All I Never Wanted

Mockumentary | Deutschland 2018 | 92 Minuten

Regie: Leonie Stade

Zwei junge Filmemacherinnen drehen eine Doku über eine 17-jährige Jugendliche, die für eine Model-Karriere ihr Abitur sausen lässt, dabei aber ähnlich viele Kompromisse wie eine ältere Schauspielerin machen muss, die von einer Jüngeren ausgebootet wird. In den elegant ineinander geschachtelten Episoden verwischt die Unterscheidung zwischen Satire und Realsatire, wie sich auch die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation aufheben. Eine feministische Tragikomödie mit selbstironischen Untertönen, die als Mockumentary ein allumfassendes System der Ausbeutung aufspießt und dabei auch nicht den Anteil der Ausgebeuteten daran vergisst. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Leonie Stade · Annika Blendl
Buch
Annika Blendl · Oliver Kahl · Leonie Stade
Kamera
Mateusz Smolka
Musik
Meredi
Schnitt
Nina Ergang
Darsteller
Mareile Blendl (Mareile) · Lida Freudenreich (Nina) · Jochen Strodthoff (Jochen) · Judith Neumann (Svenja) · Mathias Herrmann (Matthias)
Länge
92 Minuten
Kinostart
12.12.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Mockumentary | Tragikomödie

Satirische Doku-Fiction um zwei junge Filmemacherinnen, ein 17-jähriges Model und eine ältere Schauspielerin, die in der Theater-, Film- und Modewelt solange Kompromisse machen, bis sie selbst Teil des Systems werden, das ihnen – und anderen – so übel mitgespielt hat.

Diskussion

Filmemacherin, Model, Schauspielerin sind vermeintliche Traumberufe im Medienzirkus. Da fehlt eigentlich nur noch die Influencerin, aber das ist man als Model inzwischen fast zwangsläufig, wie man in der Mediensatire „All I Never Wanted“ von Annika Blendl und Leonie Stade lernt.

Zu Beginn folgt man den beiden Regisseurinnen im Stil eines Dokumentarfilms, der die Filmemacherinnen selbst in den Blick nimmt. Auf dem Münchner Filmfest wollen Blendl und Stade wichtige Kontakte knüpfen und vor allem Finanziers für ihr Abschlussprojekt an der Filmhochschule finden. Doch zunächst werden sie mit den Worten „Wir haben hier echte Promis“ vom roten Teppich gescheucht. Da hilft auch der Verweis auf einen Dokumentarfilm von ihnen, der früher schon mal auf dem Filmfest gelaufen ist, nicht weiter.

Dieser Film, der 2015 tatsächlich auf dem Münchner Filmfest zu sehen war, heißt „Mollath“ und ist das etwas einseitige Porträt des gleichnamigen Mannes, der Opfer eines bayerischen Justizirrtums wurde und jahrelang in der forensischen Psychiatrie saß. Nun folgt mit „All I Never Wanted“ vorgeblich ein weiterer Dokumentarfilm, diesmal über Frauen in der erbarmungslosen Medienbranche.

Der Erfolg des Dekolletés

Auf einer Filmfest-Party tun die beiden schließlich doch noch einen Produzenten auf, auch wenn der mehr an Stades Dekolleté interessiert scheint denn an den „Erfolgsstorys“, die das Projekt vermeintlich verspricht.

In „All I Never Wanted“ erzählen Blendl und Stade von weiblichen Biografien an Wendepunkten. Mareile Blendl, die Schwester der Filmemacherin Annika Blendl, die hier unter ihrem eigenen Namen spielt und tatsächlich Schauspielerin ist, wird als etwa 40-jährige Fernseh-Kommissarin durch eine jüngere Kollegin ersetzt und findet ein Engagement am Provinztheater in Lindau, wo ein cholerisch-chauvinistischer Regisseur ihr fortan das Leben schwermacht. Die 17-jährige Nina pausiert von der Schule, um in Mailand als Model Karriere zu machen, findet sich dort aber in einem zynischen System wieder. Nina wird mit autobiografischen Anleihen von dem Model Lida Freudenreich verkörpert.

Auch Blendl und Stade wollen mit ihrem Abschlussfilm den Sprung in den Arbeitsmarkt schaffen; sie sehen sich im Verlauf des Films deshalb zunehmend wirtschaftlichen Zwängen unterworfen – ein Druck, den nicht zuletzt auch ihre Protagonistinnen zu spüren bekommen.

Gepixelte Casting-Gesichter

Vor allem in dem Strang, der sich um Nina dreht, fließen dokumentarische Passagen mit ein; zumindest sprechen die gepixelten Gesichter bei diversen Castings dafür, an denen Nina teilnimmt; allerdings könnten auch diese Passagen mockumentarisch inszeniert sein.

Doch das Rätselraten, ob bestimmte Geschehnisse nun dokumentarisch oder (teil-)inszeniert sind, ist eher sportiv und führt nicht weit, da das Verschwimmen der Grenzen Programm ist. Bitterkomisch und unerbittlich fließen Satire und Realsatire in den elegant alternierenden Episoden ineinander. Die Regisseurinnen bewegen sich dabei schlafwandlerisch sicher durch die hybride Form, die hier die einzig angemessene zu sein scheintste.

Der Humor ist nicht sonderlich mittelbar oder subtil, sondern kommt durchaus auch mit dem Holzhammer daher. Aber brachial ist manchmal eben auch witzig. Vor allem, wenn die Welt, über die hier erzählt wird, noch weit brachialer ist.

Zubeißen an den richtigen Stellen

„All I Never Wanted“ ist eine feministische Tragikomödie, die genau beobachtet und an den richtigen Stellen zubeißt. Dabei geht es auch um Alter und Jugend. Denn ironischerweise ersetzt Mareile am Provinztheater eine wesentlich jüngere Kollegin als Johanna von Orléans. Der Grund dafür sind männlich-wirtschaftliche Überlegungen zu Prominenz, Medienecho und Erfolg.

Das Lachen ist deshalb nicht selten ein Lachen über sich selbst, das beizeiten im Hals stecken bleibt. Auch deshalb, weil die Regisseurinnen hart mit sich, ihren Rollen und vermeintlichen Zwängen ins Gericht gehen. Die Einzige, die den Überblick wahrt, das System der Ausbeutung durchschaut und das in einigermaßen seherischen Worten artikuliert, ist eine Sexarbeiterin: Am Ende machen wir alle dann das, was wir nie wollten.

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