Dokumentarfilm | Deutschland/Großbritannien/Dänemark/USA 2018 | 90 Minuten

Regie: Victor Kossakovsky

Wasser ist nicht nur der Quell allen Lebens, sondern bedroht in Gestalt des Klimawandels zunehmend auch die menschliche Zivilisation. Das entfesselte Filmessay stürzt sich mit hochauflösenden Kameras und 96 Bildern in der Sekunde ins schmelzende Packeis oder einen tosenden Sturm, um die zerstörerische Gewalt der Wassermassen erfahrbar zu machen. Mit überwältigenden Bildern beschwört der Film die archaischen Kräfte des Wassers, seine Schönheit wie seine unerbittliche Willkür. Allerdings wirken die spektakulären Aufnahmen mitunter wie wohlfeile Trophäen, da ihnen eine erzählerische Metaebene fehlt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
AQUARELA
Produktionsland
Deutschland/Großbritannien/Dänemark/USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Victor Kossakovsky
Buch
Victor Kossakovsky · Aimara Reques
Kamera
Ben Bernhard · Victor Kossakovsky · Victor Kossakovsky
Musik
Eicca Toppinen
Schnitt
Molly Malene Stensgaard · Ainara Vera
Länge
90 Minuten
Kinostart
12.12.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein entfesseltes Filmessay über die Schönheit, aber auch die zerstörerische Gewalt von Wassermassen in all ihren Aggregatzuständen.

Diskussion

Ein Auto rast über die endlose Eisfläche des russischen Baikalsees. In den Weiten der weißen Landschaft wirkt das Gefährt wie ein kleiner Fleck am Horizont. Einen Augenblick später ist es plötzlich ganz verschwunden; das Filmteam schreit auf, und die Kamera begibt sich in heller Panik in die trügerische Ruhe des gefrorenen Wassers hinaus.

Es ist nicht das erste Fahrzeug, das hier ins Eis eingebrochen ist, obwohl die Oberfläche des Sees zwischen Januar und Mai eigentlich als stabil gilt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Ohne große Anteilnahme hält die Kamera auf einen blutenden Mann, der es aus der sinkenden Karosserie geschafft hat. Verzweifelt liegt er auf dem Eis, unter dem sich die Konturen eines anderen Körpers abzeichnen. Für seinen Begleiter kommt jede Rettung zu spät. Doch der Dokumentarfilm „Aquarela“ interessiert sich nicht für individuelle Schicksale. Er will mit der ganzen Kraft des Kinos zeigen, was Naturgewalten bedeuten, weniger für uns Menschen, mehr für die Entwicklung des Planeten.

Riders on the Storm

Der russische Regisseur Viktor Kossakowski hat mit extrem hochauflösenden Kameras und 96 Bildern pro Sekunde einmalig schöne und gleichermaßen erschreckende Aufnahmen des schmelzenden Packeises eingefangen. Dabei setzte er sein eigenes Leben und das seines Filmteams immer wieder aufs Spiel.

In mehreren Episoden zeigt sich das Wasser als unerbittlicher Protagonist in vielfältigsten Formen: ob als kalbender Eisberg, als tobender Meeressturm, Tsunami oder machtvoller Wasserfall. Das Element, dem der Großteil allen Lebens zu verdanken ist, erscheint hier extrem bedrohlich und zerstörerisch, so als wäre es der Menschen überdrüssig geworden.

Untermalt werden die majestätischen Bilder oft von Heavy-Metal-Tönen des finnischen Cellisten Eicca Toppinen, der auch Mitglied der Band „Apocalyptica“ ist. Sie unterstreichen die Weltuntergangsstimmung, die sich mit dem Bewusstsein des Klimawandels einstellt. Wie ein wütender Gott wälzt sich das Wasser in tosenden Wogen oder stürzenden Eisblöcken vorwärts, auf die Ränder der bewohnten Küsten zu.

Kossakowski stellt diese Kausalkette allerdings nicht sofort über eine Montage her, sondern lässt die Zuschauer lange bei den Bildern des schmelzenden Eises verharren, ohne eine weitere Rahmung vorzugeben. Nie weiß man so genau, wo man sich gerade befindet. Die Eiswüste erscheint endlos. Umso erschreckender ist es, mit welcher Geschwindigkeit sie sich aufzulösen beginnt.

Nach uns die Sintflut

Ein Segelschiff ist der einzige Anhaltspunkt für die Größenverhältnisse der Eisberge. Auch hier riskiert Kossakowski auf der Jagd nach Motiven Kopf und Kragen. Denn die ins Wasser stürzenden Brocken schlagen immer wieder ganz in der Nähe des Schiffes ein, das neben den Eismassen wie eine Nussschale wirkt. Der Schwere und Kraft des gefrorenen Wassers lässt sich nichts entgegensetzen; alles wird von ihm mitgerissen.

Man sieht die Schiffscrew noch in einer weiteren Szene, bei einem Sturm auf offener See. Die erfahrene Kapitänin Hayat Mokhenache hat schon elf Mal den Ozean überquert, doch die haushohen Wellen und Windgeschwindigkeiten von über 70 Stundenkilometer bringen auch sie an ihre Grenze. Für die Filmcrew gibt es keinen Weg aus dem Sturm; das Schiff kann nicht mehr manövrieren, es kommt jetzt alles darauf an, es stabil zu halten.

Der Film setzt auf affektive Überwältigung

Diese extremen Erfahrungen steigern sich auf der großen Leinwand ins Enorme. „Aquarela“ setzt ganz auf die affektive Überwältigung der Zuschauer durch die archaischen Kräfte des Wassers. Dabei wechseln die Einstellungen zwischen eher kontemplativen Momenten und solchen, die zutiefst erschüttern. Das Sublime der Natur ist stets an das Ende des Menschlichen gekoppelt. So wird im ganzen Film kaum ein Wort gesprochen.

Als die Wassermassen nach über einer Filmstunde endlich auf Land treffen, sind die Straßen leergefegt. Einige Tiere, darunter Hunde und ein Schwein, haben sich auf die Treppen einer Veranda gerettet und blicken hilflos auf die Überschwemmung, die den örtlichen Friedhof unter sich begraben hat. Zwischen den steinernen Monumenten, die die Zeit überdauern sollten, sucht jetzt ein Fischreiher nach Nahrung.

Wenn dann auch noch ein Hurrikan durch die Straßen von Miami peitscht und man zumindest das eine Mal kurz verorten kann, wo man sich gerade befindet, wird klar, wie fragil und gefährdet eine hochtechnisierte Gesellschaft ist. Das Wasser zerstört kleine Dörfer ebenso schnell wie asphaltierte Städte und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung.

Es fehlt eine ästhetische Metaebene

„Aquarela“ ist ein Statement über die Folgen des Klimawandels, wobei der Film auf die Mobilisierung der Zuschauer setzt, ohne didaktisch sein zu wollen. Dabei gerinnt die Inszenierung allerdings oft zum reinen Spektakel, ohne dass die Bilder eine eigene Metaphorik entwickeln würden. Er gibt weniger zu denken als zu sehen, was der politischen Dimension des Films abträglich ist. Denn auch wenn die spektakulären Aufnahmen ihre Wirkung entfalten, erscheinen sie doch oft wie Trophäen des Regisseurs, die über ihren Schauwert nicht hinauskommen, weil die Anschlüsse an andere Bilder fehlen.

Dabei ginge es gerade beim Thema Klimawandel darum, die umfassenden Kontexte denkbar zu machen. Anders als vergleichbare Filme wie etwa die Arbeiten von Godfrey Reggio fehlt „Aquarela“ eine ästhetische Metaebene. Das nimmt der Schönheit der einzelnen Einstellungen zwar nichts von ihrem Reiz, rauscht am eigentlichen Thema aber haarscharf vorbei.

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