht der anarchistische Bildhauer Ramón Acín seinem Freund Luis Buñuel. „Das wäre wirklich surrealistisch!“, krächzt der Filmemacher. Monate später steht der glücklich Lotteriegewinner Acín dann tatsächlich vor laufender Kamera und soll für „Las Hurdes - Land ohne Brot“ (1933) einem lebenden Hahn den Kopf abreißen.

Warum Buñuel nach seinen ersten beiden provokanten Filmen „Ein andalusischer Hund“ (1928) und „Das goldene Zeitalter“ (1930) ausgerechnet einen Dokumentarfilm über die ärmsten Regionen Spaniens machen wollte, schilderte der Zeichner Fermín Solis in seiner Graphic Novel „Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“. Zusammen mit Eligio R. Montero hat er nun auch das Drehbuch zu dem gleichnamigen Animationsfilm von Salvador Simó geschrieben.

Die Gegner intervenierten beim Vatikan

1930 und 1931 waren dunkle Jahre im Leben des Luis Buñuel. Zwar setzte er sich mit den beiden Meisterwerken „Ein andalusischer Hund“ und „Das goldene Zeitalter“ an die Spitze der surrealistischen Bewegung, doch insbesondere „Das goldene Zeitalter“ zog heftige Anfeindungen und ein Aufführungsverbot nach sich; schlimmer aber war, dass Buñuel alle Mäzene verlor. Seine Gegner intervenieren sogar beim Vatikan, um ein lebenslanges Arbeitsverbot für den spanischen Filmemacher zu erwirken.

Nur durch den Lottogewinn von Ramón Acín konnte Buñuel den Dokumentarfilm „Las Hurdes“ realisieren, über die gleichnamige Region in der spanischen Extremadura. Die Menschen lebten dort in so bitterer Armut, dass dies sogar die Fantasien Buñuels überstieg: „Las Hurdes: 8000 Menschen in 52 Dörfern. Wir fahren hoch in die Berge. Da sind die Menschen am ärmsten.“ Kleine Dörfer, die mit ihren buckeligen Dächern von oben wie ein Labyrinth aus Schildkrötenpanzern wirken. Die abgestumpften Blicke der Einwohner, die Krankheiten durch Unterernährung, die halbzerfallenen Hütten, die mit der golden-prunkvollen Einrichtung der Kirche kontrastieren, die mageren Dorfkinder, die von der Schultafel abschreiben müssen: „Du sollst das Eigentum der Anderen achten!“, sind deutliche Bilder der Unterentwicklung und sozialen Misere, die Buñuel im Stile ethnografischer Expeditionsfilme und der nachgestellten Wirklichkeit à la Robert Flaherty inszeniert.

Las Hurdes - Land ohne Brot“ wurde nach seiner Fertigstellung 1933 von der konservativen Regierung sogleich verboten und kam erst 1936 – schon während des Bürgerkrieges – zur Aufführung.

Ein Wendepunkt im Leben Buñuels

Der Animationsfilm „Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ erzählt von den Dreharbeiten, die einen Wendepunkt im Leben des Filmemachers markieren. Buñuel wandelte sich vom spanischen Bürgersöhnchen, der in Paris der reinen Provokation frönte, zum sozial engagierten Filmemacher, dessen Engagement mit einem fundamentalen Misstrauen gegenüber der sichtbaren Wirklichkeit einherging.

In seinem Regiedebüt optiert der erfahrene Animationstechniker Salvador Simó für eine auf angenehme Weise schlicht wirkende 2D-Animation, bei der die Brauntöne überwiegen und die von einer intelligent-eindringlichen Filmmusik unterlegt ist. Der Film entwirft ein plastisches Bild von Luis Buñuel mit all seinen Albträumen, Fantasmen und Kindheitserinnerungen. Durch seine Träume laufen Elefanten und Giraffen; eine wichtige Rolle spielen die breiten Hände seines übergroßen Vaters; nachts quälen Buñuel Erinnerungen an seine streng katholische Erziehung.

Man erlebt Buñuel und seine Freunde aber auch, wie sie 1937 Propagandafilme für die Republik in der spanischen Botschaft in Paris montieren, zusammen mit dem Kameramann Éli Lotar und dem Cutter Pierre Unik, die beide aus dem Umfeld des Surrealismus stammten.

Ein posthumes „Making of“

„Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ ist auch eine Hommage an Ramón Acin, der 1936 zu Beginn des Bürgerkriegs von spanischen Faschisten ermordet wurde. Wenn die Bergziegen auf den Felsen klettern oder Acín versucht, dem am Fuß aufgehängten Hahn den Kopf abzureißen, montiert Simó die schwarz-weißen Originalsequenzen aus „Las Hurdes – Land ohne Brot“ in die farbige Animation – eine Art posthumes „Making of“.

Unterm Strich ist „Buñuel - Im Labyrinth der Schildkröten“ ein sehenswertes und unterhaltsames Stück Filmgeschichte, auch weil der Film sehr eindringlich eine drückende soziale Realität wiedererstehen lässt, die 1936 im Spanischen Bürgerkrieg eskalierte.

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