Dokumentarfilm | Schweiz 2019 | 94 Minuten

Regie: Stéphane Riethauser

Der Dokumentarist Stéphane Riethauser, Sohn einer großbürgerlichen Schweizer Familie, erforscht sein eigenes Leben, das zunächst von Erwartungen an seine Rolle als Stammhalter und der Unterdrückung seiner Homosexualität geprägt war, bis er sein Coming-Out wagte. Die materialreiche und vielfältige Reflexion gewinnt einen besonderen Reiz durch die Verschränkung mit der Biografie der Großmutter, die ebenfalls ein Leben jenseits vorgeschriebener Normen führte. Über dieses Doppelporträt weitet sich der Film zur analytischen Auseinandersetzung mit den negativen Folgen geschlechtsspezifischer Rollenbilder. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MADAME
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Stéphane Riethauser
Buch
Stéphane Riethauser
Kamera
Luc Riethauser · Stéphane Riethauser · Marcus Winterbauer
Musik
David Perrenoud
Schnitt
Natali Barrey
Länge
94 Minuten
Kinostart
12.12.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Selbstreflexiver Dokumentarfilm, in dem der Schweizer Regisseur Stéphane Riethauser seine eigene Entwicklung vom betont maskulinen Stammhalter einer bürgerlichen Familie zum homosexuellen Aktivisten mit der Geschichte seiner selbstbewussten Großmutter verknüpft.

Diskussion

Irgendwann beim Sehen von Stéphane Riethausers beeindruckend materialreichem Doppelporträt „Madame“ beginnt man sich fast zwangsläufig zu fragen, wer wohl die Geschichten derer erzählt, die nicht schon im Kindesalter damit begonnen haben, das eigene Leben mit der Videokamera zu dokumentieren oder Tagebuch zu schreiben. Und die keinen Vater hatten, der seinerseits mit dem Filmbusiness kreativ liebäugelte. Denn erst ein umfangreiches Archiv macht eine derart minutiöse autobiografische Recherche wie „Madame“ möglich, dessen Material in der Retrospektion das Bewusstsein des Schöpfers weit übersteigt.

Doch Riethauser spielt über Bande, denn „Madame“ ist zunächst einmal ein filmischer Brief an die verstorbene Großmutter, die Zeit ihres Lebens wenig Glück in der Liebe hatte, weil sie auf ihrer Unabhängigkeit beharrte. Der Enkel hat seine ungewöhnliche Großmutter mit der Kamera zu ihrer außergewöhnlichen Biografie befragt und diese Interviews mit einschlägigem Archivmaterial illustriert.

Selbstständig und freiheitsliebend

Carolina della Buffa wurde streng und traditionell erzogen, früh verheiratet und, als sie sich von ihrem Mann trennte und sich als alleinerziehende Mutter durchschlug, von ihrer Familie verstoßen. Als erfolgreiche Geschäftsfrau brachte sie es zu einigem Reichtum; sie war die zweite Frau überhaupt, die in Genf einen Führerschein machte.

Das Automobil und eine Villa an der Côte d’Azur symbolisierten ihre Unabhängigkeit, doch auch die zweite Ehe scheiterte und ihre einzige große Liebe zerbrach daran, dass sie ihrem Geliebten, einem erfolgreichen Genfer Geschäftsmann, zu selbstständig und freiheitsliebend war.

Als Geschäftsfrau wechselte „Madame“ in den Kunsthandel, eröffnete ein Restaurant, wurde Schauspielerin und entdeckte im hohen Alter die Malerei für sich. Eine solche Frau kann sehr wohl für ein selbstbestimmtes Leben als Vorbild dienen. Wiederholt sind im Film Nachrichten zu hören, die die Großmutter auf dem Anrufbeantworter des Enkels hinterließ: Alltagsgedanken, fantasievoll und von literarischer Qualität.

Stéphane Riethausers Kampf um seine eigene Selbstbestimmung weist, obschon 60 Jahre später, im Jahr 1972 geboren, eine vergleichbare Gemengelage auf. Er wuchs in gutsituierten bürgerlichen Schweizer Verhältnissen auf und erhielt eine entsprechende Ausbildung inklusive Elite-Studium in den USA, um die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Riethauser sollte einmal als „richtiger Mann“ mit den entsprechenden Werten als Teil der Führungselite der Schweiz fungieren. Allerdings kamen ihm andere Neigungen und Zweifel in die Quere, die ihn zu einem schmerzvollen Doppelleben zwingen, bis er sein Coming-out wagt.

Die Recherche schöpft aus dem Vollen

Was das autobiografische Material angeht, das Riethauser für seine Recherche in eigener Sache nutzt, so schöpft er hier aus dem Vollen. Er verfügt über selbst gedrehte Filme, Tagebücher, Fotos von Experimenten „in drag“, erzählt vom Begehren und von der Überkompensation durch ein explizit homophobes Alter Ego. Das Ganze wird überdies klug und nicht selten selbstironisch von ihm selbst oder durch Pop-Referenzen („Dreams are my Reality“) kommentiert.

Erstaunlicherweise ist das Material viel klüger und offener im Hinblick auf die uneingestandene Homosexualität, als es Riethausers Selbsterfahrung gewesen zu sein scheint. Rückblickend sind die Hinweise darauf jedenfalls erstaunlich dicht und eigentlich kaum zu übersehen. Heterosexuelle Affären dienen als Rückversicherung der eigenen Normalität, die durch homophobe Entgleisungen unterfüttert werden. Doch dem Filmemacher geht es um mehr als um seine Autobiografie: Er macht anschaulich, wie durch öffentliche Bilder und Sprache die heteronormativen Geschlechtercharaktere in die Körper eingeschrieben und „Männer“ und „Frauen“ modelliert werden.

Das Leben als steter Kampf

Riethausers Vater, der einst selbst einen kritisch-grotesken Amateurfilm zu diesem Thema gedreht hatte, machte seine künstlerischen Ambitionen zum Hobby und wurde zum Steuerberater. Als sein Sohn sich ihm schließlich offenbart, bricht er entsetzt in Tränen aus, vielleicht auch, weil er als Agent der Reproduktion des Status quo (Heiraten, Kinder bekommen, eine Familie gründen, den Familienstammbaum fortschreiben) versagt hat.

Als Riethauser schließlich nach seinem Coming-out als Aktivist zu einer öffentlichen Figur wird, scheint die Großmutter dies nicht bemerken zu wollen. Doch hatte sie, die das Leben als steten Kampf erfuhr, nicht einst einen Ratschlag auf den Anrufbeantworter gesprochen: „Der Mut des Verstandes ist stärker als die Stürme des Herzens!“? Erst nach längerem Beschweigen und einem überraschend deutlichen Ausfall stärkt „Madame“ ihrem Enkel den Rücken. Dann aber rückhaltlos, empathisch und voller Stolz.

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