Drama | Portugal/Argentinien/Frankreich 2019 | 98 Minuten

Regie: Ico Costa

Ein portugiesischer Ziegenhirte hat sich in der Einsamkeit einer dichtbewachsenen Hügellandschaft verschanzt und begeht aus Rache ein Verbrechen. Anschließend flieht er wie ein Tier in die Natur, wo er sich versteckt, bis ein Bad in einem Fluss eine Wende bewirkt. Der auf körnigem 16mm-Material gedrehte Film folgt der schroffen Figur auf immersive Weise, ohne ihr wirklich nahezukommen. Nebenbei kommt ein berückend-rauer Landschaftsfilm zum Vorschein, der in seiner betonten Reduktion aber forciert wirkt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ALVA
Produktionsland
Portugal/Argentinien/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Ico Costa
Buch
Ico Costa
Kamera
Hugo Azevedo
Schnitt
Ana Godoy · Francisco Moreira
Darsteller
Henrique Bonacho (Henrique)
Länge
98 Minuten
Kinostart
12.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Krimi

Minimalistischer Film über einen portugiesischen Ziegenhirten, der sich nach einem Verbrechen in einer dichtbewachsenen Hügellandschaft verschanzt hat.

Diskussion

Der Ziegenhirte Henrique ist ein knorriger Mann mit tiefen Falten unter den müden Augen. Sein Alter ist schwer zu schätzen; er könnte 40 Jahre alt sein, aber genauso gut auch 60. Das Markanteste an seiner Erscheinung ist sein Mund, der sich zu einer kurzen, schmalen und gepressten Linie formt. Henrique tut sich schwer damit, ihn aufzumachen – sein Schweigen hat etwas Verdruckstes, geradezu Feindseliges.

Henrique führt das Dasein eines Eremiten, der sich in seine Einsamkeit regelrecht festgebissen hat. Abseits allen menschlichen Lebens haust er in einem heruntergekommenen Bau. Überall türmen sich Gerümpel und Abfall, an der Wand hängt ein zerknittertes Fußballposter. Anfangs sieht man, wie er den Inhalt einer Konserve in einen Topf kippt und aufwärmt. Wie er direkt aus dem Topf isst, den er auf seinen Knien abgestellt hat. Oder wie er ein Gewehr hervorholt und es zu putzen beginnt. Zwischendurch ist er mit seinen Schafen und dem Hund draußen, wo es regnet. Später fährt er mit dem Auto ins Dorf, versteckt sich hinter einer Hauswand und beobachtet einen Schulbus. Mit dem gezückten Gewehr klingelt er an einer Haustür. Schüsse fallen. Dann flüchtet er in den Wald.

Beeren und Blätter als Nahrung

In seinem ersten Langfilm folgt der portugiesische Filmemacher Ico Costa einem Mann, der beobachtet, lauert und sich versteckt. Sein Tun hat etwas Animalisches. Die Ziegen und Schafe mit ihren fröhlich bimmelnden Glöckchen wirken im Vergleich zu ihm fast schon zivilisiert. Wie ein Tier sucht er auf dem Boden nach Nahrung; er angelt unreife Beeren von den Büschen und Bäumen, isst Blätter und ein Stück Rinde. Einmal stürzt er sich wie wild auf eine Ziege und grillt sie über dem Feuer. Seine Flucht scheint ausweglos; ein Suizidversuch wird abgebrochen. Erst ein Bad in einem Fluss, der dem Film seinen Namen gibt, bringt eine Wende. Im besten Anzug, gewaschen und rasiert, kehrt Henrique ins Dorf zurück.

Der Film gibt über den schroffen Mann wenig preis. Sein Gewaltausbruch, so viel wird klar, hat mit seiner familiären Situation zu tun. Von Frau und Töchtern lebt er zwangsweise getrennt; das Opfer war eine Psychologin, die mit der staatlichen Fürsorge zusammenarbeitete.

Mit Reduktion hat „Alva“ jedoch nur bedingt zu tun. Die Sparsamkeit der Erzählung wirkt forciert, da man in den Erfahrungsraum dieses Mannes regelrecht hineingestoßen wird. Die Kamera ist nahe an Körper und Bewegungen; wenn Henrique lauert, lauert der Film mit ihm, wenn er stürzt, verfängt sie sich im Chaos. Ein Entkommen gibt es auch für die Zuschauerin nicht.

Die Farben sind warm und satt

„Alva“ wäre ein rundum frostiger Film, wenn er nicht auf wunderbar haptischem 16mm-Filmmaterial gedreht worden wäre. Das Bild atmet, die Farben sind warm und satt. Alles sieht irgendwie anziehend aus, der Matsch ebenso wie eine durchgelegene alte Matratze oder ein verdreckter Laminatfußboden, die hügelige, dichtbewachsene Natur sowieso – und das in jeder Wetterlage. Unter der etwas frustrierenden Erzählung eines gewalttätigen Mannes liegt ein wunderschön-rauer Landschaftsfilm – was dann doch ein wenig merkwürdig ist.

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